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Heimat Peterskirche

Pfarrerssohn, Küster, Kirchenführer: Christian Wesenbergs Leben ist eng mit der größten Görlitzer Kirche verbunden. Bis heute.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Sebastian Beutler

Von einem Anführer hat Christian Wesenberg so gar nichts an sich. Der 61-Jährige wägt die Worte, spricht sie leise, fast bedächtig aus und nimmt sich auch als Person zurück. Nur sollte sich keiner täuschen. Hinter diesen Eigenarten verbirgt sich ein Görlitzer, der beharrlich für seine Überzeugungen eintritt. Beispielsweise für die, dass die Evangelische Vormittagsakademie als ein Gespräch zwischen „der großen Wissenschaft und der Basis“ fortgesetzt werden sollte. Seit Wesenberg Ende vergangenen Jahres in den Ruhestand ging, ist der monatliche Treff für alle, die an religiösen Fragen und Antworten in dieser Welt Interesse zeigen, langsam eingeschlafen. „Gefühlte 100 Briefe“ habe er geschrieben, viele Gespräche geführt, aber die Kirchengremien in der Stadt und in der Region sahen keine Chance, die Vormittagsakademie aus eigener Kraft fortzusetzen. Dabei füllten Wesenbergs „verschworene Truppe“ und Gäste bei interessantesten Themen den Saal der Stadtmission mit bis zu 100 Menschen. Als 2006 die Evangelische Akademie in Görlitz aufgelöst wurde, hing die Vormittagsakademie in der Luft. Wesenberg fing die Gruppe auf und machte weiter. Die von Berlin aus geleitete Landeskirche hatte ihn übernommen und eine Außenstelle des Amtes für kirchliche Dienste in der Langenstraße eingerichtet. Mit seinem Ruhestand fiel die Stelle weg.

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Hinter dem gelernten Baufacharbeiter liegt ein Berufsleben rund um die Peterskirche. Sein Vater war dort einst Pfarrer, der kleine Christian wächst rund um die Kirche auf, führt mit acht schon Interessenten durch die imposante Görlitzer Hallenkirche. Da lag es nahe, dass er in die väterlichen Fußstapfen treten sollte. Doch das Theologie-Studium an der Universität in Greifswald schmeißt er kurz vorm Examen. Warum, wieso – es gibt keine einfache Antworten darauf. Stattdessen kehrt er mit Enthusiasmus nach Görlitz zurück, natürlich an die Peterskirche. Er wird Küster und versieht damit ein Amt in der Tradition eines Kirchenbeamten, den es so längst nicht mehr gibt. Er assistiert bei Taufen, Trauungen und Gottesdiensten, betreut ungezählte Veranstaltungen und hat ein „wachsames Auge“ auf seine Kirche. Er schippt und schleppt auch tonnenweise Kohle und Sand für den Winterdienst. Scheuert Gemeindehäuser und die unermesslichen Flächen von St. Peter und Paul. Und manche Nacht verbringt er in der leeren, dunklen Kirche, hält Zwiesprache mit dem Raum und weiß: „Hier geht nichts verloren, auch nicht die eigenen so begrenzten Kräfte.“

Auch im Pfarrhaus ist Wesenberg zunächst allein, teilweise ohne Strom, ohne Heizung, jahrelang auf einer Baustelle. Das kirchliche Bauamt will mit einziehen, ein Glücksfall für die Gemeinde. Wesenberg erlebt eine zweite Lehrzeit auf dem Bau, diesmal im Fach Denkmalpflege. Haut Putz von den Decken, legt bemalte Holzdecken und Sandsteinprofile frei, lernt, wie man historischen Mörtelputz auf Stein oder Lehm ausführt und mit der Kelle „seidenweich bügelt“. Maler zeigen, wie man Weißkalk streicht oder warum sie morgens mit frischem Brot zur Arbeit kommen. Steinmetze ergänzen Sandsteinschäden passgenau. Und als Höhepunkt die Restaurierung der Peterskirche. Am 24. Mai 1992 entzündet Küster Wesenberg nach zwölfjähriger Bauzeit die Kerzen zum ersten Gottesdienst. Das Gemeindeleben, zwischenzeitlich ohne eigenen Pfarrer organisiert, fand in der lange ungenutzten Krypta das bestmögliche Asyl. Zu den Gottesdiensten in den 80er Jahren versammelten sich hier auch ausreisewillige Familien, denen das Demonstrationsverbot in der Öffentlichkeit keine andere Wahl ließ.

Mit der politischen Revolution kommen auch auf die Kirchen neue Anforderungen zu. Es ist die Zeit des großen Aufbruchs in Schulen, Kindertagesstätten, auf dem Arbeitsmarkt. So vieles ist nun möglich, was jahrzehntelang nicht machbar war. Christian Wesenberg wird 1993 in den landeskirchlichen Dienst berufen, seit 2002 hat er die Arbeitsstelle „Kirche–Kunst–Tourismus“ inne und ist fortan mit der Wahrnehmung kirchenpädagogischer und touristischer Aufgaben betraut. Viele Lehrer sind verunsichert und dankbar, einen kirchlichen Ansprechpartner für ihren Unterricht zu haben. Wesenberg informiert, erzählt und bemüht sich, ein lebendiges Bild seiner Kirche zu vermitteln. Er selbst lernt, Kinder und Erwachsene einzubeziehen, mit ihren Augen zu sehen. In gleicher Weise bildet er Stadtführer aus und Mitarbeiter für Präsenzaufgaben in offenen Kirchen. Es geht ihm weniger um Jahreszahlen. Sie müssen stimmen, sicher. „Aber der Geist eines Ortes, sein Spirit“, so sagt Wesenberg, „das ist das Entscheidende, um glaubhaft zu vermitteln, dass wir da sind. Als Görlitzer Bürger und Christen.“ Da steckt eben doch ein halber Pfarrer in Wesenberg. Einer der Teilnehmer an der Vormittagsakademie, der Osteuropa-Forscher Wolfgang Geierhos, schrieb einmal über ihn: „Sie haben vielleicht mehr für die Gemeinschaft der Gläubigen getan als ein Pastor, der von der Kanzel aus predigt. Denn Sie können gesellschaftlich wichtige Themen in unkomplizierter Atmosphäre ansprechen und in eine Diskussion münden lassen.“ Auf eine Fortsetzung der Vormittagsakademie lassen neueste Nachrichten nun doch hoffen. Zwei Görlitzer Pfarrer und engagierte Teilnehmer aus dem Kreis der Akademie selbst arbeiten an einem Neustart. Für Christian Wesenberg wäre das eine große Freude. Nicht nur deswegen bittet er weiter um jede mögliche Unterstützung dafür.