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Hedwig und Hildegard sind oben

Die neu gegossenen Glocken für St. Jakobus wurden in den Turm gehoben. Bald schlägt für sie eine wichtige Stunde.

Von Daniela Pfeiffer

Zug um Zug gleitet Hildegard nach oben. Scheinbar endlos langsam. Auch wenn die Bewegungen von Ralf Stiebitz schnell und kraftvoll sind. Der Schweiß, der ihm übers Gesicht rinnt, lässt erahnen, wie anstrengend das hier gerade für ihn ist.

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Zusammen mit zwei Kollegen der Firma „Heidenauer Glockenläute- und Elektroanlagen“ hievt er am Dienstag eine der sechs Glocken in den neuen Glockenstuhl der Görlitzer St. Jakobus-Kathedrale. „Was wir hier machen, ist einmalig“, sagt Stiebitz und wischt sich übers Gesicht. „Normalerweise heben wir Glocken per Kran in den Turm. Aber dafür hätte man hier das gesamte Mauerwerk aufreißen müssen.“ Also ist geballte Manneskraft gefragt. Per Kette, die auf den einzelnen Plattformen von jeweils einem Mann gezogen wird. Das Ganze funktioniert wie ein Flaschenzug. Auch Pannen gibt’s. „Stooop!“, ruft es zum Beispiel von unten und Ralf Stiebitz erklärt den Beobachtern wissend: „Knoten!“ Als der Kollege weiter unten ihn gelöst hat, geht es weiter. Irgendwie passt es auch zu dem Moment, das Glocke Hildegard nicht einfach per Kran in den Turm gehoben wird und alles rasch erledigt ist. Sondern dass es fast eine Stunde dauert – die Langsamkeit verleiht dem Anlass einfach mehr Würde.

Und darum geht es hier. Denn es ist ein großer Moment für das Bistum Görlitz und die St. Jakobus-Kathedrale, das Hildegard und Hedwig – die beiden neu gegossenen Glocken, nun endlich in den Turm gehoben werden. Das Ziel einer langen Reise ist es gewissermaßen. Sie begann am Schreibtisch vom Glockenexperten Dr. Michael Gürlach. Er hat die beiden neuen Glocken nach den Vorgaben des Bistums konzipiert. Gegossen wurden sie im September in Lauchhammer, am 27. Oktober weihte sie Bischof Wolfgang Ipolt in Görlitz. Seitdem warteten sie zusammen mit den vier älteren Glocken von St. Jakobus unten darauf, nach oben gehoben zu werden.

Die 582 Kilogramm schwere „Heilige Hedwig“ – benannt nach der Schutzpatronin von Schlesien – durfte als erste an ihren neuen Platz. Mit 400 Kilogramm folgt Hildegard – benannt nach der 2012 seliggesprochenen Hildegard Burjan. Danach ist erst mal Schluss. Noch eine am selben Tag geht nicht. Das machen die Arme von Ralf Stiebitz, Sven Hirsche und René Müller nicht mit. Zumal Hildegard und Hedwig die kleinsten Mitglieder des Sechsergeläuts sind. Unten stehen noch weitaus mächtigere Exemplare – darunter die Größte mit stolzen 2,75 Tonnen.

Sobald auch sie im Glockenturm ihren Platz eingenommen haben, kommt die Feinarbeit, wie Michael Gürlach erklärt: Dann geht es ums Einstellen der Läutewinkel, um Antriebe, die Programmierung der elektronischen Steuerung. Wenn all das stimmt, hat St. Jakobus nämlich nicht nur endlich ein kathedralenwürdiges Geläut in einem neuen Glockenstuhl, sondern auch eines der modernsten. Zumindest in Görlitz. Denn in St. Jakobus wird der Pfarrer bald vom Altar aus per Fernbedienung das Geläut zum Klingen bringen können. Wann die Görlitzer es zum ersten Mal hören werden, steht indes noch nicht endgültig fest. Weihnachten heißt es bislang nur. Wann genau, entscheide der Bischof höchstpersönlich. „Wir werden aber vorher natürlich Probeläufe machen, auch mal mit allen sechs Glocken“, kündigt Michael Gürlach an. Da heißt es für die Görlitzer eben Ohren spitzen und nach Klängen lauschen, die es so noch nicht gab.

Für Michael Gürlach wird das ein großer Moment, wie er verrät. „Es ist das Allerschönste, wenn man sie zum ersten Mal richtig läuten hört“, sagt er. Zwar offenbaren die neuen Glocken gewisse Klänge bereits beim Hochziehen, weil die Kette permanent an das Eisen schlägt. Doch was ist das schon gegen den kräftigen Klang, den sie abgeben werden, sobald das Pendel schlägt? Entscheidend dafür ist der Guss. Den hat Michael Gürlach deshalb in Lauchhammer natürlich persönlich verfolgt. Den Ton für die Glocken hat er genau bestimmt, für Hedwig ist es ein Gis. Er hat auch die Form der Glocke exakt vorgegeben, jede Krümmung, die Stärke der Glockenwand. All das entscheidet, ob eine Glocke gelingt.

Dass überhaupt bald sechs Glocken von St. Jakobus her klingen, ist auch Gürlachs Verdienst. Ursprünglich hatte die Kathedrale ein Dreiergeläut, zuletzt vier Glocken. Weil Sankt Jakobus im Jahr 1900 als normale Pfarrkirche geweiht und erst viel später Bischofssitz, also Kathedrale, wurde, hingen im Turm bislang nur vier Glocken. Seit über tausend Jahren aber gilt es als Gesetz, dass eine Kathedrale sechs Glocken hat. „Mit sechs Glocken sind bis zu 63 verschiedene Geläute möglich“, so Gürlach. So hat er die Domkapitulare davon überzeugt, Hedwig und Hildegard gießen zu lassen.