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Hat Schill & Seilacher in Pirna eine Zukunft?

Das Chemiewerk bangt um eine wichtige Genehmigung. Vorsorglich sucht es einen Ersatzstandort – außerhalb Sachsens.

© Marko Förster

Von Christian Eissner

Pirna. Es ist ein Betrieb im fortwährenden Ausnahmezustand. Im Dezember 2014 hatte es im Chemiewerk Schill & Seilacher in Pirna-Neundorf eine schwere Explosion gegeben, die einen Mitarbeiter das Leben kostete, Anlagen-Trümmer schlugen auf angrenzenden Wohngrundstücken ein. Seither beherrscht das Thema Sicherheit den Umgang von Behörden und Öffentlichkeit mit der Firma. Das Unternehmen, das in Pirna nach eigenen Angaben 160 Menschen beschäftigt, wünscht sich, zur Normalität zurückzukehren – und will in diesem Jahr einen letzten Schritt dazu gehen: Es möchte die sogenannte P-1-Anlage wieder in Betrieb nehmen, die Reaktoren zur Herstellung verschiedener Chemikalien umfasst. Hier war es 2014 zu dem Unfall gekommen. Sollte es keine Genehmigung geben, werde man den Standort Pirna nach und nach aufgeben, teilt Schill & Seilacher nun mit.

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Die Landesdirektion Dresden hatte nach der Havarie die komplette Stilllegung des Betriebes angeordnet, auch die nicht betroffenen Anlagen mussten abgeschaltet werden. „So etwas“, sagt der Pirnaer Werkleiter Uwe Dittrich, „hat es in Deutschland meines Wissens zuvor noch nie gegeben.“ Rund 60 technische Einrichtungen gebe es im Pirnaer Werk, erläutert der Chemiker. Für jede einzelne habe das Unternehmen, das auch in Hamburg, Böblingen und den USA produziert, sicherheitstechnische und andere Gutachten erstellen müssen, um sie wieder ans Netz nehmen zu können. 250 Gutachten seien so insgesamt zusammengekommen, verbunden mit entsprechenden Kosten, erläutert Rüdiger Ackermann, Gesamtgeschäftsführer von Schill & Seilacher. „Der Aufwand, den wir betreiben mussten, war enorm.“

Für die Wiederinbetriebnahme der P-1-Anlage – modernisiert und mit verbessertem Sicherheitsstandard – wird er wohl nochmals höher sein. Denn die Stadt Pirna ging im aktuellen Baugenehmigungsverfahren mit skeptischen Tönen an die Öffentlichkeit. Das hat Schill & Seilacher kalt erwischt. Der Stadtrat sollte Anfang Februar sein Einvernehmen im Zuge des vom Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge geführten Verfahrens zum Wiederaufbau der P-1-Anlage erteilen. Die Stadtverwaltung empfahl den Räten allerdings, nein zu sagen – aufgrund von Sicherheitsbedenken.

Schill & Seilacher

Aus sechs- bis siebenhundert Rohstoffen stellt Schill&Seilacher etwa fünfhundert Produkte her. Es handelt sich um Spezial-Chemikalien, um Hilfsstoffe, die man zur Produktion anderer Waren braucht, unter anderem für Papiere, Textilien, Lederwaren, Kosmetik und für die Metallverarbeitung.

Der Unfall im Dezember 2014 im Pirnaer Werk geschah bei der Probe-Produktion eines neuen Flammschutzmittels. Dabei starb der Entwicklungsleiter des Unternehmens, vier Arbeiter wurden teils schwer verletzt. Die Produktion der Chemikalie werde nicht wieder aufgenommen, betont das Unternehmen. (SZ)

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„Zeitpunkt und Inhalt der Veröffentlichung, ohne dass zuvor mit uns gesprochen wurde, waren sehr ungewöhnlich“, kritisiert Schill-Seilacher-Geschäftsführer Rüdiger Ackermann. Das sei ein merkwürdiger Umgang mit einem Unternehmen, das man am Standort halten wolle. Für zusätzliche Irritationen sorgte, dass Schill & Seilacher für die Ratssitzung, auf der zum Bauantrag entschieden werden sollte, keine Einladung bekam, um mögliche Nachfragen beantworten zu können. Letztlich wurde der Punkt ganz von der Tagesordnung gestrichen.

Werkleiter Uwe Dittrich sagt, er sei entsetzt gewesen, als er die Beschlussvorlage für den Stadtrat gelesen habe. „Sie enthält eine Menge nicht haltbarer Behauptungen.“ Unter anderem hatte Pirna kritisiert, dass kein unabhängiges Sicherheitsgutachten für die Anlage vorliege.

