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Helfer aus der Tiefe säubern Wasser

Umwelt. Wer an die Kohle will, muss sich mit Wasser gut auskennen. Vor allem wie es gereinigt wird. Für Nochten übernimmt das eine Tzschellner Anlage.

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Von J. SchmidtchenundW. Stibenz

Sie ist die modernste Reinigungsanlage für Grubenwasser in Europa. Und sie steht in Tzschelln, ganz in der Nähe des ehemaligen Heidedorfs – das vor 25 Jahren den Baggern weichen musste. Wasser aus dem Tagebau Nochten wird hier inmitten des Kippengeländes gereinigt. Das ist auch nötig, denn beim Kohleabbau wird Wasser mit Eisen, Sulfaten und anderen chemischen Verbindungen angereichert. Ohne eine Reinigung wäre es nicht mehr nutzbar.

Pilotanlage sammelt Eisen ein

Seit einem Jahr gibt es nahe des Spreelaufes die Grubenwasserreinigungsanlage (GWRA) im Probebetrieb. Gestern wurde nun die neue Pilotanlage zur mikrobiologischen Eisenoxidation – bei der kleine Helferlein aus der Tiefe die Eisenpartikel an sich binden – an das Ingenieurbüro Geos aus Freiberg übergeben. Etwa 3 600 Kubikmeter Wasser strömen pro Stunde durch die optimierte und effizientere Anlage. „Was wir hier haben, ist umweltfreundliche Biotechnologie in der Praxis“, sagte Dr. Eberhard Janeck von Geos. Nun könne weiter geforscht werden – zum Beispiel, wie das Eisen oder andere Verbindungen für Farben, Badfliesen oder Dachziegel verwendet werden können. „Das Ziel sind verkaufsfähige Produkte – Vattenfall soll Anwender und Nutzer der Technologie sein“, so Janeck. Doch das Wichtigste: Am Ende verlässt die Anlage gereinigtes Wasser – nicht durchweg in Trinkwasserqualität, aber nicht schlechter als in den Flüssen Spree oder Neiße, wo das GWRA-Wasser in großen Teilen eingeleitet wird.

Geforscht wird seit 86 Jahren

Ingolf Arnold, Leiter Geotechnik bei Vattenfall, erinnerte gestern an die Anfänge der Grubenwasserreinigung. 1920 errichtete die Ilse Bergbau AG im Raum Senftenberg die erste GWRA. Ziel war seitdem je her die Eisenrückhaltung und der neutrale pH-Wert. Das gelang über Jahrzehnte nur teilweise, erst heute sind die Werte beachtlich gut. Davon profitiert die Region: „Für den Tagebau Nochten wurde vor acht Jahren ein neues Reinigungs- und Abwasserkonzept erforderlich“, sagte Ingolf Arnold. Der Baugrund auf der Kippe musste 41 Meter tief verdichtet werden, um die 20 000 Tonnen schwere Anlage aus Stahl und Beton sowie die 10 000 Kubikmeter Wasser tragen zu können. Es sollte mit 16 Millionen Euro die größte wasserwirtschaftliche Einzelinvestition Vattenfalls werden.

Nun läuft die Anlage

Pro Tag werden nun 16 bis 21 Tonnen Eisen aus dem Wasser gewonnen. Der Bau, an dem viele Firmen der Region beteiligt waren, ging zügig vonstatten. Am 3. Februar 2005 kam es durch die Insolvenz des Unternehmens Walther-Bau allerdings zu einer elfmonatigen Unterbrechung im Probebetrieb. Nun läuft die Anlage rund. Und Ingolf Arnold betonte, dass diese GRWA mindestens weitere 25 Jahre in Betrieb sein wird – bevor dann Wasser aus der Spree in das Restloch des Tagebaus Nochten geleitet wird.

Nach der Tzschellner Besichtigung mit 40 Experten aus Sachsen und Brandenburg wurde im Verwaltungssitz des Tagebaus Nochten ein Symposium zu Reinigungsmethoden veranstaltet. „Die mikrobiologische Reinigung ist ein vielversprechendes Verfahren“ sagte dort Arnold. Insbesondere mit Blick auf die Zukunft, wenn 2010 der Tagebau Reichwalde wieder in Betrieb gehe und der neue Block im Kraftwerk Boxberg den Betrieb aufnehme. Dem stimmte auch der Wasserexperte Dr. Wolfgang Rolland auf dem Symposium zu. „Die Grundmechanismen der Reinigung sind uns seit Jahrzehnten bekannt, aber in puncto Effizienz sind wir noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen“, sagte er.

Schon jetzt betreibt Vattenfall 1 900 Filterbrunnen, sechs GWRAs und hat gut 15 Kilometer Dichtwände zum Schutz des Grundwasser im Osten Deutschlands. So werden jährlich fünf Millionen Kubikmeter Trink- und vier Millionen Kubikmeter Brauchwasser gewonnen. Auch Feuchtgebiete werden mit gereinigtem Wasser versorgt.

Die Zukunft heißt „Biotech“

Wie komplex die Materie ist, führte Elke Heinzel aus. Die Bakterienexpertin von der TU Bergakademie Freiberg sagte: „Wir sprechen von Lebensgemeinschaften in Wasserreinigungsanlagen.“ An der TU erforsche man nun, wie Veränderungen von Temperatur oder Zuflüssen sich auf die Helferbakterien auswirken.

Ziel ist es, den Reinigungsaufwand und damit die Kosten zu reduzieren. „Teilweise gelingt uns das schon – aber wir müssen weiter forschen.“ Deshalb ist die neue GRWA Tzschelln nicht nur für Vattenfall und seine Rekultivierungsaufgaben wichtig – sondern auch für die Zukunftsforschung „Biotech“.