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Neue Chance für tapferes kleines Mädchen

Das Kind hatte eine Verletzung, die selbst für erfahrene Mediziner eine Herausforderung war. In Freital konnte Safia geholfen werden.

Safia kam mit schweren Beinverletzungen ins Freitaler Krankenhaus. Die Chefärzte Lars Thomaschewski (li.) und Daniel Stadthaus sowie Schwester Angelika versorgten die Fünfjährige.
Safia kam mit schweren Beinverletzungen ins Freitaler Krankenhaus. Die Chefärzte Lars Thomaschewski (li.) und Daniel Stadthaus sowie Schwester Angelika versorgten die Fünfjährige. © Karl-Ludwig Oberthuer

Safia* schaut wie gebannt auf den Bildschirm. "Arthur und die Freunde der Tafelrunde" heißt die Serie auf Kika. Gerade müssen sich die Trickfilmhelden gegen ein paar dreiste Wildschweine wehren. Die Kinder rennen durch den Wald, klettern auf Bäume und springen durchs Wasser. Alles Dinge, die für die kleine Safia alles andere als normal sind. Sie sitzt derzeit im Rollstuhl. Wenn sie aufsteht, greift sie zu Krücken, um ein paar Schritte zu machen.

Die Fünfjährige ist ein aufgewecktes und schlaues Mädchen aus Afghanistan. In dem halben Jahr, das Safia in Deutschland ist, hat sie sich schon ganz gut die Sprache angeeignet. Auf die Frage, was sie gerne isst, antwortet sie flott: "Fleisch, Nudeln und Nutellabrote." Dann erzählt sie von Ausflügen mit der Weißeritztalbahn, vom Busfahren, von den Enten an der Weißeritz und einer großen gelben Blume, die sie mit Schwester Elisa gekauft hat. 

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Das Zuhause von Safia ist aber momentan keine Wohnung in Freital, sondern die Weißeritztal-Klinik. Hierher wurde Safia im Februar gebracht, mit einem völlig kaputten rechten Bein. Das Mädchen ist ein sogenanntes Friedensdorf-Kind. Die Organisation mit Sitz in Nordrhein-Westfalen holt verletzte und kranke Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland. Hier werden sie medizinisch versorgt, operiert, therapiert. Im Anschluss kehren sie in ihre Familien zurück. Seit zwei Jahrzehnten unterstützt das Krankenhaus Freital die Organisation und übernimmt die Behandlungskosten. Mehr als 15 Friedenskinder waren schon in Freital. Doch Safia war der kniffligste Fall. So berichtet es Lars Thomaschewski, Chefarzt der Unfallchirurgie.

Entzündung vernichtete Knochen

Was genau Safia passierte, bevor sie nach Deutschland kam, weiß er nicht. Fakt ist, dass das Kind eine Beinverletzung am Oberschenkel hatte und bereits in Afghanistan operiert worden war. Allerdings entzündete sich der Bereich. Wochenlang muss Safia gelitten haben, zuletzt konnte sie nicht mehr laufen. Als Chefarzt Thomaschewski und sein Kollege Daniel Stadthaus, Leiter der Kinderklinik, auf die Röntgenbilder schauten, waren sie erschrocken: Die Entzündung hatte den Oberschenkelknochen und das Hüftgelenk zersetzt, es drohte eine Blutvergiftung. 

Thomaschewski machte sich an die Arbeit. Es galt, das Bein des Kindes zu retten. In mehreren Operationen führte er Drähte ins Bein ein, fügte Knochenzement hinzu, verpflanzte Fremdknochen und stabilisierte das Ganze schließlich mit einer Platte. So konnte er den kaputten Knochen durch ein künstliches Gebilde ersetzen, welches nun nach und nach in Safias Oberschenkel wächst. Wenn Thomaschewski erzählt, klingt es ein bisschen wie eine große Puzzlearbeit. Oder wie Modellbau. Der Mediziner nickt dazu. "Da macht man auch Dinge, die in keinem Lehrbuch stehen. Denn solche Verletzungen sind absolut selten, erst recht bei Kindern." Zwischenzeitlich stand deshalb auch eine Amputation zur Debatte. Schließlich siegte die Heilkunst der Freitaler Experten.

