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Dresden

OB Hilbert stellt Teilnahme am Opernball infrage

Die Ehrung des ägyptischen Machthabers sorgt über Sachsens Grenzen hinaus für Unverständnis. Auch die Semperoper distanziert sich.

Als Stadtoberhaupt nimmt auch Dirk Hilbert beim Semperopernball teil.Die Ehrung al-Sisis sorgt aber bei ihm für Klärungsbedarf.
Als Stadtoberhaupt nimmt auch Dirk Hilbert beim Semperopernball teil.Die Ehrung al-Sisis sorgt aber bei ihm für Klärungsbedarf. © André Wirsig

Dresden. Die Auszeichnung des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi mit dem St. Georgs-Ordens des Dresdner Semperopernballs stößt weiter auf harsche Kritik. Nun schaltet sich Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) in die Debatte ein - und stellt seine Teilnahme am Ball infrage.

„Ich behalte mir vor, ob ich wie bisher offiziell im Programm auftreten werde und mit meinen Gästen am Ball teilnehme", so Hilbert auf Anfrage von saechsische.de. "Es besteht Klärungsbedarf.“

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Zugleich sei für ihn nicht nachvollziehbar, wie die Ehrung al-Sisis zustande kam und nach welchen Kriterien die Ordensvergabe erfolgte. Er habe die Organisatoren in einem Schreiben um "sofortige Informationen" gebeten.

Hans-Joachim Frey überreichte Abdel Fattah Al-Sisi den Orden am Sonntag in Kairo.
Hans-Joachim Frey überreichte Abdel Fattah Al-Sisi den Orden am Sonntag in Kairo. © Egyptian Presidency/dpa

Über die Ordensvergabe sei Hilbert nicht informiert gewesen, erklärte Rathaus-Sprecher Kai Schulz und betont: "Beim Semperopernball handelt sich um keine städtische Veranstaltung, sehr wohl aber um ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis für Dresden mit großer Außenwirkung."

Am Montagnachmittag meldete sich auch die Semperoper zu Wort - und missbilligte "ausdrücklich die Entscheidung [...], den ägyptischen Staatpräsidenten Abdel Fatah El-Sisi mit dem St. Georgs Orden zu ehren".

Intendant Peter Theiler betonte, nicht in die Planung des Balls einbezogen zu sein. Die jüngsten Entscheidungen hätten "zu einer massiven Irritation innerhalb der Semperoper Dresden" geführt, die als führende Kulturinstitution stets Stellung für Freiheit, Toleranz und Menschenrechte beziehe.

Der Dresdner Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn (Grüne) erklärte am Montag, es sei beschämend, die Menschenrechtsverletzungen al-Sisis auszublenden. "Sie rollen einem Diktator den roten Teppich aus und beschädigen so die schönste Nacht des Jahres in Dresden", kritisierte Kühn den künstlerischen Leiter des Balls, Hans-Joachim Frey, unter verweis auf das Motto der Veranstaltung. 

In Ägypten würden Oppositionelle, Aktivisten und Journalisten inhaftiert und entführt, erklärte Kühn weiter. Die Zahl der Hinrichtungen sei in den letzten Jahren stark gestiegen. Unter diesen Eindrücken stelle sich die Frage, für welche Werte der Semperopernball stehe, betonte er.

Kühns Abgeordnetenkollege im Bundestag Kai Gehring äußerte sich ähnlich drastisch: Die Ordensverleihung sei "außen- und menschenrechtlich jenseits von Gut und Böse - hochnotpeinlich".Jury und Leitung sollten sich in Grund und Boden schämen. Die Preisverleihung fand auch medial über Dresdens und Sachsens Grenzen hinaus Beachtung: "In Dresden wird ein Tyrann geehrt", titelte etwa die Welt am Sonntag in einem Kommentar des Chefredakteurs.

"Verstörend und naiv"

Sachsens FDP-Chef Frank Müller-Rosentritt sagte, die Ordensverleihung sei "extrem verstörend und naiv". Man brauche sich nicht wundern, warum einige Menschen in Deutschland Sympathien für Autokraten hegen würden. Die Dresdner SPD-Vorsitzende Dana Frohwieser nannte den Orden für al-Sisi einen "Skandal".

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Sachsen kritisierte die Ordensvergabe. Ganz abgesehen von der schlechten Behandlung von Arbeitnehmern in Ägypten unterminiere die Politik al-Sisis den inneren sozialen Frieden in dem nordafrikanischen Land. "Ein solcher Hintergrund hat nichts mit Kultur zu tun, sondern mit Diktatur", sagte DGB-Landeschef Markus Schlimbach.

Ballleiter Frey hatte die Ehrung al-Sisis am Wochenende verteidigt. Da man eine Kulturveranstaltung sei, handle es sich nicht um einen politischen Orden, sagte er dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und verwies auf die Eröffnung eines nationalen Museums in Kairo. "Wir wollen Kulturbrücken bauen, um darüber eine vermittelnde Sprache zwischen Regionen zu schaffen", erklärte Frey.

Dennoch folgten auf die Bekanntgabe schnell Kritik und Empörung:  Sachsens Wirtschaftsminister und SPD-Chef Martin Dulig twitterte, der Semperopernball nehme sich seine Würde. Das Handeln der Ball-Organisatoren sei unverantwortlich und beschämend. 

Sachsens neue Justizministerin Kaja Meier (Grüne) kritisierte unter anderem die mangelhafte Transparenz bei der Preisvergabe. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) äußerte sich dagegen zurückhaltend und verwies darauf, dass nicht der Freistaat den Orden verleihe. Al-Sisi sei sicher kein Demokrat, leiste aber "eine wichtige Arbeit zur Stabilisierung des Nahen Ostens".

Auf der Petitionsplattform Change.org werden inzwischen Unterschriften gegen die Ehrung al-Sisis gesammelt. In der Begründung heißt es, al-Sisi sei durch einen Militärputsch an die Macht gekommen, würde Kritiker und politische Gegner einsperren. Bis zum Montagnachmittag hatten knapp 200 Leute die Petition unterstützt. (mit SZ/abi, epd)

In eigener Sache

DDV-Mediengruppe distanziert sich von Semperopernball-Preisträger.

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Die DDV-Mediengruppe ist seit vielen Jahren offizieller Medienpartner des Dresdner Semperopernballs. Ziel dieses Engagements war und ist es, ein Dresdner Event mit nationaler Ausstrahlung für Sachsen aufzubauen und zu befördern. Umfang und Art dieses Engagements werden regelmäßig neu bewertet.

Die DDV-Mediengruppe hat keinen Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung des Balls.

Die DDV-Mediengruppe (u.a. Sächsische Zeitung, Morgenpost, sächsische.de, TAG24.de) distanziert sich ausdrücklich von der Entscheidung, den ägyptischen Staatspräsidenten Al-Sisi mit dem St.-Georgs-Orden des Dresdner Semperopernballs auszuzeichnen. Missachtung von Menschenrechten einschließlich des Rechts auf freie Meinungsäußerung sind nicht vereinbar mit Haltung und Selbstverständnis von Verlag und Redaktionen in der DDV-Mediengruppe.