SZ +
Merken

„Hauptsache nicht im Tuchmacher“

Eine Kulturhauptstadt ist ein Ort überregional aufsehenerregender Kunst- und Kulturprojekte, doch auch die Alltagskultur trägt zum Flair einer Kulturstadt bei. Eine gastronomische Einrichtung allerdings hat jüngst über die Grenzen von Görlitz hinaus für eine formidable Antiwerbung gesorgt.

Teilen
Folgen

Eine Kulturhauptstadt ist ein Ort überregional aufsehenerregender Kunst- und Kulturprojekte, doch auch die Alltagskultur trägt zum Flair einer Kulturstadt bei. Eine gastronomische Einrichtung allerdings hat jüngst über die Grenzen von Görlitz hinaus für eine formidable Antiwerbung gesorgt.

Die Solisten des philharmonischen Konzertes überlegten Freitagabend, wo man denn in schönem Ambiente auf die Uraufführung der „Beatles World“ anstoßen könnte. Prompt war von einem Musiker zu hören: „Na Hauptsache nicht im Tuchmacher“.

Generalmusikdirektor Eckehard Stier war verblüfft. Hatte er doch vor nicht allzu langer Zeit ein unschönes Erlebnis im dortigen Restaurant Schneiderstube gehabt. Er wollte zwischen beiden Opernbällen mit Stargast Tom Pauls Sonnabends exakt 14 Uhr zu Mittag essen gehen und hatte das Tuchmacher-Hotelrestaurant empfohlen. Dort wurden er und sein Gast von einem leeren Raum und einer unwirschen Bedienung empfangen. Die auf Frage nach einem schönen Tisch schnippisch entgegnete, man sehe doch wohl, dass alles reserviert sei.

Auf die Frage, für wann denn reserviert sei und ob man nicht doch schnell etwas Leckeres essen könnte, gab es exakt die gleiche Antwort, was in diesem Falle keine war. Tom Pauls versuchte es sogar, mit seiner unnachahmlich humorigen Art bei der jungen Frau etwas zu essen zu bekommen, biss aber nur auf noch mehr kantigen Granit. Derart unfreundlicher Aufnahme zu begegnen, fragte man nach dem Geschäftsführer, ebenfalls vergeblich.

Im Restaurant Rasputin gab es dann bei leckerem Essen und freundlichster Aufnahme auch nach 14 Uhr Gelegenheit, dieses Highlight Görlitzer Gastlichkeit ausführlich auszuwerten. War die junge Frau den ersten Tag im Restaurant angestellt, war der Koch kurz vorher verstorben oder war eine Reisegruppe mit besonderem Personenschutz im Anmarsch, die Geheimhaltung erforderte? Trotz des Versuches, dem Ganzen eine komische Seite abzugewinnen, waren beide Herren sauer. Nicht über die Tatsache, dass ein Hotelrestaurant ausgebucht ist (15.30 Uhr saß übrigens immer noch niemand in der Schneiderstube!), sondern über die ganz und gar nicht gastfreundliche Behandlung. Tja und dieser wenig sympathieträchtige Fakt hatte sich als Antiwerbung für Görlitz bis nach Dresden herumgesprochen und so feierten die Konzertsolisten ihren Abend halt „Hauptsache nicht im Tuchmacher“!