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Hektik hinter den Kulissen

Anna-Maria Brankatschk ist endlich fertig mit der Maske. Eine halbe Stunde hat es gedauert, den Kopf der jungen Schauspielerin in den einer verfressenen, rothaarigen Maus zu verwandeln. Jetzt dehnt und streckt sich die 24-Jährige und hüpft wie wild durch den engen Raum.

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Von Jana Ulbrich

Anna-Maria Brankatschk ist endlich fertig mit der Maske. Eine halbe Stunde hat es gedauert, den Kopf der jungen Schauspielerin in den einer verfressenen, rothaarigen Maus zu verwandeln. Jetzt dehnt und streckt sich die 24-Jährige und hüpft wie wild durch den engen Raum. Und dann fängt sie auch noch an zu trällern. Sie muss ja irgendwie munter werden, muss sich aufputschen und in Fahrt kommen für den Job, der gleich wieder alles von ihr fordert.

Paul Schaeffer geht die Fröhlichkeit der Kollegin ein bisschen auf die Nerven heute. Er hat Rückenschmerzen, ist total verspannt und wäre am liebsten im Bett geblieben. Kann er aber nicht. Er wird auch heute wieder über die Bühne springen und rennen und tanzen. Er wird lachen und singen. Und schwitzen. Gefühlte zwei Liter wird er schwitzen. Er spielt ja den Franz, den sportlichen der Bautzener Mäuse-Geschwister. Gleich kriegt er seine Barthaare ins dick geschminkte Gesicht geklebt. „Anton – das Mäusemusical“ ist gerade der Renner am Deutsch-Sorbischen Volkstheater. In einer dreiviertel Stunde beginnt die Vorstellung.

Da müssen sich jetzt auch die Techniker auf der Bühne beeilen. Bühnenmeister Thomas Jänchen und seine Männer sind schon seit früh um sechs im Haus. Jedes Gerät, jede Konstruktion, jedes Seil, jedes Brett, jede Halterung müssen noch mal durchgeprüft und ausprobiert werden. „Bei dieser Inszenierung ist es das Wichtigste, dass auch hinter den Kulissen alles klappt“, weiß Jänchen. Das Bühnenbild hat ihn diesmal vor eine echte Herausforderung gestellt, gibt er zu. Das Mäusemusical spielt unter einem überdimensionierten Sofa. Aber kriegen Sie mal ein riesiges Sofa in fünf Meter Höhe!

Riesig und überdimensioniert ist bei diesem Stück ja überhaupt alles auf der Bühne. Der rotweiße Strohhalm ist aus einem Abzugsrohr entstanden, die Hustenbonbonschachtel aus einem bemalten Schrank, der Bleistift aus einem riesigen Holzpfahl. Ronja Wolfram schleppt schon seit einer halben Stunde Requisiten. Für jedes Ausstattungsstück gibt es einen genau festgelegten Platz, hier das Kaugummipapier, da die Fusseln, dort das Wattestäbchen – was eben alles so rumliegt bei der Oma unterm Sofa. „Die Schauspieler müssten selbst blind danach greifen können“, sagt die Requisiteurin. Sie hat eine lange Liste mit all den Dingen, die sie auf der Bühne verstauen muss. Sie braucht sie nicht. Sie hat längst alles im Kopf.

Nach den Requisiten versteckt Ronja Wolfram noch Wasserflaschen und kleine Handtücher im Bühnenbild. Unter den heißen Scheinwerfern und in den dicken Kostümen schwitzen die Schauspieler so stark, dass sie zwischendurch immer mal wieder etwas trinken müssen. Die Zuschauer werden das gar nicht merken.

