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Heimspiel in Polen

Mit der Unterstützung des Publikums wachsen Deutschlands Handballer über sich hinaus – und sprechen vom EM-Titel.

© dpa

Von Tino Meyer, Breslau

Sie haben es geschafft und diese Todesgruppe, wie Verbandsvize Bob Hanning martialisch eine Vorrunde mit dem WM-Vierten Spanien, dem Olympia-Zweiten Schweden sowie den WM-Achten Slowenien bezeichnet, tatsächlich überlebt. Mit einem defensiv hart erkämpften, aber vor allem hochverdienten 25:21-Sieg gegen die Slowenen sind die deutschen Handballer bei der Europameisterschaft in Polen in die Hauptrunde eingezogen. Das ist das Mindestziel – und dennoch nicht unbedingt zu erwarten gewesen bei der Konkurrenz.

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Doch zugegeben, einen unschätzbaren Vorteil haben die Deutschen, zuletzt WM-Siebenter und bei der vorangegangenen EM gar nicht dabei, hier auf ihrer Seite. Diese alles entscheidende Partie ist wieder ein Heimspiel, weil Breslau eben doch nicht in Finnland liegt – wie es auf dem Ankündigungsplakat der DSC-Volleyballerinnen für ihr nahezu zeitgleich stattfindendes Champions-League-Spiel gegen die Polinnen heißt, sondern lediglich rund 170 Kilometer hinter der Grenze.

Die Hala Ludowa, die Jahrhunderthalle, ist deshalb zwar nicht gleich ausverkauft, doch fest in deutscher Hand. So könnte man das in dieser Sportart und angesichts der Zuschauerverteilung sagen – wenn das nicht wieder einer dieser in der Sportsprache so typischen Kraftausdrücke wäre und ein heikler noch dazu, gerade in dieser Zeit und erst recht in dieser Stadt.

Wroclaw, wie Polens viertgrößte Stadt in der Landessprache heißt, befindet sich auch ein Vierteljahrhundert nach der politischen Wende mittendrin in der eigenen Identitätsfindung. Europas Kulturhauptstadt 2016 passt damit perfekt zur deutschen Mannschaft, der es ja nicht anders ergeht. Dem ohnehin jungen Team mit 14 EM-Debütanten fehlen mit den verletzten Uwe Gensheimer, Paul Drux und Patrick Groetzki die besten Leute.

Dieser Sieg gegen die Slowenen ist also beileibe keine Selbstverständlichkeit. Die Südeuropäer haben nach der knappen Auftaktpleite gegen Schweden den Spaniern ein Remis abgetrotzt und im Rückraum Spieler, die „unsere Abwehr auseinandernehmen können“, wie Bundestrainer Dagur Sigurdsson sagt.

Doch so weit kommt es nicht. Die deutsche Defensive mit dem Magdeburger Finn Lemke als Abwehrchef steht gut – und hinter der Deckung mit Andreas Wolff außerdem die Entdeckung des Turniers. Der Torwart von der HSG Wetzlar darf erstmals von Beginn an ins Tor – und nicht die eigentliche Nummer eins Carsten Lichtlein. Wolff braucht ein paar Minuten und kassiert auch den einen oder anderen haltbaren Ball, zeigt dann aber jene Reflexe, die ihn an die Spitze der EM-Rangliste auf seiner Position gebracht haben.

Und dennoch ist es eine zerfahrene Partie mit etlichen technischen Fehlern. Viel steht auf dem Spiel, dass wissen die einen wie die anderen. Tempo geht vor Genauigkeit, Hektik kommt vor Konzentration, was sich nicht zuletzt im Halbzeitstand von 12:10 niederschlägt. So steht’s manchmal bereits nach 20 Minuten.

Die gute Nachricht aus Sicht der Deutschen: Ihre obligatorische Schwächephase, die ihnen die Niederlage gegen Spanien einbrachte und den Sieg gegen Schweden zu einem Krimi werden ließ, hat das DHB-Team diesmal schon hinter sich. Nach zehn Minuten steht es 2:5 – und ist nicht gut fürs Weiterkommen. Das Wolfsrudel, wie der Sportinformationsdienst in Anlehnung an den Torwart meint, präsentiert sich eben manchmal noch zu ungestüm und übertreibt es mit dem Leichtsinn.

Diesmal aber ist die Aufholjagd frühzeitig erfolgreich. Aus dem 2:5 machen die Deutschen ein 6:5 (16.) und bleiben danach immer in Führung. Nach der Pause wächst der Vorsprung sogar immer weiter. 14:11, 16:12, 21:16, 24:18 – das muss doch genug sein. Die Anspannung fällt aber erst in den letzten zwei, drei Minuten ab, auch beim Bundestrainer. „Es ist alles einfach sehr, sehr eng. Es kommt auf die Einstellung, die Tagesform an“, sagt Sigurdsson, „und ob man so einen Lauf, einen Rausch bekommt“.

Den erwischen seine Spieler diesmal nicht, und trotzdem reicht es dank der starken Abwehrleistung zum am Ende doch ungefährdeten Sieg und für die Hauptrunde. Die Gegner, wieder in Breslaus Jahrhunderthalle, sind dann Ungarn, Russland sowie Dänemark. Und die Chancen? „Wenn wir mit zwei Punkten in die Hauptrunde kommen, können wir weiterhin hoffen, das Maximalziel zu erreichen: den Titel“, sagt Wolff. Das ist mal eine Ansage.

Das Vertrauen in das eigene Können wächst offenbar mit jedem Spiel, genauso die Erfahrung sowie der Respekt der Gegner. Die Zuschauer haben sie ja notfalls auch noch auf ihrer Seite, mindestens bis zum Halbfinale in Krakau. Dort könnte Polen dann der Gegner sein – und 15 000 frenetische Fans gegen Deutschland.