merken
PLUS Deutschland & Welt

Hauptstadt der Erregung

Stuttgart beweist sich als Hochburg des Protests. Gegen den Bahnhof, gegen Atomkraft – und nun gegen Corona-Regeln. Auf den Spuren der Widerspenstigen.

Demonstranten der Initiative „Querdenken 711“ versammeln sich an der bekannten Skulptur „Der Denker“ in der Stuttgarter Innenstadt. Foto: dpa/Christoph Schmidt
Demonstranten der Initiative „Querdenken 711“ versammeln sich an der bekannten Skulptur „Der Denker“ in der Stuttgarter Innenstadt. Foto: dpa/Christoph Schmidt © Christoph Schmidt/dpa

Von Marius Buhl, Stuttgart

Neulich reiste aus Berlin ein Mann hinab nach Schwaben. Er hatte den langen Weg auf sich genommen, um bei einer Demonstration eine Rede zu halten, was bemerkenswert war, weil der Mann seine Botschaften normalerweise im Internet verkündet. Nun aber stand er hier, auf einer Bühne in Stuttgart, und stellte sich seinem Publikum vor: „Mein Name ist Ken Jebsen – meine Zielgruppe bleibt der Mensch.“ Begeisterung auf dem Cannstatter Wasen.

Reppe & Partner Immobilien
Reppe & Partner Immobilien
Reppe & Partner Immobilien

Bietet Ihnen das komplette Rundum-sorglos-Paket für Ihr Immobilieneigentum.

Ken Jebsen, Aktivist, Verschwörungstheoretiker, er selbst nennt sich Journalist, ist für seine Anhängerschaft dieser Tage eine messianische Gestalt, der letzte Verkünder der Wahrheit, spätestens seit er, der ehemalige RBB-Moderator, auf seinem YouTube-Kanal ein Video hochgeladen hat, in dem er noch mal ganz genau erklärt, wie das kam mit den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. „Das Ehepaar Gates“, sagt Jebsen, „hat über die WHO die deutsche Demokratie gekapert.“ Mehr als drei Millionen Menschen haben das Video mittlerweile gesehen.

Dass Jebsen nun ausgerechnet nach Stuttgart gekommen war, es adelte die Demonstranten. Und er hatte sogar Lob mitgebracht: „Stuttgart hat uns eingeladen, nachdem wir die Stuttgarter für ihren Mut gelobt haben. Stuttgart ist aber nicht erst seit der Corona-Krise mutig. Sondern zeigt spätestens seit Stuttgart 21 Flagge.“ Die Hauptstadt Baden-Württembergs, Hochburg des Widerstands, Heimat der Wutbürger.

Man kann das sehen wie Jebsen: Regelmäßig werden in Stuttgart politische Großkonflikte ausgetragen. Zehn Jahre ist es her, seit die Proteste gegen Stuttgart 21 im „schwarzen Donnerstag“ gipfelten, die Polizei zielte mit Wasserwerfern auf Demonstranten, ein Mann verlor sein Augenlicht, einen Tag später standen 100.000 am Bauzaun. Ein Jahr später war es eine Anti-Atomkraft-Demo, zu der die Massen strömten, sie formten eine 45 Kilometer lange Menschenkette bis zum Kernkraftwerk Neckarwestheim. In den vergangenen Jahren mobilisierten vor allem Fridays for Future und Gelbwesten ordentlich. Und nun? Versammeln sich seit ein paar Wochen in keiner anderen deutschen Stadt mehr Menschen, um gegen die Corona-Regeln der Bundesregierung zu demonstrieren. Stuttgart wird seinem Ruf gerecht. Was ist da los?

Michael Ballweg ist Initiator der Initiative „Querdenken 711“. Er will „das alte Spaltkonzept rechts/Mitte/links ignorieren“.
Michael Ballweg ist Initiator der Initiative „Querdenken 711“. Er will „das alte Spaltkonzept rechts/Mitte/links ignorieren“. © Christoph Schmidt/dpa

Pfingstsonntag, die Sonne knallt, auf dem Börsenplatz in der Innenstadt sind rund 3.000 Menschen zusammengekommen, Veranstalter der Großdemo ist die Initiative „Querdenken 711“. Aus den Boxen dröhnt ein Beat, ein Einheizer brüllt: „Stuttgart, habt ihr Bock, die Nummer eins zu sein?“ Die Demoteilnehmer haben sich mit Kreide Quadrate auf den Boden gemalt, in denen sie jetzt sitzen, stehen, tanzen, Auflage der Stadt, so soll Abstand gehalten werden. Gleich wird Max Otte eine Rede halten, Ökonom und Mann der Werteunion. Immer wieder brüllt der Einheizer in den nächsten Stunden das Wörtchen „Frieden“ in die Menge, die antwortet mit: „Freiheit!“

