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Hausbesuch statt Mittagspause

Tobias Klinger ist Hausarzt in Potschappel. Er sagt: Bürokratie und Arbeitsaufwand schrecken den Nachwuchs ab.

Von Jane Jannke

Elf Uhr vormittags. Normalerweise herrscht jetzt in der Praxis von Hausarzt Dr. Tobias Klinger in Potschappel Hochbetrieb. Ausgerechnet heute, da die Presse im Haus ist, sitzen im Wartezimmer nur drei Patienten. „Vorführeffekt“, scherzt Klinger – „Ein Glück!“, seufzt Teamassistentin Roswitha Fichter. „Sie hätten mal gestern um die gleiche Zeit da sein sollen, da war hier die Hölle los.“ Sie sieht leidend dabei aus.

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Tobias Klinger ist einer von drei Hausärzten im 5 200 Einwohner zählenden Potschappel. 28 Stunden pro Woche ist seine Praxis geöffnet, doch um wirklich alle, die an seine Türe klopfen, behandeln zu können, müssten er und sein Team rund um die Uhr arbeiten. Schon jetzt hat seine Woche 55 bis 60 Stunden, denn wenn die Praxis schließt, bricht der 36-Jährige zu Hausbesuchen auf. Dafür opfert er montags und donnerstags die dreistündige Mittagspause. „20 Minuten fürs Essen, dann muss ich los“, schildert Klinger seinen Alltag. An einem Tag im Monat übernimmt er zusätzlich Notarztdienste. Seine Frau und die kleine Tochter ziehen bei diesem Pensum häufig den Kürzeren. Dennoch: Klinger hängt an seinem Job – und den Patienten.

900 betreut ein Hausarzt im Schnitt in Sachsen pro Quartal – Zahlen, von denen Klinger nur träumen kann. Praxisschließungen haben Spuren hinterlassen. „Schon mein Vorgänger musste einen Neuaufnahmestopp verhängen, weil die Kapazitätsgrenzen erreicht waren.“ Wartezeiten von zwei Stunden sind ohne Termin normal. Zwölf Mann finden im Wartezimmer Platz. Nicht immer reicht er für alle. Der Frust der Patienten entlädt sich gegen die drei Mitarbeiterinnen, „meine Perlen“, wie Klinger sie nennt. Schwester Heidi und Assistentin Roswitha gehören seit 20 Jahren zum Inventar. Eine Auszubildende ergänzt seit Kurzem das Team. Menschen immer wieder abweisen zu müssen, gehe an die Nieren, bekennt Heidi.

Viele kämen, weil sie mit ihrem Hausarzt nicht zufrieden seien, erzählt Tobias Klinger. „Das Problem ist fast immer das gleiche: Vielen Ärzten bleibt nicht genügend Zeit, jeden Patienten sorgfältig zu untersuchen. Das sollte so eigentlich nicht sein, ist aber Realität.“ Patienten mit psychischen Problemen etwa könne man nicht einfach in fünf Minuten abfertigen. Oft müssten Hausärzte Wartezeiten für eine psychologische Behandlung überbrücken – in Freital bis zu fünf Monate. „Auch ich koche nur mit Wasser, aber ich lehne Fließbandarbeit ab“, gibt sich Klinger diplomatisch. Die derzeitigen Patientenzahlen könne er gerade so stemmen. Ob das aber auch in 20, 30 Jahren noch so sein wird, sei mehr als fraglich.

Daraus, dass er nicht traurig wäre, Patienten an einen neuen Hausarzt in Potschappel abzugeben, macht Tobias Klinger keinen Hehl. Hoffnung hat er da allerdings keine. „Der Allgemeinarztberuf geht an vielen Medizinstudenten vorbei.“ Er selbst habe noch verschiedene Fachrichtungen durchlaufen, heute beschränke sich die Ausbildung auf die Innere Medizin. Wenn sich jemand für das Gebiet entscheide, falle die Wahl nach drei Jahren Ausbildung im Krankenhaus meist auf einen der lukrativeren Klinikjobs statt auf unternehmerisches Risiko, zeitraubende Bürokratie und wirklichkeitsferne Budgetierung, die mit einer eigenen Praxis verbunden seien. Mit dem Budget, das die Kassenärztliche Vereinigung an die Ärzte für medikamentöse Behandlungen zahlt, komme man nur mit viel Kreativität und Abstrichen für die Patienten hin. Der Arbeitsaufwand sei zudem gerade in Potschappel mit vielen auf Zigaretten- und Alkoholmissbrauch basierenden Erkrankungen erheblich. Als er vor vier Jahren beschloss, das Angebot in Potschappel anzunehmen, habe man ihn im Krankenhaus angeschaut, als sei er nicht bei Trost. „Ich kann mir gut vorstellen, dass viele junge Mediziner das alles abschreckt“, resümiert der Arzt. Aus dem Hut zaubern könne man aber eben keine neuen Hausärzte. Die Situation sei „einigermaßen verfahren“.

Das Telefon klingelt. Klinger soll für einen ausgefallenen Notarzt einspringen. Pfingstsonntag. Doch da ist Familienzeit. Also wird es mal wieder die Nachtschicht.