Was Thomaschewski nicht retten konnte, war das Hüftgelenk. Es hatte sich derart zersetzt, dass es nicht mehr da ist. Der Oberschenkelknochen endet jetzt blind in der Muskulatur. Thomaschewski: "Laufen kann sie damit trotzdem. Ein künstliches Hüftgelenk kann man erst einsetzen, wenn das Wachstum beendet ist - falls es in dem Fall überhaupt notwendig und sinnvoll ist."

Safia ließ alle Behandlungen ohne viel zu klagen über sich ergehen. Sie sei sehr tapfer gewesen und sehr geduldig, bescheinigt ihr Schwester Angelika Brettschneider. "Sie konnte ja wochenlang nur liegen. Aller acht Stunden mussten wir den Tropf wechseln. Bald war sie so sehr daran gewöhnt, dass sie nachts dabei gar nicht mehr aufgewacht ist."

Aber eine Fünfjährige lässt sich nicht ewig ans Bett fesseln. Im Mai, da waren bereits zahlreiche Operationen erfolgt, wurde Safia immer munterer. Sie machte erste Gehversuche, verlangte nach mehr Beschäftigung und wollte endlich mal wieder richtig raus. Die Schwestern, die auch noch andere kleine Patienten versorgen müssen, wurden ordentlich gefordert und mussten sozusagen auch Ersatzmama und Erzieherin sein. Denn Kontakt zur Familie oder Verwandte in Deutschland hat Safia nicht. Dafür lernte die kleine Afghanin immer besser Deutsch und machte einen richtigen Entwicklungssprung. So berichtet es Angelika Brettschneider. Immer, wenn eine Schwester Zeit hat, geht sie mit Safia spazieren oder auf den Spielplatz. Ab und zu gibt es bei dieser Sommerhitze auch mal ein Eis.   

Umzug ins Friedensdorf

In dieser Woche wird Safia das Weißeritztal-Klinikum verlassen und für zwei bis drei Monate ins Friedensdorf nach Oberhausen ziehen. In dem Kinderhaus wird sie ihre Lauftechnik verbessern und endlich wieder mit anderen Kindern spielen können. Aber im Herbst kommt sie noch mal nach Freital zurück, dann muss Lars Thomaschewski die Platte aus dem Oberschenkel entfernen. 

Macht Safia dann gute Fortschritte, könnte sie im Februar nach Afghanistan zurückkehren. Das hängt vom weiteren Heilungsprozess ab. "Ideal wäre es, wenn Safia bis zum Erwachsenenleben weiterbetreut werden könnte", sagt Kinderklinik-Chefarzt Stadthaus. Eine jährliche Kontrolle bei einem Facharzt sei eigentlich notwendig. Inwieweit das der Familie von Safia möglich ist, wissen die Freitaler Ärzte nicht. 

Man merkt Stadthaus an, dass ihm diese Vorstellung nicht behagt. Safia hat aufgrund der Erkrankung ein stark verkürztes rechtes Bein. Vier Zentimeter beträgt der Unterschied zum linken Bein. Sie muss einen Schuh mit höherer Sohle tragen. Dieser wurde von der Orthopädie und Rehatechnik Freital zur Verfügung gestellt. Doch Kinderfüße wachsen schnell, erfahrungsgemäß durchläuft ein Kind in diesem Alter locker zwei bis drei Größen - pro Jahr.  Inwieweit Safia in ihrer Heimat solche Spezialschuhe bekommt, ist unklar. Immerhin: Thomaschewski ist optimistisch, dass sich der Längenunterschied noch etwas auswächst. Ganz verschwinden wird er wohl nicht. 

Safia macht das im Augenblick keine Sorgen. Sie sagt sogar, dass sie gerne im Rollstuhl -  eine Spende der Firma Meditech -  sitzt und sich von den Schwestern herumschieben lässt. Dabei lacht sie schelmisch. Doch schon bald dürfte ihr das nicht mehr genügen. Denn erfahrungsgemäß siegt der Drang, zu laufen, klettern, springen. So wie bei den Trickfilmhelden.

*Name geändert 

Friedensdorf arbeitet auf Spendenbasis. Wer die Organisation unterstützen möchte, kann auf folgendes Konto einzahlen: 

Stadtsparkasse Oberhausen, IBAN DE59 3655 0000 0000 1024 00

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