Was die Teilnehmenden so denken über die Welt, das haben sie auf Schilder gepinselt oder gleich auf T-Shirts gedruckt. „Gib Gates keine Chance“, heißt es da, oder „Nein, ich brauche keine Impfung, ich habe ein Immunsystem“, oder „Deutsche Demokratische Republik 2020 durch Angela Merkel“. Einige schwenken schwedische Flaggen, andere halten das rechte Compact-Magazin in die Luft. Wieder andere sind mit dem Rennrad gekommen, jetzt packen sie belegte Brote aus und beginnen zu vespern.

Wer da demonstriert? Eine Stuttgarter Psychotherapeutin zum Beispiel, die ein T-Shirt trägt, auf dem „Wir sind das Volk“ steht, darüber eine Ordner-Weste. Die Frau sagt, ihre Patienten litten wegen Corona unter Angststörungen und Paranoia, deshalb sei sie hier. Außerdem sei sie dem Impfen gegenüber kritisch eingestellt. Sie betreibe eine „psychoonkologische Praxis“, und beim Krebs sei es dasselbe wie bei Covid-19: „Nicht nur Chemo hilft, der Mensch hat auch eine Selbstregulation.“

Eine jüngere Frau ganz in ihrer Nähe trägt ein T-Shirt, auf dem steht, dass sie als Flugbegleiterin arbeite. Erst in diesem Jahr habe sie angefangen, sagt sie, nun sei sie schon auf Kurzarbeit, 21 Jahre alt, ungewisse Zukunft. Sie kenne Leute, denen gekündigt wurde. Das hier sei ihre erste Demo.

Durchschnittsverdienst bei 56.200 Euro pro Jahr

Neben den beiden Frauen treffen an diesem Nachmittag aufeinander: wirtschaftlich bedrohte Solo-Selbstständige und Gegner der Massentierhaltung, besorgte Ingenieure und Barfußtänzer, Donald-Trump-Fans, Deutschlandflaggenschwenker und viele, viele Impfgegner. Der Stuttgarter Protest, er spricht mit tausend Stimmen.

Der Gründer der Initiative „Querdenken 711“, Michael Ballweg, sieht genau darin das Erfolgsgeheimnis der Demos. Das „friedliche, integrative Format“ überzeuge viele, zudem wolle man „das alte Spaltkonzept rechts/Mitte/links ignorieren“, sagt Ballweg.

Ballweg, ein erfolgreicher lokaler IT-Unternehmer, ist ein Grund, warum ausgerechnet die Bewegung hier so stark wurde. Er, lockige Haare, Jeans, T-Shirt, ist kein geübter Redner, er verhaspelt sich hier und da, als er an diesem Sonntag auf der Bühne spricht. Er schreit nicht, er predigt nicht, er sagt auch kaum Dinge, die er nicht belegen kann, das überlässt er anderen. Ein seriöser Mann, kein Schwätzer, diesen Eindruck kann Ballweg gut vermitteln. Als einer der ersten außerhalb Berlins meldete er Mitte April eine Demo gegen die Maßnahmen der Bundesregierung an. Er schrieb ein Manifest, entwarf ein einheitliches, schlichtes Design für die Homepage, ließ T-Shirts drucken und Buttons entwerfen, lud Ken Jebsen ein. Parallel prozessierte er gegen das von der Stadt Stuttgart verhängte Versammlungsverbot und bekam vom Bundesverfassungsgericht Recht, was der Bewegung zusätzlich Auftrieb verlieh. Ballweg arbeite 16 Stunden pro Tag, sagt einer, der ihn kennt. Schwäbisch akribisch.

Schon damals, bei Stuttgart 21, rätselte die Republik, warum ausgerechnet die Schwaben so sehr zum Protest neigten. An kaum einem anderen Ort in Deutschland geht es den Menschen besser, im Schnitt verdienen Stuttgarter 56.200 Euro pro Jahr, so viel wie in keiner anderen deutschen Großstadt. Die Arbeitslosenquote ist nur in München noch niedriger, durch Krisen kommen Bewohner hier im Gros also eher besser als Menschen anderswo.

