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Heimat heißt Veränderung

Michael Kraskes Buch „Der Riss“ beschreibt, wie völkischer Nationalismus das Land spaltet, nicht nur zwischen Ost und West.

Barocker Glanz: Der Goldene Reiter an der Augustusbrücke steht für Dresdens glorreiche Zeiten. Kann er heute noch Identität schaffen, Heimatgefühl erzeugen? Zurzeit wird er restauriert, weil er immer wieder illegal bestiegen und beschmiert wird.
Barocker Glanz: Der Goldene Reiter an der Augustusbrücke steht für Dresdens glorreiche Zeiten. Kann er heute noch Identität schaffen, Heimatgefühl erzeugen? Zurzeit wird er restauriert, weil er immer wieder illegal bestiegen und beschmiert wird. © xcitepress

Von Ulfrid Kleinert

Es gilt, ein attraktives, aufklärendes perspektivenreiches Angebot zur Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte Sachsens und Deutschlands vorzustellen, geschrieben von dem 48-jährigen Leipziger Journalisten und Autor Michael Kraske in einer 352 kurzweilige Seiten umfassenden an- und aufregenden Langzeitreportage zu Zuständen und Wahrnehmungen von Deutschland-Ost.

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Das Buch enthält Geschichten aus 24 sächsischen Orten. In einzelnen Kapiteln geht es um Politiker des Landes, darunter Petra Köpping (Titel des Kapitels: „Die Zuhörerin“), Michael Kretschmer („Beschwichtiger und Hoffnungsträger“), Martin Dulig und Matthias Rößler. Und um die Politikprofessoren Werner J. Patzelt („Der Rechtsausleger“) und Hans Vorländer von der TU Dresden, um Andreas Dresen („Der Beobachter“) und seinen Film „Gundermann“. Das Buch enthält Texte zu Pegida, der AfD und dem NSU-Komplex sowie zur Rolle Hans-Georg Maaßens und der zwischen CDU und AfD changierenden Werteunion. Zum Schluss bzw. zu Beginn schildert Kraske seine Gespräche mit der DDR-Christin und heutigen Suchtberaterin Katrin und der heimatliebenden erzgebirgischen Jurastudentin Tanja, mit denen er auf unterschiedliche Weise Freundschaft schloss.

Damals beim Stasi-Verhör

Heimat erscheint bei Kraske als Herkunfts- und Sehnsuchtsort und als politischer Kampfbegriff, auch als der Ort, an dem ein Mensch zu Hause sein kann und Menschen miteinander verbunden sind. Der pointiert Position beziehende Autor lädt die Leser ein, mit ihren eigenen Erfahrungen und Einschätzungen zu vergleichen. Kraske lässt mich zurückdenken an ein frühes Jahr nach der Wende. Ich lebte endlich wieder an meinem Geburtsort Dresden. Als vierjähriger Flüchtling hatte ich Dresden am Ende des Zweiten Weltkriegs mit meiner Mutter und meinen Geschwistern Richtung Westfalen, dem Geburtsort meiner Mutter, verlassen. Als Hamburger Hochschullehrer war ich von 1972 bis 1989 jedes Jahr dorthin zu Besuch gekommen, jeweils, nachdem ich in Rothenburg/Neiße am Martinshof mit einer Gruppe Sozialarbeit und -diakonie Studierender eine Woche lang gearbeitet hatte. Die DDR duldete das, solange es in meinen Seminaren um Behinderte ging; denn „man sei ja human“, sagte man mir einmal in einem langen Stasi-Verhör. Nur über Jugendliche und Strafgefangene dürfe ich nichts lehren, denn „die gehören uns“. Gemeint war offensichtlich dem DDR-Staat.

Nun aber war ich auf Dauer zurück nach Dresden gekommen, hatte unter anderem mit Freunden aus der DDR die erste Hochschule für Soziale Arbeit in Ostdeutschland aufgebaut und war 1991 mit den ersten 50 Studierenden der neuen Evangelischen Hochschule Dresden für eine Woche nach Herrnhut in ein Blockseminar gefahren. „Heimat“ stand dabei im Mittelpunkt. Ein mich überraschendes Ergebnis unseres Nachdenkens war, dass die meisten Studierenden meinten, nicht nur eine Heimat zu haben, sondern mehrere. Obwohl sie vor allem aus Sachsen kamen, wurde keinmal das Land „Sachsen“ als Heimat genannt. Stattdessen meinten sie mit „Heimat“ einerseits einen Herkunftsort im Erzgebirge oder einen Kiez in Leipzig, Dresden oder Chemnitz, andererseits aber Europa und die große weite Welt, die seit der Wende allen offenstand.

Es gibt nicht nur eine Heimat

Mir selbst galt Dresden als Heimat, weil ich mich der Stadt auch aus der Ferne immer verbunden gefühlt hatte und dort jetzt ganz ankommen wollte. Andererseits aber auch der Vordere Orient, weil er den Ursprungsraum großer Teile unserer mir lieb- gewordenen christlichen Kultur bildet. Und als dritte Heimat kam mir der westfälische Landkreis Iserlohn wegen meiner dortigen Jugendfreuden und -freunde in den Sinn, vom Anti-AKW-Kampf und Familie in Hamburg ganz zu schweigen.

