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Hepatitis-C-Opfer der DDR sollen entschädigt werden

Hunderte Frauen leiden noch immer unter den Folgen des Arzneimittel-Skandals Ende der 1970er-Jahre. Hier erzählt eine Betroffene.

© Novartis/dpa

Brigitte Zimmermann aus Machern im Landkreis Leipzig hat immer noch mit den Auswirkungen ihrer Hepatitis-C-Infektion zu kämpfen. Schwere rheumatische Schübe, Depressionen, Konzentrationsprobleme und eine oft lähmende Müdigkeit rauben ihr die Kraft. Sie konnte nie berufstätig sein. So wie ihr ging es Tausenden Frauen in der DDR – mehr als 1.500 waren es allein im heutigen Sachsen.

Sie alle waren Opfer eines der größten Arzneimittelskandale der DDR geworden. Ende der 1970er-Jahre bekamen sie nach der Geburt ihres ersten Kindes wegen einer Rhesusfaktor-Unverträglichkeit ein Medikament gespritzt: Anti D. Es wurde aus menschlichem Serum gewonnen und sollte verhindern, dass bei einer weiteren Schwangerschaft das Kind aufgrund dieser Unverträglichkeit abgestoßen wird. Doch das Medikament war mit Hepatitis C verseucht. Entschädigt wurden die Frauen nicht. Viele starben inzwischen an Leberkrebs, weil es damals keine Behandlungsmöglichkeit für die Virusinfektion gab.

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Erst im Jahr 2.000 trat das sogenannte Anti-D-Hilfegesetz in Kraft. Die Frauen bekamen eine Einmalzahlung und eine Rente, deren Höhe sich nach dem Grad ihrer Schädigung richtete. Zwischen 330 und 1.300 Euro pro Monat wurden gezahlt, wie ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums informiert.

„Doch die Beantragung war kompliziert, unzählige Befunde und auch Gutachten mussten vorgelegt werden“, sagt Steffen Zimmermann, der die Interessen seiner Frau wahrnimmt und in der Arbeitsgruppe der Anti-D-Geschädigten mitarbeitet. Die Selbsthilfegruppe vertritt etwa hundert Betroffene aus dem Raum Leipzig. „Viele der Frauen waren damals gar nicht in der Lage, diese Anträge zu stellen, sie waren einfach ausgepowert und durch die Krankheit gehandicapt. Zudem war die Zeitspanne für die Anträge sehr kurz. Manche fielen auch auf Anwälte herein, die sie bloß Geld kosteten“, sagt er. So kam es, dass damals lediglich rund 800 Betroffene eine Rentenzahlung bekamen. Das war nur etwa ein Fünftel der Infizierten – so wie Brigitte Zimmermann.

Unterstützung nach Therapie gestrichen

Doch die Rente fiel dann plötzlich wieder weg. Der Grund: Seit etwa 2010 gab es eine Therapie gegen Hepatitis C. „Die ersten Behandlungsversuche waren sehr nebenwirkungsreich. Die Hepatitis-Viren konnten zwar eliminiert werden, doch die gesundheitlichen Beeinträchtigungen waren enorm“, so Zimmermann. An eine Berufstätigkeit oder gar Vollbeschäftigung sei gar nicht zu denken gewesen. „Doch da die Frauen dann virenfrei waren, galten sie für die Behörden als gesund. Ihnen wurde die Unterstützung gestrichen.“ Selbsthilfegruppen wie seine hätten protestiert, doch ohne Erfolg.

Das soll sich jetzt ändern. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) möchte insbesondere den Betroffenen helfen, die selbst nach einer erfolgreichen Bekämpfung der Hepatitis C-Viren unter Folgeerkrankungen leiden – so wie Brigitte Zimmermann. Ihm zufolge hätten sie außerdem wegen der Erkrankung in der Vergangenheit oftmals gar nicht oder nur in Teilzeit am Arbeitsleben teilnehmen können. „Erneut eine Vollzeitstelle anzunehmen, ist für viele kaum möglich“, sagt er. „Viele sind ohnehin fast im Rentenalter“, erklärt Steffen Zimmermann.

Jens Spahn hat einen Antrag zur Änderung dieses Gesetzes eingebracht. „Derzeit läuft eine Anhörung der Bundesländer und Verbände, Ende Oktober soll eine Entscheidung im Bundestag fallen“, sagt der Ministeriumssprecher. Rückwirkend zum 1. Januar 2018 sollen die früheren Entschädigungsleistungen wieder gezahlt werden. Das Ministerium geht von rund 800 Anspruchsberechtigten aus, vorwiegend im Osten Deutschlands. Die Rückzahlungen für 2018 summierten sich auf etwa 340.000 Euro. Rund 2,5 Millionen seien jeweils für die Jahre 2019 und 2020 zu erwarten. Bund und Länder sollen sich die Kosten teilen.

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Steffen Zimmermann ist zwar noch misstrauisch, ob das Gesetz so in Kraft tritt. „Doch wenn die Krankheitsgeschichte meiner Frau und der vielen anderen endlich ernst genommen wird, ist viel gewonnen.“

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