Fragt man auf der „Querdenken“-Demo nach dem Grund für den Zulauf, hört man zum Beispiel den Satz: „Hier wohnen halt noch viele aufrechte Bürger.“ Eine Frau glaubt, es liege an den vielen Impfgegnern in der Region, in keinem anderen Bundesland sind die Impfquoten niedriger als in Baden-Württemberg. Ein Mann dagegen beschwört das Bild des störrischen Schwaben: „Wenn wir eines hier nicht mögen, dann ist es Bevormundung.“ Tatsächlich regierten Vertreter des württembergischen Bürgertums schon im Landtag mit, als anderswo noch Adelige herrschten.

Bilder des Stuttgarter Protests:

Der Stuttgarter ist aber eher kein Umstürzler, kein Visionär, der für eine Idee auf die Straße geht. Selbst am 1. Mai brennen hier nicht die Autos, vermutlich wissen sogar die Linken der Stadt die Ingenieurskunst eines ordentlichen Kühlergrills zu schätzen. Eher geht es dem schwäbischen Demonstranten darum, etwas zu erhalten: einen Bahnhof, das Klima, die Diesel-Technologie, die Grundrechte. Ioannis Sakkaros, der im vergangenen Jahr die Diesel-Demos organisierte, äußerte in der Stuttgarter Zeitung gerade einen Verdacht: „Sobald man dem Schwaben in die Tasche greifen will, steht er auf.“ Dann wird er zum Wutbürger, so jedenfalls titelte das der Spiegel vor zehn Jahren.

„Wutbürger? Der Begriff war doch eine Gemeinheit“, sagt Werner Sauerborn und lächelt milde. Der 70-Jährige ist der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 – und er hat tatsächlich wenig Wütendes an sich, ein Schlaks mit leiser Stimme. Eine Woche vor der Demo auf dem Börsenplatz steht er vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof, der Regen platscht auf den Asphalt, Sauerborn trägt Regenhose, Regenjacke und Fahrradhelm. Im Rest der Republik mag der Protest gegen das Bahnprojekt manchmal wirken wie ein Relikt aus der Vergangenheit – doch da irrt die Republik. Sauerborn und Hunderte Mitstreiter kämpfen weiter, seit zehn Jahren demonstrieren sie jeden Montag, aktuell im Internet, wegen Corona.

Als die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen begannen, haben sie im S21-Aktionsbündnis diskutiert, wie damit umzugehen sei. Mancher unter ihnen ging anfangs sogar hin. „Spätestens nach dem Jebsen-Kompliment war aber eine Linie überschritten“, sagt Sauerborn. „Wir haben jetzt das Bedürfnis, uns davon zu distanzieren.“

Ein Gefühl der Ohnmacht

Die Unterschiede zwischen den Bewegungen sind offensichtlich. Im Gegensatz zu den Corona-Demonstranten glauben die S21-Gegner trotz der über Jahre hinweg erlebten Enttäuschungen noch immer an die Kraft des Rechtsstaats. Ihr Engagement ist zutiefst bürgerschaftlich geprägt, etwa die Hälfte der Engagierten hatte einen Hoch- oder Fachhochschulabschluss, das ergaben Befragungen von vor zehn Jahren, 51 Prozent der Demonstranten gaben damals auch an, Wähler der Grünen zu sein, fast 15 Prozent wählten die SPD. Umfragen unter den Corona-Demonstranten dürften, bei aller Unwissenheit, die über sie noch herrscht, ganz anders ausfallen.

Und doch sind da auch Gemeinsamkeiten. Sauerborn spricht von der Enttäuschung, zehn Jahre lang die besseren Argumente gehabt, aber kaum Gehör gefunden zu haben damit. Ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Obrigkeit – das auch die Corona-Demonstranten beschreiben, die keine parlamentarische Vertretung haben. „Trotzdem fangen wir jetzt gar nicht erst mit diesem Verschwörungsgerede an“, sagt Sauerborn.

Die von Ken Jebsen beschworene Achse, die S21-Gegner und Corona-Demonstranten verbinde, es gibt sie also nicht. Und doch können Letztere von Ersteren etwas lernen. Wer als Bewegung überleben will, über zehn Jahre gar, der braucht ein klar definiertes, gemeinsames Ziel.

