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Heimarbeit statt Nähcafé

Die Döbelner Initiative näht jetzt Community-Masken. Auf den Namen kommt es an, denn die Abmahnanwälte lauern.

Susanne Harz aus Höckendorf leitet das Nähcafé, ein Projekt des Vereins Treibhaus. Weil sich die Frauen derzeit nicht treffen können, nähen sie zu Hause sogenannte Community-Masken. Dafür gibt es großen Bedarf.
Susanne Harz aus Höckendorf leitet das Nähcafé, ein Projekt des Vereins Treibhaus. Weil sich die Frauen derzeit nicht treffen können, nähen sie zu Hause sogenannte Community-Masken. Dafür gibt es großen Bedarf. © Dietmar Thomas

Döbeln. Während eine Solidaritätswelle in der Corona-Krise übers Land rollt, nutzen das Abmahnanwälte aus, um Kasse zu machen. Einigen Initiativen hatten Abmahnungen erhalten, weil sie die selbst genähten Masken als Schutzmasken oder mit ähnlichen Namen bezeichneten, die eigentlich klassifizierten medizinischen Masken vorbehalten sind.„Die Bezeichnung Mundschutz ist schon kritisch“, sagte Hartmut Fuchs, der beim Verein Treibhaus für das Projekt „Willkommen in Döbeln“ und damit das Nähcafé verantwortlich ist. 

Mehrere Frauen, die sich sonst im Nähcafé treffen, nähen derzeit Gesichtsmasken. Und für diese Handarbeiten hat Fuchs eine unverfängliche Bezeichnung gefunden. „Wir nennen sie Community-Masken“, sagt er. Ein Beipackzettel soll das Ganze noch rechtlich absichern. „Da steht klar drin, dass es sich nicht um ein Medizinprodukt handelt und vor was es schützt“, sagte Fuchs.

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Das Nähcafé ist ein Projekt des Vereins Treibhaus. Die Frauen treffen sich regelmäßig im Haus der Vielfalt an der Zwingerstraße. Zu normalen Zeiten. Derzeit bleiben die Frauen zu Hause – und nähen in Heimarbeit trotzdem. Nämlich eben diese „Community-Masken“. Für einen größeren Auftrag hat Susanne Harz, die die Gruppe leitet, auch schon Nachtschichten eingelegt. Die 44-Jährige hatte 50 Masken für ein Pflegeheim genäht. Und neben Büro- und Hausarbeit und der Aufgabe, nebenbei noch das Kind zu beschulen, blieben eben nur die Nachtstunden für die Arbeit.

Seit der Kontaktsperre vor zwei Wochen nähen fünf Frauen der Gruppe diese Masken aus Baumwollstoff, der sich kochen und damit desinfizieren lässt. Mittlerweile wird das Material knapp. „Gummilitze ist absolute Mangelware. Auch Schrägband zum Binden der Masken gibt es nicht mehr“, sagt sie. „Ich habe schon alle Bekannten und Freunde aktiviert, damit sie alte Bettwäsche raussuchen.“ Der Stoff sei gut für die Masken geeignet. Diese dürfen gern auch kunterbunt sein. Für Kinder mit Bärchen und Sternchen, genäht aus Kinderbettwäsche. „Mit medizinischen Artikeln sind die nicht zu verwechseln“, sagte Susanne Harz.

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Sie schätzt, dass die Initiative bisher um die 150 Masken ausgeliefert hat. Vor allem an Pflegedienste, aber auch an Kitas, Physiotherapeuten, Streetworker, die mit Risikogruppen arbeiten. Die Aktiven des mobile Einkaufsdienstes, den die Linken-Landtagsabgeordnete Marika Tändler-Walenta organisiert hat, ist mit Masken ausgerüstet worden. Auch Privatleute, die alte Menschen betreuen, hätten angefragt. Die Kapazitäten seien allerdings begrenzt, sagte Susanne Harz. Große Bestellungen könnten die Frauen nicht bewältigen. „Wir sind jetzt schon am Limit.“

Das Internet ist eine Fundgrube für Nähanleitungen. Die Fähigkeiten der Frauen seien sehr unterschiedlich. „Da sind Könner und Nähanfänger dabei“, sagte Susanne Harz. Je nach Fertigkeiten dauert es zwischen zehn Minuten und einer halben Stunde, um eine Maske anzufertigen. Zu Beginn habe es auch viele Fehlversuche gegeben.

Unter normalen Umständen treffen sich die Frauen des Nähcafés einmal in der Woche. Begonnen hatte alles in der Erstaufnahmeeinrichtung in Döbeln. Später traf man sich zum gemeinsamen Nähen im Café Courage. Jetzt hat das Projekt feste Räume im Haus der Vielfalt an der Zwingerstraße. Susanne Harz ist seit 2017 dabei. „Ich wollte eigentlich nur Material spenden und bin dann hängengeblieben“, erzählt sie. 

Zu den Treffen kommen zwischen zehn und 30 Leute – aus Deutschland, Syrien, Indien, dem Iran und Irak, aus der Türkei und dem Libanon. „Am Anfang waren Pakistani dabei, die als Näher gearbeitet und von denen wir viel gelernt haben. Aber die haben alle Arbeit gefunden. Viele finden sich mittlerweile gut zurecht“, sagte Susanne Harz. Derzeit gehörten mehr deutsche Frauen der Gruppe an. „Das finde ich optimal. Das ist besser für die Integration.“

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