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Umweg macht's möglich: Er wird Hausarzt in der Oberlausitz

Fürs Studium ging ein Bautzener nach Ungarn. Er gehört zu denen, die das Praxissterben auf dem Land stoppen sollen.

Markus Groß aus Bautzen wollte Arzt werden, bekam in Deutschland aber keinen Studienplatz. Nach Jahren des Wartens wurde er für ein damals noch neues Modellprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen ausgewählt. Jetzt gehört er zu den ersten, die das
Markus Groß aus Bautzen wollte Arzt werden, bekam in Deutschland aber keinen Studienplatz. Nach Jahren des Wartens wurde er für ein damals noch neues Modellprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen ausgewählt. Jetzt gehört er zu den ersten, die das © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Wäre Markus Groß schon mit seiner Fachärzteausbildung fertig, hätte er jetzt die Qual der Wahl. In Bautzen wird gerade ein Nachfolger für eine Allgemeinmedizin-Praxis gesucht. In Bernsdorf könnte ein Arzt ab Juli beginnen. In Hoyerswerda werden in den kommenden Monaten gleich zwei Hausarztpraxen frei. Das Angebot ist groß, das Interesse weniger. Manche Mediziner finden keinen Nachfolger. Die Situation wird sich in Zukunft noch verschärfen, denn das Durchschnittsalter der Landärzte steigt – auch im Kreis Bautzen. Viele stehen kurz vor der Rente.

Traum von der eigenen Praxis

Markus Groß lächelt ein wenig verlegen. Natürlich hat er schon vom Landarztmangel gehört. Der 29-Jährige weiß, dass er gebraucht wird. Nicht in Dresden oder in Leipzig, sondern hier, in seiner Heimat, in der Oberlausitz. Der angehende Mediziner träumt von einer eigenen Praxis in der Region rund um Bautzen. Die Chancen dafür, dass dieser Traum tatsächlich in Erfüllung geht, stehen gut. Plötzlich ist er begehrt. Das war nicht immer so. Nach dem Abitur 2008 absolvierte er seinen Zivildienst in der Bautzener Notaufnahme. Danach stand für ihn fest, dass er Arzt werden wollte. Erfolglos bewarb er sich an den Universitäten. „Numerus clausus, Losverfahren, Wartezeit – das hat alles nicht gereicht“, sagt er. Er überbrückte die Zeit mit einer Ausbildung zum Rettungsassistenten. In Bautzen war er unterwegs. Die abwechslungsreiche Arbeit gefiel ihm. Doch es störte ihn auch, dass er die Geschichten der Patienten nicht weiter verfolgen konnte. Die Idee, als Arzt den Menschen helfen zu können, bekam er einfach nicht aus dem Kopf.

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Eines Tages erzählte ihm eine Freundin von einem neuen Projekt. Er erfuhr, dass die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Sachsen 20 Abiturienten ein Medizinstudium an der ungarischen Universität in Pécs ermöglicht. Markus Groß dachte nicht lange nach, sondern schickte schnell seine Bewerbung ab. Ein bisschen naiv sei das schon gewesen, gesteht er heute. „Ich habe mir gedacht, auf eine Absage mehr oder weniger kommt es nicht mehr an.“

Freistaat unterstützt Projekt

Um einem drohenden Ärztemangel entgegenzuwirken, startete die KV vor sechs Jahren das Modellprojekt mit dem langen Namen „Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen“. Es geht darum, jungen Menschen den Weg in den Arztberuf zu ebnen, die keine 1,0 auf dem Abiturzeugnis haben. Auch das sächsische Gesundheitsministerium findet inzwischen Gefallen an diesem Förderprogramm. Erst Anfang des Monats gab das Ministerium bekannt, dass der Freistaat das Projekt finanziell unterstützen wird. Statt 20 sollen in den kommenden zwei Jahren 40 Studenten nach Ungarn geschickt werden. Die Auserwählten müssen die Gebühren für den Studiengang Humanmedizin im ungarischen Pécs nicht zahlen. Dafür verpflichten sie sich, die ersten fünf Jahre ihrer Medizinerlaufbahn als Landarzt im Freistaat zu arbeiten.

Diesen „Pakt“ ist auch Markus Groß eingegangen. Und er bereut den Schritt auch nicht. Der Bautzener erinnert sich noch gut an den Tag, als er die Zusage erhielt, daran wie er das erste Mal nach Ungarn fuhr. Schon der Weg dahin war schwierig. „Auto, Zug, Flugzeug – während meines Studiums habe ich alles ausprobiert. Aber zehn Stunden war ich eigentlich immer unterwegs“, sagt er. Und nicht nur die Anfahrt war eine Herausforderung.

Sprachunterricht gehörte zum Programm

Plötzlich war er in einem Land, das er vorher kaum kannte. Plötzlich musste er sich mit einer Sprache beschäftigen, die ihm völlig fremd war. Zwar fanden alle Lehrveranstaltungen des Studiums auf Deutsch statt. „Doch die Patienten, an denen wir zum Beispiel eine Anamnese durchführen mussten, sprachen natürlich ungarisch“, erklärt er. Sprachunterricht gehörte deshalb zum Programm. Ein paar Sätze beherrscht er jetzt.

Überhaupt sei das Studium anstrengender gewesen, als er es sich vorgestellt hatte. Der Lehrplan war voll, die Anwesenheit Pflicht. Beinahe das ganze Jahr über verbrachte er in Ungarn. Nur im Sommer durfte er für zwei Monate nach Hause. Aber nicht, um dort auf der faulen Haut zu liegen. Mehrere Tage im Jahr hospitierte Groß in einer Praxis in Steinigtwolmsdorf.

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Erst Ende Mai packte er in Pécs endgültig die Koffer. Die letzten Prüfungen sind geschafft. Für die anschließende Facharztausbildung will er sich in einem kleineren Krankehaus bewerben, vielleicht in Bischofswerda. Ist das erledigt, kann es losgehen mit der Praxis. Vor der vielen Arbeit scheut er sich nicht. Nicht einmal der bürokratische Aufwand bei der Abrechnung, den viele Ärzte kritisieren, bereitet ihn schlaflosen Nächte. „Vielleicht erzähle ich in fünf Jahren etwas anderes, aber noch bin ich zuversichtlich“, sagt er. q Auf ein Wort

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