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Heinz Gürtlers geraubte Jahre

Der Verfolgung der Zeugen Jehovas in der Zeit des Faschismus und in der DDR widmete sich eine Ausstellung, die jetzt in Berlin zu sehen war. Gemäß ihrer biblischen Devise „Wir müssen Gott mehr gehorchen...

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Von Ingolf Reinsch

Der Verfolgung der Zeugen Jehovas in der Zeit des Faschismus und in der DDR widmete sich eine Ausstellung, die jetzt in Berlin zu sehen war. Gemäß ihrer biblischen Devise „Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen“ verhielten sich die Zeugen Jehovas nach eigenem Bekunden politisch neutral und verweigerten sich dem Totalitätsanspruch beider Systeme. Einer, der die Folgen dieser Haltung zu spüren bekam, ist Heinz Gürtler aus Bischofswerda. Der jetzt 75-Jährige war Ende der 50er Jahre auf Grund seines Glaubens zu vier Jahren und drei Monaten „Umerziehungshaft“ verurteilt worden. Erst 1992 rehabilitierte ihn das Bezirksgericht Dresden.

Heinz Gürtler, Jahrgang 1928, war 21 Jahre alt, als er der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas beitrat. Vorausgegangen war ein Prozess, den er, seinem Glauben gemäß, als das „Heranführen an die Wahrheit“ beschreibt. Vor allem der Krieg hatte ihn geprägt: mit 16 Jahren im Dezember 1944 zu „Hitlers letzter Reserve“ eingezogen, Reichsarbeitsdienst, Wehrmacht, dann Gefangenschaft. „Nach sechs Wochen haben die Briten uns laufen lassen. Was sollen wir denn mit euch Kindern, sagten sie“, erinnert sich Heinz Gürtler.

1948, der Tischlergeselle und spätere Schuhmacher arbeitete in Bischofswerda, kam er durch die Haushälterin seines Arbeitgebers zum ersten Mal mit Zeugen Jehovas in Berührung. „Ich habe mir damals sehr tiefgehende Gedanken gemacht, was menschliches Leben ist. Das Leben, das wir haben, mit Krieg, Elend und Krankheiten, kann nicht das Wahre sein. Ziel ist es, auf einer paradiesischen Erde zu leben“, benennt Heinz Gürtler „eine Lehre der Bibel“, die die Glaubensgemeinschaft anderen Menschen nahe bringen möchte, „ohne die Welt bekehren zu wollen“.

Am 1. September 1950 wurde die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in der DDR verboten. Deren Mitglieder trafen sich daraufhin im kleinen Kreis, in Wohnungen zum Beispiel. Zugleich gingen die Predigtdienste weiter, bei denen Gläubige an Wohnungstüren Gespräche über die Bibel anbieten. Auch in der DDR folgten sie ihrem weltweit geltenden Grundsatz politischer Neutralität. „Ich bin nicht gegen den Strom geschwommen. Ich konnte auch durch mein Verhalten, meine Arbeit zeigen, wer ich bin“, sagt Heinz Gürtler.

Im April 1959 wurde er verhaftet und zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt, von denen er reichlich zwei Jahre in Dresden absitzen musste. Die Anklage lautete auf „böswillige Hetze gegen die DDR“. Verhandelt wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Seine junge Ehe, er hatte eine Zeugin Jehovas geheiratet, habe diese Zeit auf die Probe gestellt. „Aber der Gedanke, sich zu trennen, ist meiner Frau nie gekommen.“

Obwohl politisch neutral, galt der Bischofswerdaer als politischer Gefangener. Zusammen mit 21 anderen Handwerkern war er einem Arbeitskommando zugeteilt. Er sei in der Haft körperlich nicht misshandelt worden, allerdings habe es die psychische Belastung gegeben. Im Unterschied zu anderen DDR-Gefängnissen sei es den Häftlingen in Dresden auch nicht erlaubt gewesen, in der Bibel zu lesen. „Wir waren von der Welt zum Teil wie abgeschnitten. Aber ich hatte vorgebaut, um davon zehren zu können.“

Der kleine, untersetzte Mann spricht ohne jede Verbitterung. Seinen inneren Frieden scheint er gefunden zu haben. Nein, sagt Heinz Gürtler, Rachegefühle empfinde er nicht. Auch nicht beim Gedanken an die geraubten Jahre.

Später, nach der Entlassung aus dem Gefängnis, sollte Heinz Gürtler noch oft Benachteiligen spüren: bei der Wohnungssuche zum Beispiel oder der Berufswahl seiner Tochter, die sich in den 80er Jahren der Wehrerziehung verweigerte. Den Versuch, in den 70er Jahren die Orthopädiewerkstatt seines Vaters zu übernehmen, wagte Heinz Gürtler gar nicht erst: „Ich galt ja in der DDR als vorbestraft und hätte daher nie meinen Meister machen und das Gewerbe anmelden können.“ So wurde er nach mehr als 20-jähriger Mitarbeit in der väterlichen Werkstatt wieder Tischler. Erst die Modrow-Regierung hob im März 1990 das fast 40-jährige Verbot der Religionsgemeinschaft auf.

Seitdem können die Zeugen Jehovas auch in diesem Teil Deutschlands ihre Religion frei ausüben, und sie erleben, zumindest teilweise, dass ihnen Behörden zuvorkommend begegnen. „Für unsere Religionsgemeinschaft besteht augenblicklich keine Gefahr“, sagt Heinz Gürtler, und man mag aus diesem Satz eher Nachdenklichkeit als Erleichterung heraushören.