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„Heimatlos ist Mist“

Was ist es denn, dieses berühmte Heimatgefühl? Warum haben es die Alten so stark, Jüngere oft weniger? Jugendliche sprachen mit Landrat Bernd Lange darüber.

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© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Hanna Maiwald

Heimat, was wird aus Dir, wenn die Hälfte der Bevölkerung Dich verlässt? Fragen wie diese haben zwei Schülerinnen des Nieskyer Schleiermacher-Gymnasiums und drei Praktikanten der Görlitzer SZ jüngst mit Landrat Bernd Lange diskutiert. Wir fassen die Gesprächsrunde hier zusammen:

Marvin Liebig(SZ-Praktikant aus Mückenhain): Heimat kann man schlecht definieren. Es ist dieses Gefühl von Geborgenheit, dass da meine Familie und meine Freunde sind. Irgendwie auch die Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Ich ziehe bald zum Studium nach Dresden. Ob das meine neue Heimat wird, das kann ich noch nicht sagen.

Marcin Greiner (SZ-Praktikant aus Görlitz): Ich bin ein deutsch-polnisches Kind. Meine Eltern sind Polen und ich wurde in Polen geboren, aber nach meinem ersten Lebensjahr bin ich nach Görlitz gezogen und hier bin auch aufgewachsen. Aber dennoch ist Bunzlau mein Heimatsort, weil ich mich dort sicher und geborgen fühle und dort noch meine ganze Familie ist.

Sina Ettinger (Gymnasiastin aus Niesky): Mit Heimat verbinde ich unter anderem das Essen von meiner Mama und auch einfach Verhaltensweisen von meiner Familie.

Helene Wagner(Gymnasiastin aus Niesky): Wir haben uns im Unterricht mit dem Thema Heimat beschäftigt und gemerkt, es gibt keine Definition. Heimat ist dort, wo ich mich einfach wohl fühle.

Hanna Maiwald (SZ-Praktikantin aus Görlitz): Für mich ist Heimat der Ort, an den ich die meisten Kindheitserinnerungen habe, wo meine Familie sich aufhält. Das kann auch ein Urlaubsort sein, an dem ich oft gewesen bin.

Bernd Lange: Ich bin in Rothenburg aufgewachsen, wohlbehütet bei meinen Eltern. Ich habe darüber sehr viel von Heimatbewusstsein mitbekommen und erfahren, warum den älteren Leuten so wichtig ist, den Heimatbegriff zu pflegen. Weil Heimat etwas ist, wo man wieder Kraft schöpfen kann. Meine Eltern haben viel durchgemacht. Der Vater war zehn Jahre im Krieg und Gefangenschaft. Die Mutter war ohne den Vater sozusagen. In Rothenburg haben sie sich etwas aufgebaut. Das war für mich meine Heimat, die Eltern.

In der heutigen schnelllebigen Zeit erinnert man sich dann an etwas, was einem gut getan hat, wo man aufgehoben war, wo man stets begleitet war, wo man auch mal das Herz ausschütten konnte und wo man weiß, man wird verstanden. Und ich glaube auch, dass der Schlüssel, wenn man die Kraft hat, die Probleme in der Zukunft zu bewältigen und die Aufgabe, die Kraft findet, wenn man Heimat hat.

Es muss einem gut gehen in der Heimat. Deswegen sollte man auch dieser Heimat immer mal etwas zurückgeben. Indem man Freunde einlädt, die weggezogen sind, dann wird dieses Wohltun einen auch selbst auch stärken. Ich sage, Heimat ist eine stille Kraft, die man für das Leben braucht. Heimatlos ist Mist. Das mussten die Vertriebenen in der Region erleiden. Sie mussten sich eine neue Heimat suchen und haben sie auch gefunden, wenn das Umfeld gestimmt hat. Das Thema haben wir aktuell ja auch wieder: Wenn einer seine Heimat verlassen muss, dann findet er dort eine neue, wo er sich wohlfühlt, wo er begleitet wird, wo er nicht nur wie ein Parasit auftritt, sondern sich einbringen kann, wo man ihm entgegenkommt.

