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Heiße Diskussion um Kretscham-Reste

Das 400 Jahre alte Bauwerk ist nicht wie geplant ganz abgerissen worden. Sollen ein Mauerrest undderKeller stehen bleiben oder nicht?

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Von Holger Gutte

Seifhennersdorfs alten Kretscham gibt es nicht mehr. Nach dem Stadtfest im August ist das bis dahin zu den ältesten Gebäuden der Stadt gehörende und seit Langem ungenutzte Bauwerk abgerissen worden. Nur eine Sandsteinmauer und ein Keller stehen noch. Und genau diese Tatsache hat auf der Stadtratssitzung am Donnerstagabend zu einer heftigen Diskussion geführt. Denn eigentlich sollte von den zur Verfügung stehenden 242000 Euro der Kretscham längst komplett abgerissen, wo nötig Mutterboden aufgefüllt und Wiese auf der Freifläche eingesät sein.

Dass eine 1,30 Meter hohe Sandsteinmauer und der historische Keller noch stehen, hat Bürgermeisterin Karin Berndt entschieden. Sie wollte damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Seit Beginn der Abrissarbeiten sind die Stadtverwaltung, die Baufirma und das Ingenieurbüro immer wieder von Einwohnern gebeten worden, wenigstens mit einem Teilstück an das 400 Jahre alten Gebäude zu erinnern. „Der Abbruch des Kretscham erfuhr eine ungewöhnliche Anteilnahme durch die Einwohner“, betont Bauplaner Michael Haase, dessen Ingenieurbüro im Landkreis schon von vielen ähnlichen Bauwerken den Abriss begleitet hat.

Der Erhalt der Mauer schien der Bürgermeisterin aber noch aus einem anderen Grund sinnvoll. Das Gefälle auf der Freifläche, teilweise sechs Prozent, konnte so ausgeglichen werden. „Es war eine Hauruckentscheidung, die ich mitten in der Abrissphase plötzlich fällen musste“, schildert sie beim Stadtrat. Durch die Mauer kann das Gelände begradigt werden. Somit wäre auch die Gefahr gebannt, dass bei starken Regenfällen die aufgeschütteten Erdmassen auf die Straße gespült werden.

Doch bei dieser Entscheidung wäre ein Großteil der Gemeinderäte gern mit einbezogen worden. „Beschlossen war ein Komplettabriss. Jetzt, wo das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, sind wir nun gezwungen, zwischen zwei Varianten zu wählen, die nie zur Debatte standen“, sagt Stadtrat Stephan Kothe (CDU). Er verglich es mit einer Wahl zwischen Pest und Cholera. Zuvor hatte bereits Peter Hänsgen (CDU) seinem Ärger Luft gemacht. Er fordert, wie andere auch, künftig gleich mit einbezogen zu werden. „Wir müssen einfach mehr miteinander reden. Monatelang haben wir nichts darüber erfahren“, erzählt er.

Bürgermeisterin Karin Berndt entschuldigte sich dafür bei den Stadträten. „Ich nehme das voll auf meine Kappe“, sagt sie. Für die Bürgermeisterin ist es quasi auch eine Entscheidung aus dem Bauch heraus gewesen. Sie will nicht eine Bürgermeisterin sein, die alles plattmachen muss. „Dafür haben mich die Leute nicht gewählt. Es tut weh, wenn man nur schließt oder abreißt, und nichts Neues bauen kann“, schildert sie.

„Wir müssen beim Kretscham im Kostenrahmen bleiben und mit dem Geld verantwortungsvoll umgehen.“ Karin Berndt will in den nächsten Tagen unter anderem mit Stephan Kothe und Peter Hänsgen intensiv über die weitere Vorgehensweise beim Kretscham reden. Um auch die Bürger mit einzubeziehen, würde sie sich freuen, wenn möglichst viele der Stadtverwaltung hierzu ihre Meinung mitteilen.

Denn nun gilt es zu überlegen, ob die Sandsteinmauer und der Keller, der als ältester Teil des Gebäudes gilt, erhalten bleiben sollen oder nicht. Ein Komplettabriss der Mauer ist aber wahrscheinlich nicht mehr möglich. Denn ein Teilstück davon ist bereits mit Fördermitteln saniert. Das hieße sonst womöglich, Geld zurückzuzahlen. Der Erhalt des Kellers ist das größte Problem, wenn man im Kostenrahmen bleiben will. Denn dessen Wände müssten dann gegen Feuchtigkeit abgedichtet werden. Auch eine Decke über dem Keller wäre nötig.

Rund 30000 Euro sind noch übrig. Nun gilt es zwischen den beiden Varianten und damit Kosten von 29000 Euro oder reichlich 50000 Euro zu wählen. Auf alle Fälle muss möglichst schnell entschieden werden. Denn bis Ende Februar soll die Maßnahme mit einer Fördersumme von 217800 Euro abgeschlossen sein.

Egal, wie die Entscheidung ausfällt: Karin Berndt findet, dass in irgendeiner Form an den alten Kretscham und an seine 400-jährige Geschichte hier am Platz erinnert werden muss. Sei es mit einer Schautafel oder ein paar aufeinander gesetzter Steine, die man geborgen hat.