Der Soziologe Simon Teune vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin ist skeptisch, ob das bei den Corona-Demonstranten der Fall ist. Teune findet es zwar nicht untypisch, dass im Frühstadium einer entstehenden Bewegung noch nicht alle Positionen in Stein gemeißelt seien. „In vielen Fällen stellen solche Gruppierungen aber später fest: Man hatte gar keine gemeinsame Forderung, nur ein geteiltes Unwohlsein, das aber individuell sehr unterschiedlich begründet war.“ Frieden und Freiheit, sie könnten als Motive nicht ausreichen, um zu überleben.

Was also wird übrig bleiben, wenn der Kitt porös geworden ist, der Barfußtänzer und Ingenieure gerade noch zusammenhält? Wenn die Corona-Maßnahmen weiter gelockert werden? Wer unterbreitet den Unzufriedenen dann ein langfristiges Angebot?

Die AfD springt in die Lücke

Eine Woche vor der Pfingstsonntagsdemonstration konnte man in Stuttgart einen Eindruck davon gewinnen. Die Initiative von Michael Ballweg veranstaltete an diesem Wochenende keine Großdemo, Ballweg hatte sich kurzzeitig zurückgezogen, die Rede war von Morddrohungen, die er erhalten habe. In die entstandene Lücke sprang sofort die AfD. Alice Weidel hatte sich angekündigt, sie wollte auf dem Schillerplatz in der Stadtmitte sprechen. Die Stadt verbot die Veranstaltung zunächst, die AfD legte per Eilantrag Widerspruch ein, der Verwaltungsgerichtshof Mannheim gab dem statt. Während Weidel sprach, sicherten Hundertschaften der Polizei den Schillerplatz, Wasserwerfer standen herum, Demo-Feeling. Die Gegendemonstranten draußen skandierten: „Ganz Stuttgart hasst die AfD!“

Wo keine eigene Linie zu erkennen sei, gebe es schnell ein Deutungsangebot aus der rechten Ecke, sagt Protestforscher Teune. „Meistens lautet das ähnlich, etwa so: Das hier ist nur ein weiteres Beispiel, wie uns die Regierung unterdrücken will und die Medien nicht die Wahrheit sagen.“

Ob die Corona-Demonstranten aus Stuttgart sich diese Sicht aneignen?

Eine Woche später, am Börsenplatz, fordert Redner Heiko Schöning von den „Ärzten für Aufklärung“ in seiner Rede einen „außerparlamentarischen Corona-Untersuchungsausschuss“. Einen Tag zuvor hatte auch die AfD bekannt gegeben, einen Untersuchungsausschuss im Parlament beantragen zu wollen.

Weiterführende Artikel

Darum gehen sie zur Corona-Demo

Darum gehen sie zur Corona-Demo

Trotz Lockerungen versammelten sich auch am Pfingstwochenende mehrere Hundert Menschen am Dresdner Palaisteich. Vier von ihnen sagen, warum.

Verschwörungsmythen und was sie bedeuten

Verschwörungsmythen und was sie bedeuten

Vieles wirkt total abstrus, dennoch haben gerade in der Corona-Krise Verschwörungsmythen viele Anhänger. Ein Glossar für die Welt der Aluhüte.

Warum glauben Menschen an Verschwörungen?

Warum glauben Menschen an Verschwörungen?

In der Corona-Krise rollt die nächste Welle des Populismus über das Land. Aber warum? Ein Gastbeitrag aus der Reihe "Perspektiven".

Wer sind die Corona-Rebellen?

Wer sind die Corona-Rebellen?

Deutschlandweit gehen Menschen auf die Straße. In Sachsen versuchen Rechte, die Demos zu kapern. Analyse einer schwer zu greifenden Bewegung.

Veranstalter Michael Ballweg greift den Vorwurf, sich den Avancen der Rechten nicht entschieden genug entgegenzustellen, am Sonntag in seiner Rede auf. Eine Demonstration, sagt Ballweg, sei keine Veranstaltung mit Eintrittskarten und Eingangskontrollen. Jeder, der teilnehmen möchte, könne und dürfe teilnehmen. Er wolle trotzdem noch mal betonen, dass rechtes, faschistisches, menschenverachtendes Gedankengut in der Bewegung keinen Platz habe – genauso wie linksextremes. 

In unserem Newsblog berichten wir laufend aktuell über die Corona-Krise in Sachsen, Deutschland und der Welt.

Mehr zum Thema Deutschland & Welt