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Heimweh nach Sachsen

Camillo Ugi trumpft beim SC Germania Sao Paulo auf. Aber das Brasilien-Abenteuer des ersten sächsischen Fußballstars endet nach nur vier Monaten.

Von René Wiese

Auf der Überfahrt von Hamburg nach Sao Paulo schweifen im April 1905 die Gedanken von Camillo Ugi immer wieder ab. Sie kreisen um die Zukunft, die ihn im fernen Brasilien erwarten wird. Der 20-Jährige möchte endlich mit seinem Hobby, dem Fußball, Geld verdienen. Ein ehemaliger Vereinskamerad vom Allgemeinen Turnverein Leipzig 1845 (ATV), bei dem Ugi mit 14 als Turner begann, hat ihm die Reise nach Sao Paulo schmackhaft gemacht.

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Er vermittelte ihn an den SC Germania und schwärmte von der Stadtmeisterschaft, von leidenschaftlichen Duellen und einem stürmischen Publikum. Gerade in Sachsen ist die brasilianische Metropole zum Inbegriff von Wohlstand geworden. Viele Dresdner und Leipziger sind dem Ruf des Kaffee-Booms seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Hoffnung auf Arbeit und Reichtum gefolgt. Beim SC Germania haben sie eine sportliche Heimat gefunden.

So auch der Hamburger Fußballpionier Hans Nobiling, der 1897 nach Brasilien aufbricht, um sich als Kaufmann eine neue Existenz aufzubauen. Der als Angestellter der brasilianischen Bank für Deutschland nach Sao Paulo gekommene Nobiling hat einen Ball und die Satzung seines Hamburger Heimatvereins im Gepäck. Nobiling spielte beim SC Germania, einem Vorgänger des heutigen HSV. Den Namen nimmt er mit nach Sao Paulo und gründet einen deutschen Migrantenverein, in dem Einwanderer und Einheimische den Trendsport aus Europa betreiben. Die Germania ist 1899 bereits der vierte Fußballklub Sao Paulos, der 1901 zu den Gründungsmitgliedern der Stadtmeisterschaft gehört.

Camillo Ugi ist als Fußballer längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der 1884 in Leipzig geborene Sohn eines Italieners wechselte 1902 zum Leipziger BC. Dort reifte er zum exzellenten Techniker – Fähigkeiten, die in Sao Paulo dringend gebraucht werden. Denn der FC Germania kann seit der Gründung der Liga sportlich nicht mithalten. Dies will Hans Nobiling ändern und lockt das deutsche Ausnahmetalent – mit einer lukrativen Anstellung in seinem Handelskontor, die Schiffspassage wird gesponsert. Den abenteuerlustigen Ugi überzeugen die Perspektiven in der neuen Welt. Er möchte nun jenen deutschen Spielern nacheifern, die sich in Brasilien schon einen Namen gemacht haben. Vor allem denkt er an seinen zukünftigen Mannschaftskameraden Hermann Friese, der als ehemaliger Leichtathlet und leidenschaftlicher Mittelstürmer beim SC Germania Karriere gemacht hat.

Friese, 1903 von Hamburg nach Sao Paulo ausgewandert, hat die Herzen der Paulistanos im Sturm erobert. Die Zeitung O Estado de Sao Paulo nennt ihn sogar den „sensationellsten Fußballer aller Zeiten“. Er avanciert zum Goalgetter der Germania und wird 1905 mit 14 Treffern in zehn Spielen sogar Torschützenkönig.

An der Seite von Friese lässt sich der Neustart für Ugi sehr vielversprechend an. Das Mittelfeld-Ass trumpft bei den Stadtduellen groß auf. In den sieben Spielen, in denen er eingesetzt wird, geht die Germania fünfmal als Sieger vom Platz. Der Plan Nobilings scheint aufzugehen. Doch nach zwei Monaten läuft nicht mehr alles so rund. Ugi bekommt Heimweh. Obwohl es sportlich passt, fällt die Eingewöhnung in die Fremde schwer. Insbesondere die portugiesische Sprache bereitet ihm Probleme, sodass er auf seine lohnende Anstellung bei Nobiling verzichten muss. Diesen beruflichen Verlust kann Ugi als Amateurfußballer finanziell nicht wettmachen.

Nach nur vier Monaten besteigt er enttäuscht ein Dampfschiff und kehrt zurück nach Leipzig, wo er sich dem VfB anschließt, mit dem er 1906 prompt deutscher Meister wird. Seine außergewöhnliche Karriere nimmt mit einem Engagement 1907 beim Dresdner SC ihren Lauf.

Das Vorbild von Sepp Herberger

Ugi ist vor und nach dem Ersten Weltkrieg ein gefragter Spieler. Häufig wechselt er seine Vereine: Marseille, Frankfurt/Main, Breslau, aber immer wieder auch Leipzig und Dresden. Zwischen 1909 und 1912 wird er 15 Mal in die Nationalmannschaft berufen, davon neunmal als Kapitän. Vor dem Ersten Weltkrieg avanciert er zum ersten Rekordnationalspieler des DFB. Trainerlegende Sepp Herberger bezeichnet ihn gar als Vorbild seiner Jugendzeit.

Trotz des Weggangs von Ugi wächst der SC Germania zu einem Top-Team. Der Vizemeisterschaft 1905 folgt 1906 der Titelgewinn, ein Erfolg, der 1915 noch einmal wiederholt werden kann. Während des Zweiten Weltkrieges aber erfolgt eine rigorose „Brasilianisierung“ alles Deutschen, ein Reflex auf das Bündnis Brasiliens mit den Alliierten. Mit der Umbenennung in EC Pinheiros verschwinden der deutsche Vereinsname und die deutsche Sprache. Die deutschen Wurzeln im brasilianischen Fußball aber sind geblieben.