Die Erkenntnis, dass es nicht nur eine Heimat gibt, verbindet mich auch mit Michael Kraske. Er nennt Leipzig und Iserlohn seine Heimat. Als junger Journalist kam er Anfang der Neunziger nach Leipzig, wo seine Tochter geboren wurde. Dort fühlt er sich nun mit seiner Liebe, bei seinen Freunden, in seiner Arbeit und seiner Freizeit seit über einem Vierteljahrhundert zu Hause. Ich bin eine Generation älter als Kraske und kannte Dresden lange, bevor ich hierher zog. Von meinen Kindern und Enkeln ist nur mein jüngster Sohn hier aufgewachsen. Aber mit Kraske teile ich die Sorge um das, was wir Heimat nennen, also die Sorge um unsere Lebensorte in Sachsen und darüber hinaus um unser Land und Europa im Horizont der Welt.

Fragen wir, wer oder was unsere Heimat gefährdet, so gibt es zunächst viele Antworten, am Ende aber ist es hauptsächlich eine: Zuerst würde ich wie damals unsere sächsischen Studenten antworten. Unsere Heimat ist bedroht, wenn sie als unveränderbar und exklusiv gilt. Sie ist nur dann lebendig, wenn nicht alles bleibt, wie es schon immer war. Denn Heimat hat Geschichte und lässt Geschichte zu – also auch Veränderung. Zur Heimat gehört Verlässlichkeit von Menschen wie die liebevolle Großherzigkeit der Oma und die zugewandte Solidarität von Freunden genauso wie die Weite einer Schneelandschaft oder des Sternenhimmels. Wir teilen die Erfahrung, dass erst der den Wert seiner Herkunft zu schätzen weiß, der in die Welt aufgebrochen ist und anderenorts Heimat auf Zeit kennengelernt hat.

Wer Gastfreundschaft erfahren hat, wird selbst ein Gastfreund. Offenheit für Fremdes und eine Wertschätzung des Eigenen, die Gemeinschaft mit Fremden zulässt, gehören zusammen. Dem stehen heute in Ostdeutschland Erfahrungen der Fremdbestimmung und der Übervorteilung entgegen. Die hat es gegeben und wird es leider immer geben. Da maßen sich andere an, über Lebensgeschichten zu urteilen, die sie gar nicht kennen.

Unter den Menschen, die nach der Wende aus Westdeutschland kamen, dachten manche wie Sarrazin, der als Vertreter des Bonner Finanzministeriums in den Treuhandverhandlungen die zynische Parole ausgab und beherzigte: „Wir bezahlen alles, also bestimmen wir alles.“ Und unter den vielen, die nach 2015 aus ihrer von Krieg und Gewalt beherrschten Heimat fliehen mussten, gab es auch welche, die kriminell wurden. Aber sie waren und sind nur ein kleiner Teil der zugezogenen Westdeutschen bzw. der heimatlos gewordenen Araber. Auch früher in der DDR und heute in den Dörfern und Städten Sachsens gab und gibt es Menschen, die ähnlich wie diese denken und sich verhalten. Achtsamkeit, Empathie und Menschenwürde zu wahren und zu erfahren, ist Menschenrecht und -pflicht für alle ohne Unterschied. Wo sie verletzt werden, wird jeder wahre Heimatfreund Einspruch erheben.

Im Westen abgelehnt, im Osten mächtig

Deshalb teile ich auch Kraskes Enttäuschung und Bitterkeit darüber, dass jetzt unter den Westdeutschen, die nach der Wende in den Osten gegangen sind, mit Höcke, Kalbitz, Gauland, Maier, außerdem auch mit Meuthen, Weidel, Maaßen, Sarrazin, mit AfD und früher mit der NPD ausgerechnet diejenigen von Ostdeutschen mit politischer Macht und Bedeutung ausgestattet werden, die im Westen wegen ihrer nationalistischen Sprache und Gesinnung abgelehnt wurden. Sie haben den Heimatbegriff völkisch aufgeladen und damit verdorben. Seither geht ein Riss durch unser Land, mancherorts auch durch unsere Familien und Freundschaften.

Was ist dagegen zu tun? Drei Bereiche sind Kraske wie mir wichtig: Erstens sind Verwerfungen durch mit der Wende verbundene soziale Ungerechtigkeiten wahrzunehmen und soweit möglich zu korrigieren. Zweitens müssen Erinnerungen an Geschichte wachgehalten werden, die eine neue nationalistische Katastrophe vermeiden helfen. Kraske verweist hier insbesondere auf das vergessene Konzentrationslager in Sachsenburg. Ich denke auch an eine Aktion meiner Radebeuler Kirchengemeinde: Sie lud Weihnachten 2015 dazu ein, auf ein spezielles Konto ein „Begrüßungsgeld“ für Flüchtlinge in der Höhe des Begrüßungsgeldes zu überweisen, das man selbst 26 Jahre zuvor erhalten hatte. Drittens gilt es, Demokratie zu verstehen und einzuüben. Sie geht von der gleichen Würde aller Menschen aus, lehnt Lehren von der Überlegenheit einer Rasse ab und basiert auf einer Konsensbildung im Rahmen einer fairen Konfliktaustragung unter Ausschluss menschenverachtender Positionen.

Michael Kraske: Der Riss – wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört, Ullstein-Verlag, 352 S. 19,99 €

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