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„Hauptsache, das Kind bekommt ein bisschen Grazie“ I.-M. Federowski

Geboren wurde ich im Dezember 1952 in der Klinik von Freital. Meine Mutter hatte einen so genannten Kommissionshandel, in dem es Süßigkeiten engros gab. Schon alleine durch das Geschäft waren immer sehr...

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Geboren wurde ich im Dezember 1952 in der Klinik von Freital. Meine Mutter hatte einen so genannten Kommissionshandel, in dem es Süßigkeiten engros gab. Schon alleine durch das Geschäft waren immer sehr viele Menschen um uns herum, und später gab es damit viele Freunde – nicht zuletzt, weil ich die Taschen voller Süßigkeiten hatte. Vater war Chemiker und untersuchte in seinem Labor Spirituosen und Weine auf deren Inhaltsstoffe. Er war ein sehr musischer Mensch, der viel Klavier und Schifferklavier spielte.

Zu den Freunden meiner Eltern zählte der Freitaler Kantor Kurt Hasse. Bei ihm bekam ich auch den ersten Klavierunterricht. Mein Bruder Helmar wurde damals für die Aufnahme in den Kreuzchor vorbereitet; da meine Eltern meistens geschäftlich zu tun hatten, musste ich oft mit ihm mitgehen. Überhaupt saß ich schon als kleines Mädchen ständig bei Kantor Hasse, der dort – manchmal auch mit Peter Schreier – Oratorien und Lieder probte, die dann in der Kirche gesungen wurden. Ich bin also mit Händel, Orff und Bach in den Ohren groß geworden. Natürlich langweilte ich mich manchmal furchtbar, aber ich baute dann aus Programmzetteln Schiffchen, bis der ganze Chor lachte. Trotzdem hat mein Gehör von diesen Stunden profitiert. Irgendwann wuchs in mir der Wille, das auch zu wollen. Vielleicht war das der Anfang von allem.

Zunächst bekam ich bei Else Hasse Klavierunterricht. Das Üben allerdings war nicht so mein Ding. Manchmal holte uns mein Vater nachts aus den Betten: „Habt ihr geübt?“, hieß es. „Nein?“ – und schon saßen wir am Klavier.

Ich weiß noch, dass ich schon als Kind einen Kopf größer war als meine Mitschüler und eben auch diese großen Füße dazu hatte. Meine Mutter wollte, dass ich tanzen lerne und brachte mich irgendwann in die Tanzschule Richter. Bis Herr Richter schließlich zu ihr kam und sagte: „Frau Federowski, nehmen sie doch bitte das Kind mal aus dem Unterricht. Ich kann sie doch nicht auf die Bühne stellen, so groß wie die ist“. Er erhielt dann die knappe aber klare Antwort, er solle mich einfach in die letzte Reihe stellen: „Hauptsache, das Kind bekommt eine bisschen Grazie.“ Ich bekam also ganz stolz das erste Ballettröckchen.

Ansonsten erinnere ich mich noch an die „Bande“, die mein Bruder hatte. Natürlich wollte ich immer hinterher. Aber die waren vier Jahre älter und tricksten die kleine Schwester aus. Wahrscheinlich hatten sie auch Angst vor meinem „Petzen“. Dabei war man im kleinen Freital auch sonst ständig unter Kontrolle – was man auch tat, es wurde ins Geschäft Federowski getragen. Manchmal war das schon bitter; andere Möglichkeiten haben das aber spielend ausgeglichen. So hatten wir vor unserem Geschäft noch einen Eisstand, an dem wir helfen mussten. Das Eis gab es dann umsonst, oft auch den „Waffelbruch“ von zerbrochenen Eiswaffeln. Oder zu Weihnachten etwa – da bekamen wir die ganzen eingedrückten Schokoladen-Weihnachtsmänner. Wenn es jedoch nichts davon gab, haben wir uns auch schon mal auf angelieferte Kisten mit „Negerküssen“ gesetzt.

Notiert: Dietrich Nixdorf