Mehr Sachlichkeit vom Rathaus gefordert

Der Pirnaer Stadtrat Ulrich Kimmel (SPD), selbst als Chemie-Ingenieur in einem anderen Unternehmen tätig, fordert vom Rathaus mehr Nüchternheit und Sachlichkeit in dem Verfahren. Die bisherige Herangehensweise der Stadt erwecke den Eindruck, man wolle Angst schüren, so Kimmel. „Meines Erachtens ist sie geprägt durch Voreingenommenheit und den Unwillen, sich sachdienliche Informationen zu verschaffen.“ So habe die Verwaltung im Februar in der Vorlage für den Stadtrat unter anderem Geruchsbelästigungen mit der Entstehung explosionsfähiger Gemische in Verbindung gebracht, kritisiert Kimmel. Das sei Unsinn und eine Argumentation, nach der man jede Tankstelle weiträumig absperren müsste. Wenn Schill & Seilacher alle gesetzlichen Auflagen erfülle und die für eine Baugenehmigung erforderlichen Unterlagen beibringe, dann spreche nichts gegen eine Genehmigung der Anlage, so Kimmel.

Ob alle nötigen Unterlagen da sind, welche Nachforderungen es eventuell seitens der Behörden gibt und wie lange das Genehmigungsverfahren dauern könnte, all das ist momentan unklar. Fest steht nur, dass die Verfahrensfrist seit 1. März läuft. Man werde sich von niemandem unter Druck setzen lassen, sagt Heike Weigel, als Beigeordneter im Landratsamt für Bau und Umwelt zuständig für das Verfahren, auf Anfrage der SZ.

Das Chemiewerk hat sich unterdessen intern einen Termin gesetzt. „Bis Juni brauchen wir zumindest Klarheit darüber, ob der Bauantrag Aussicht auf Erfolg hat“, sagt Geschäftsführer Rüdiger Ackermann. Ziel des Unternehmens sei es, die Anlage im November in Betrieb nehmen zu können. Der Wiederaufbau erfordere eine weit vorausschauende Planung.

Und sollte das positive Signal von den Behörden nicht kommen?

Dann habe Schill & Seilacher einen Plan B, so Ackermann. Am Standort Hamburg habe das Unternehmen die komplette Genehmigung für die Erweiterung des dortigen Betriebes um eine P-1-Anlage. Derzeit sei das Ziehen dieser Option noch kein Thema innerhalb der Unternehmensleitung. „Sowohl die Geschäftsführung als auch die Eigentümer setzen auf die komplette Wiederinbetriebnahme des Pirnaer Werks“, betont Ackermann. Schließlich habe das Unternehmen seit 1997 rund 30 Millionen Euro in die Sanierung und Erweiterung des Standortes sowie in die Altlastenbeseitigung investiert, zudem seien dank der erfahrenen Mitarbeiter in Pirna in den vergangenen Jahren Produkte entwickelt worden, mit denen Schill & Seilacher die Weltmarktführerschaft innehat. Das, so Ackermann, gebe man nicht einfach auf. „Allerdings wird es aufgrund des Aufwandes im Umgang mit den Behörden für mich als Gesamtgeschäftsführer zunehmend schwieriger, gegenüber den Eigentümern zu rechtfertigen, wie lange wir uns das Festhalten am Standort Pirna noch leisten können.“

Stadt bleibt gesprächsbereit

Ohne die P-1-Anlage als Herzstück sei der Standort Pirna nicht wirtschaftlich. Werde sie nicht wieder in Betrieb genommen, bedeute das ein schleichendes Ende für das Pirnaer Werk. „Alle Zulieferer eingerechnet geht es um rund 400 Jobs“, rechnet Rüdiger Ackermann vor.

Pirnas Stadtverwaltung weiß um die Möglichkeit einer Abwanderung des Chemiwerks. Man sei jederzeit gesprächsbereit, drohen lasse sich die Stadt aber nicht, betont Stadtsprecher Thomas Gockel. „Wir sind es den Anwohnern schuldig, genau hinzuschauen.“ Nach dem Unfall 2014 hätten alle Behörden versucht, die eigene Verantwortung von sich zu weisen und mit dem Finger auf Pirna gezeigt, weil die Stadt bereits zuvor das gemeindliche Einvernehmen zur Erweiterung des Betriebes gegeben hatte, zuletzt 2010. In solch eine Situation wolle Pirna nicht noch einmal kommen und versuche, im Werk einen so hohen Sicherheitsstandard wie irgend möglich durchzusetzen – selbst auf die Gefahr hin, Konflikte zu erzeugen. Gockel: „Damit machen wir eigentlich die Arbeit der anderen Behörden.“

Der Bauantrag soll am 6. April wieder auf der Tagesordnung des Stadtrates stehen. „Wir haben Schill & Seilacher gebeten, das Thema vorher den Bürgern vor Ort vorzustellen“, sagt der Stadtsprecher. „Wenn das Unternehmen eine künftige Gefährdung der Anwohner ausschließen kann, sollte es das auch kommunizieren, um den Menschen die Angst zu nehmen.“

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Die wichtigste Anlage im Pirnaer Werk von Schill & Seilacher soll schrittweise in Betrieb gehen. Zuvor wird geprüft und getestet.

Schill & Seilacher will den Vorschlag annehmen. „Wir werden den Stadträten vor der Abstimmung Gelegenheit zu einer Firmenbesichtigung geben, bei der auch der Gutachter des externen Sicherheitsgutachtens zur Beantwortung von Fragen anwesend sein wird“, verspricht Geschäftsführer Rüdiger Ackermann. „Eine Firmenbesichtigung ist auch für die interessierte Bevölkerung vorgesehen.“