merken
PLUS

Dippoldiswalde

Hautärzte fehlen im Osterzgebirge

Zu viele Patienten, keine Termine – die Verantwortlichen rechnen den Mangel schön.

Keine Termine: Die Hautarztpraxis Mothes ist ausgebucht.
Keine Termine: Die Hautarztpraxis Mothes ist ausgebucht. © Heyse

Die Schwester an der Rezeption schüttelt mit dem Kopf. Nein, es werden definitiv keine neuen Patienten mehr angenommen. „Tut mir leid, aber es ist bei uns wie überall“, sagt sie. Was die junge Mitarbeiterin der Hautarztpraxis John in der Dresdner Straße 224 mit „überall“ meint, lässt sich wenige Gehminuten entfernt beobachten – in der Hautarztpraxis Mothes im Ärztehaus Dresdner Straße 209. Dort hängt ein großes Schild an der Tür: „Durch extreme Nachfrage sind alle Termine bis Ende September vergeben“, steht darauf geschrieben. Nur dringende Notfälle würden eingeschoben. Bei Beschwerden solle man sich an die Krankenkassen oder die Kassenärztliche Vereinigung wenden.

Fachärzte und zeitnahe Termine – das Problem, welches seit Wochen in Deutschland diskutiert wird, ist in Freital angekommen. Und was sich dann abspielt, wenn die Hautarztpraxis Mothes am ersten Tag jedes neuen Quartals wieder Patienten annimmt und Termine vergibt, kann Hans-Gunter Müller berichten. Er hatte sich mit dem Problem an die SZ gewandt. Am ersten April – kein Scherz – stellte der Freitaler sich mit vielen anderen an der Rezeption an. „Ich wartete eine Stunde und 15 Minuten. Die Menschen standen aus der Tür raus und die Treppe herunter“, erzählt Müller. Er bekam schließlich einen Termin noch im Frühjahr. Andere hatten nicht so viel Glück und müssen sich bis zum Herbst gedulden. Da liegt die Vermutung nahe, dass es zu wenige Hautärzte in Freital gibt.

Anzeige
Lust auf neue Kunden?

Wie Sie mit der sz-Auktion gleich doppelt gewinnen und was Sie dafür tun müssen.

Für die flächendeckende ambulante Versorgung aller gesetzlich Versicherten ist die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) zuständig. Sie ist eine Einrichtung des öffentlichen Rechts und fungiert als eine Art Behörde. Bei der KVS gibt es lange Listen, die jeder im Internet einsehen kann. Aufgeführt sind dort für jeden einzelnen Fachbereich die Anzahl der Ärzte, wie viele Einwohner und potenzielle Patienten es pro Arzt gibt und daraus folgend, welcher Versorgungsgrad besteht.

Für den ehemaligen Weißeritzkreis sind vier Hautärzte aufgeführt. Neben den zwei Freitaler Medizinern praktizieren zwei weitere Ärzte in Dippoldiswalde. Alle zusammen sind für etwas mehr als 117 300 Einwohner zuständig. Der Durchschnitt der Behandlungsfälle beträgt pro Quartal und Praxis 6 300. Die Zahl liegt laut KVS noch unter dem Patientenaufkommen in Regionen wie Dresden, der Sächsischen Schweiz oder Meißen.

Tatsächlich hat die KVS für den Einzugsbereich Freital-Dippoldiswalde einen Versorgungsgrad von 137,8 Prozent errechnet. Es besteht also statistisch gesehen eine Überversorgung. Genau aus diesem Grund gibt es eine Sperre für die Region. Das heißt, es darf sich kein weiterer Hautarzt, der gesetzlich Versicherte behandelt, niederlassen. „Da stimmt doch was nicht“, kommentieren Patienten wie Hans-Gunter Müller. Er war nicht der Einzige, der seinem Ärger über lange Wartezeiten auf Termine Anfang April auf der Internetplattform Facebook Luft machte. Auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland kennt derartige Beschwerden: „Solch ein Versorgungsdefizit bekommen wir in der Patientenberatung auch immer wieder geschildert. Das ist aus Patientensicht nicht schön und sollte verhindert werden“, teilt ein Sprecher mit.

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung begründet man den Widerspruch zwischen errechneter Überversorgung und tatsächlicher Überlastung bei den Hautärzten mit gesetzlichen Vorgaben. „Die Feststellung der Versorgungssituation erfolgt auf der bundesweiten Rechtsgrundlage des Sozialgesetzbuches“, erläutert Pressesprecherin Katharina Bachmann-Bux. Dabei hat die KVS mit ihren Berechnungen Spielräume aufgrund der regionalen Demografie, Sterblichkeitsrate, sozioökonomischer Gründe sowie räumlicher und infrastruktureller Faktoren. Diese werden in die Bedarfspläne mit einkalkuliert.

Allerdings räumt man bei der KVS ein, dass diese Berechnungen eben rein theoretisch sind. „Jedoch ist es so, dass allein der rechnerisch ermittelte Wert des Versorgungsgrades wenig darüber aussagt, wie die einzelnen Praxen tatsächlich ausgelastet sind“, sagt Bachmann-Bux. Die Werte beziehen sich auf den gesamten ehemaligen Weißeritzkreis mit den vier Praxen und auf die 117 300 Einwohner. Jedoch lebt der Großteil davon im unteren Kreisgebiet: Allein in den Städten Freital und Wilsdruff sowie der Gemeinde Bannewitz wohnen 64 000 Männer, Frauen und Kinder.

Für die hat man bei der Kassenärztlichen Vereinigung im Hinblick auf Hautärzte einen Tipp: Einfach in Dresden zum Hautarzt gehen. „Im Umkreis von zehn Kilometer Entfernung von Freital praktizieren 19 Hautärzte beziehungsweise sogar 36 Hautärzte im Umkreis von 15 Kilometer Entfernung“, rechnet die Pressesprecherin vor. Was sie nicht sagt: Auch in etlichen Dresdner Arztpraxen sind zeitnahe Termine nur schwer zu bekommen.

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/dippoldiswalde vorbei.

Für Informationen zwischendurch aufs Handy können Sie sich unter www.szlink.de/whatsapp-regio anmelden.