Die Beleuchter kontrollieren noch mal jedes der unzähligen Lichter und Lämpchen. Sie sind gerade bei Scheinwerfer 203, als Inspizient Timo Schlosser das erste Zeichen gibt: „Noch eine halbe Stunde bis zur Vorstellung. Alle Darsteller bitte zum Soundcheck auf die Bühne“, hallt seine Stimme aus den Lautsprechern in alle Räume hinter der Bühne. Anna-Maria Brankatschk ist noch beim Ankleiden. Sie hat einen dick ausgestopften Watton unter die Cordhose gezogen. Verfressene Mäuse müssen fett sein. Schnell wirft sie sich einen Bademantel über und eilt auf die Bühne. Die Mäusedarsteller singen und tanzen sich ein. Sie singen live, jeder Ton muss später sitzen.

Anne Marie Lehmann ist noch gar nicht fertig mit dem Ankleiden. Die 25-Jährige spielt die Spinne und muss gleich in ihrer ersten großen Rolle am Bautzener Theater auch sportliches Können und Mut beweisen. Sie trägt einen Klettergurt unterm Kostüm. Kurz vor der Vorstellung werden die Bühnentechniker sie in zwei Seile hängen und fünfeinhalb Meter hoch zwischen die Sprungfedern des Sofas ziehen. „Das ist schon eine große Überwindung“, sagt die junge Schauspielerin. „aber ich sage mir: Vertrau der Technik und den Technikern!“

Eine Viertelstunde vor Vorstellungsbeginn schickt der Inspizient das zweite Zeichen über die Lautsprecher. Die Darsteller versammeln sich hinter der Bühne. Die Souffleuse massiert dem verspannten Schauspieler noch mal schnell den Nacken. Die Requisiteurin legt die Kostüme zum Umziehen zurecht. Anna-Maria Brankatschk hat immer noch den Bademantel an und trinkt Kräutertee aus einem großen Becher. Im Saal wird es laut. Die ersten Kindergruppen suchen ihre Plätze. Die Nervosität hinterm Vorhang steigt.

Bloß keine Hektik jetzt. Der Inspizient gibt das dritte Zeichen. An seinem Pult hinter den Kulissen läuft alles zusammen. Er gibt die Kommandos. Tontechnik fertig? Licht fertig? Bühnentechnik fertig? „Los, Anne Marie!“ Die Schauspielerin mit dem Klettergurt unterm Spinnenkostüm hängt jetzt oben. Die Musik beginnt zu spielen, der Vorhang geht auf. Und im Saal wird es mucksmäuschenstill, als die große Spinne kopfüber von der Decke schwebt.

Das ist auch für Jürgen Schattel jedesmal ein ganz bezaubernder Moment. Der Mann von der Freiwilligen Feuerwehr hält auch diesmal wieder Brandwache hinterm Vorhang. Seit der Premiere hat er jede Vorstellung vom Mäusemusical gesehen. Und ist immer wieder begeistert. Von seinem Platz hinter den Kulissen kann er zwar nur einen Teil der Bühne sehen, aber näher als er ist keiner am Geschehen. „Das ist richtig toll, das Stück“, schwärmt er. „Das ist immer wieder aufs Neue schön.“

Ronja Wolfram von der Requisite hat die ganze Vorstellung lang voll zu tun. Sie trägt den Kräutertee-Becher für Anna-Maria Brankatschk von der einen auf die andere Bühnenseite. Sie wirft aufs Stichwort schnell ein Schattenbild, rollt aufs Stichwort schnell einen riesigen Keks auf die Bühne, zieht aufs Stichwort schnell Anna-Maria Brankatschk an den Füßen aus dem Bühnenbild. Schwierig ist es nur, wenn es gerade laut ist im Saal, wenn die Kinder mitfiebern und vor Begeisterung toben – und Ronja Wolfram die Stichworte nicht verstehen kann. Aber so muss es ja sein beim Weihnachtsmärchen in Bautzen. „Und das ist ja auch das Schöne an dem Job“, sagt Anna-Maria Brankatschk. Auch wenn sie jetzt nach der Vorstellung wieder fix und fertig ist und völlig durchgeschwitzt.Auf ein Wort

www.theater-bautzen.de