Hanna Maiwald: Ich frage mich, wie sich unsere Heimat verändert hat in den letzten Jahren? Und ob sie uns noch genauso kostbar ist, wie unserer Eltern- und Großelterngeneration?

Marvin Liebig: Ich glaube, dass das der Wert der Heimat im Vergleich zu früher ein bisschen in den Hintergrund rückt. Wir haben die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. Die Globalisierung ist für das Bewahren von Traditionen nicht unbedingt förderlich. Das sieht man an diesen kleinen Tante Emma-Läden, die es in der Region teilweise noch gibt. Wenn große Ketten kommen, verdrängen sie die natürlich. Damit geht dann auch ein Stück weit Tradition verloren.

Bernd Lange: Genau das reizt ja, wieder darüber nachzudenken: Was ist Heimat? Man merkt immer mehr, dass der eine oder andere lieber das regionale Produkt kauft. Das hat nicht immer mit einem Heimatgedanken zu tun, aber der spielt da mit. Ich denke, das ist unsere Chance, dass man Heimatbewusstsein auch mal auf den Prüfstand stellt.

Sina Ettinger: Was tun Sie dafür, Traditionen in unserem Landkreis zu erhalten?

Bernd Lange: Alle Menschen, die sich mit Einmaligkeiten, aber auch mit Produkten aus der Region, darstellen, unterstützen und ihnen das Leben erleichtern. Wenn wir unsere Heimat nach außen bringen wollen, dann müssen wir solchen Leuten, die tolle Ideen haben, die Chance geben, dass sie es auch machen können.

Sina Ettinger: Traditionen werden, glaube ich, eher auf den Dörfern gepflegt. In meiner Heimatstadt Niesky ist nicht so viel los wie auf den Dörfern der Umgebung, wo Dorffeste organisiert werden.

Bernd Lange: Das liegt daran, dass von den Dörfern jeder mitmacht, damit was los ist. In den Städten – mögen mir die Städter verzeihen – lässt man sich gerne berieseln. Das ist lange nicht so schön, als wenn man selber organisiert. Das Fest, was man selber organisiert, ist immer das beste Fest. Da ist man stolz und es wird auch ganz anders angenommen. Das gehört zu Bewahrung von Traditionen und von Heimat unbedingt dazu. Das ist umso wichtiger, als wir gerade das Problem haben, uns den Wert der Heimat in dieser schnelllebigen, global aufgestellten Welt zu erhalten. Man muss am Ball bleiben, wie man so schön sagt. Man muss flexibel sein und geht an andere Orte. Das macht es schwer, unseren alten Heimatbegriff aufrechtzuerhalten.

Helene Wagner: Vor allem viele junge Menschen sind aus dem Landkreis schon weggegangen. Sie haben die Heimat verlassen.

Bernd Lange: Man kann den jungen Menschen nicht verbieten, wegzugehen. Wenn sie ihr Leben, ihren Traum, verwirklichen wollen, dann müssen sie gehen. Zumindest war es vor zehn Jahren noch notwendig zu gehen, wenn man nicht in der Arbeitslosigkeit enden wollte. Das ist heute ein bisschen anders geworden, Gott sei Dank. Aber jeder Lebenstraum kann hier nicht erfüllt werden. Wir haben schon viel erreicht, wenn derjenige immer mal an die Heimat denkt und sagt: So schlecht ist es da gar nicht. Dann kommt er irgendwann wieder zurück. Zumindest habe ich diese Hoffnung.

Es muss der Anspruch des Kreises sein, dass junge Menschen und auch ältere Menschen sagen: Das ist unser Landkreis Görlitz, da gehen wir mal zurück. Sie müssen auch stolz drauf sein. Unsere Arbeit ist, den Menschen zu vermitteln: Ihr habt diesen Landkreis groß gemacht, nicht wir als Politiker. Wie oft höre ich von Auswärtigen: Mensch, hätten wir gar nicht gedacht, dass hinter Dresden auch noch eine Welt ist. Und da kann man stolz drauf sein. Stolz, dass das unsere Heimat ist.