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Görlitz

Heimat für Biertrinker und Görlitz-Fans

Zu Landskron gehört das Bier und eine Geschichte. So feierte das Unternehmen am Wochenende das Braufest und sein 150-jähriges Bestehen.

Die Feuerwerke über dem Hof der Landskron Brauerei gehören zu dem Sehenswertesten auf diesem Gebiet, was Görlitz zu bieten hat.
Die Feuerwerke über dem Hof der Landskron Brauerei gehören zu dem Sehenswertesten auf diesem Gebiet, was Görlitz zu bieten hat. © Nikolai Schmidt

Wenn die Landskron-Hymne über den Hof oder im Saal erschallt, dann stimmen die Besucher gern mit ein. „Liebe dein Landskron. So ein Bier, das gibt’s nur hier“, schmettern sie den Refrain, als gelte es ihre Mannschaft vorzupeitschen. Ihre Mannschaft, das sind rund 80 Mitarbeiter und an diesem Wochenende einige Dutzend Helfer mehr, die das Braufest zu einem kleinen Stadtfest machen: Namhafte Sänger wie Vanessa Mai, Entertainer wie Wolfgang Lippert, Musiker wie die Leipziger Band Nightfever, Görlitzer Vereine, Initiativen und Gastronomen. Tausende Besucher füllen den Hof ihrer Brauerei und würden selbst nach dem x-ten Bier unterschreiben, was Braumeister Matthias Grall am Donnerstagabend bereits erklärt: „Wir sind hier Platzhirsch, weil wir ein verdammt gutes Bier brauen.“ Und das soll auch noch die nächsten 150 Jahre so bleiben, fügte er mit ersterbender Stimme an. 

Doch das Publikum aus Politikern, Unternehmern und Mitarbeitern, das die Landskron Brauerei aus Anlass ihres 150-jährigen Bestehens in die Kulturbrauerei eingeladen hat, würdigt Gralls Auftritt mit dem längsten Beifall des Abends, weil er auf bodenständige Art den Bogen von der Gründung 1869 bis heute schlug. Matthias Grall, seit 2000 im Unternehmen, ist einer der Erfolgsgaranten für Landskron, achtet er doch genau darauf, dass die Qualität des Bieres stimmt. Schließlich sei das schon das Motiv der visionären Gründer in der Gründerzeit gewesen: „Sie wollten ein besonderes Bier brauen. Dieses Ziel verfolgen wir seit 150 Jahren, und deswegen sind wir noch am Markt.“

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Es wäre aber noch nicht genug, wenn zu dem guten Produkt nicht noch eine Erzählung gehören würde. Und die heißt: Heimat. Das bedient die Hymne. Aber auch Ministerpräsident Michael Kretschmer spricht von „Identität“ und von dem Unterschied zu großen Unternehmen wie Bombardier und Siemens, wo in fernen Konzernzentralen über die Köpfe der Mitarbeiter entschieden wird. Bei Landskron geht der Chef täglich am Mitarbeiter in der Pforte vorbei. Wie eng Eigentümer, Geschäftsführung und Mitarbeiter verbunden waren und sind, scheint auf, als der 88-jährige Ludwig Scheller eine Rede wie ein Vermächtnis hält. Er ist der Bruder des letzten Scheller-Eigentümers der Brauerei, sein Großvater Theodor übernahm Anfang des 20. Jahrhunderts die Brauerei, übergab sie Ludwigs Vater Walter, der die Brauerei bis zu seinem Tod 1946 führte.

Ludwig Scheller erinnert sich an seine Kindheit auf dem Brauereihof, an die harten Jahre des Krieges, an die Enteignung in der DDR, die Reprivatisierung durch Edgar Scheller gegen den Widerstand der Treuhand – und an viele Namen von langjährigen Beschäftigten, die er in all den Jahren bei regelmäßigen Besuchen wiedertraf. Als er schließlich darüber erzählt, wie er im März 1990 das erste Mal wieder durch die ganze Brauerei gehen konnte, sein Geburtszimmer in der Scheller-Villa auf dem Firmengelände wiedersah und daran denken musste, dass dieses Erlebnis weder seiner Mutter noch seinem Vater vergönnt war, da übermannen ihn die Gefühle.

Es ist diese Geschichte der Schellers, die auch den heutigen Inhaber Rolf Lohbeck stark berührt. Dass sie sich so eingesetzt habe für das Unternehmen, nach der Wende noch einmal den Mut gefasst habe, die Firma zu übernehmen, das sei enorm. „Ohne die Familie Scheller gebe es unsere Brauerei nicht“, sagt Rolf Lohbeck. Ohne ihn vermutlich aber auch nicht. Denn die drei Jahre, die Landskron zwischen 2003 und 2006 zu einem großen Getränkekonzern gehörte, gingen an die Substanz. Das Beste, was man über die Jahre hört, ist, dass es die Brauerei danach noch gab. Mit Lohbeck und der Konzentration auf die Kunst des Bierbrauens kam die Wende.

Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um fast zehn Prozent, in diesem Jahr bislang um drei Prozent – trotz des kalten Mais, der wegen des Herrentages immer ein besonderer Biermonat ist. Lohbeck bereut es bis heute nicht, die Görlitzer Brauerei gekauft zu haben. „Es ist ein reiner Glücksfall.“ Dabei trinkt Lohbeck, wie er bekennt, gar kein Bier – mit Ausnahme des Pupen-Schultze Schwarzes. Aber in seinen Hotels hat er das Landskron überall eingeführt. „Und bei Strafe des Untergangs untersagt, ein anderes auszuschenken“.

Das freut auch solch alte Mitarbeiter wie Bernd Skrzypczak, der über 40 Jahre in der Brauerei arbeitete und als Lehrmeister sein Wissen an die nächste Generation weitergab. Im neuen Landskron-Film sagt er, was an diesem Abend und an diesem Wochenende viele denken: „Landskron ist wie eine Familie. Hier will man alt werden.“

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