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Wirtschaft

Herr Günther, sind Sie eigentlich ein Revolutionär?

Sachsens neuer Umweltminister Wolfram Günther über gute Zusammenarbeit mit dem Braunkohle- Unternehmen Leag, über seine Schafe und neue Verbote.

Seine Behörde hat einen längeren Namen als bisher: Wolfram Günther führt das Ministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft. Die beiden ersten Namensteile sind neu.
Seine Behörde hat einen längeren Namen als bisher: Wolfram Günther führt das Ministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft. Die beiden ersten Namensteile sind neu. © Christian Juppe

Herr Günther, sind Sie eigentlich ein Revolutionär?

Wir haben einen klaren Wähler-Auftrag und sehr, sehr hohe Erwartungen, dass sich hier was bewegt. Unsere Richtschnur ist der Koalitionsvertrag, über den wir ein Vierteljahr demokratisch verhandelt haben. Ich würde ihn nicht als revolutionär bezeichnen, aber als ambitioniert und auf nachhaltige Veränderungen ausgerichtet. Das hat nichts mit Umsturz zu tun.

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Ihre Wähler erwarten vermutlich, dass ein grüner Minister rasch eine Energiewende und eine Agrarwende organisiert – haben Sie das vor?

Das ist ein Prozess, den ich mit allen Akteuren gemeinsam gestalten muss. Diese Themen sind urgrüne, bündnisgrüne Anliegen. Im Kern geht es immer darum, Zielkonflikte zu lösen. Denn manches kann einfach nicht so weiter gehen wie bisher.

Zum Beispiel?

Die Energie-Erzeugung mit Braunkohle ist mit Blick auf den Klimaschutz nicht zukunftsfähig. Deshalb wurde der Kohlekompromiss geschlossen, getragen von ganz vielen Akteuren, von der Wirtschaft wie von den Umweltverbänden. Nun soll Sachsen aber ein Industrieland bleiben und ein Energieland. Damit wir Strom nicht importieren müssen, haben wir als Wirtschaftsstandort ein Interesse daran, Strom hier zu erzeugen.

Laut Koalitionsvertrag sollen in fünf Jahren so viele neue Windkraftanlagen stehen, dass damit mehr als zwei Terawattstunden Strom pro Jahr erzeugt werden können. Mit wie vielen neuen Anlagen rechnen Sie?

Wir brauchen dafür etwa 200 bis 250 neue Windenergie-Anlagen. Rund 900 gibt es schon in Sachsen, auch das wird also keine Revolution. In den letzten Jahren gab es kaum Ausbau, also müssen wir jetzt viel Kraft hineinstecken. Das neue Energie- und Klimaprogramm für Sachsen soll in den nächsten Monaten fertig werden.

Windkraftanlagen im Wald sind laut Koalitionsvertrag ausgeschlossen, außerdem soll jeder Mast mindestens 1.000 Meter von der nächsten Siedlung entfernt sein. Wo lassen sich nun noch Hunderte Windmühlen aufstellen?

Der Raum ist durchaus vorhanden, auch außerhalb des Waldes, das ist unproblematisch. Und es gibt die Möglichkeit des Repowering, das heißt, in manchen Fällen werden effizientere Anlagen dort aufgestellt, wo vorher schon ältere standen. Höchstens zwei Prozent der Landesfläche werden für Windkraftanlagen benötigt. Brandenburg ist auch ein normales Land geblieben, obwohl dort der Bruttostromverbrauch weitgehend aus Erneuerbaren gedeckt werden kann. Die regionalen Planungsverbände werden jetzt die Pläne aufstellen, das muss ein Gemeinschaftsprojekt werden.

An vielen Orten gibt es Windkraftgegner, wie wollen Sie die überzeugen? Mit Geld, wie es die SPD vorschlägt?

Wir werden die Planung mit echter Bürgerbeteiligung machen und die Anwohner ernst nehmen. Es geht um Rücksichtnahme und Lebensqualität, das ist der Maßstab für gute Planung. Und wir befürworten eine finanzielle Beteiligung der Kommunen an den Erträgen aus der Windkraft. Die Kommunen wissen am besten, wofür sie Geld brauchen, zum Beispiel für den Kindergarten. Die Erfahrung zeigt, dass sich Menschen, die an einem Windrad in ihrer Nähe beteiligt sind, freuen, wenn es sich dreht. Für den Großteil der Bevölkerung ist Streit um die Windkraft gar kein Thema.

Zur Energiewende gehört der Ausstieg aus der Kohle. Bleibt es beim Jahr 2038?

Der Kompromiss zum Ausstieg gilt. Braunkohle ist ohnehin ein Auslaufmodell. Schon jetzt ist die Strom-Erzeugung aus Erneuerbaren Energien zum Teil billiger als aus Braunkohle. Also kann es dazu kommen, das schon vor 2038 das letzte Braunkohlekraftwerk abgeschaltet wird. Das ist eine betriebswirtschaftliche Frage, über die die privaten Energie-Unternehmen entscheiden. Nur wenn 2038 noch Braunkohlekraftwerke laufen, werden sie politisch abgeschaltet.

Viele Menschen zweifeln daran, dass unsere Stromversorgung nach Atom- und Kohleausstieg noch sicher ist. Was sagen Sie denen?

Der Braunkohleausstieg erfolgt unter der Maßgabe Versorgungssicherheit. Das ist ein bündnisgrünes Anliegen, und das wird auch gelingen. Der Ausstieg aus der Braunkohle läuft doch bereits. Schon heute gibt es einen Energiemix, an manchen Tagen kommen auch in Sachsen schon bilanziell 100 Prozent der Stromversorgung aus Erneuerbaren. Biogasanlagen können zu jeder Zeit Strom liefern, auch Photovoltaik und Pumpspeicherkraftwerke sind Bausteine. Wir haben Stromnetze, die regionale Unterschiede in der Versorgung ausgleichen, und wir werden auch in Speichertechnik investieren.

Bekommen Sie auch Gegner der Energiewende ins Haus, die noch von FDP-Wirtschaftsminister Sven Morlok eingestellt wurden?

Das kann sein, aber mich interessiert nicht, wer wann eingestellt wurde oder ob jemand ein Parteibuch hat. Mitarbeiter im öffentlichen Dienst arbeiten fachlich. Das ist ihr Selbstverständnis.

Der bisher zuständige Minister Martin Dulig (SPD) sagte, das Kohleunternehmen Leag sei ein Partner bei der Energiewende. Sehen Sie das auch so?

Ja, klar ist die Leag ein wichtiges Energieunternehmen. Wir können nichts ohne die betroffenen Akteure gestalten. Das gilt immer, auch bei Umwelt, Klimaschutz und Energie. Auch die Bundesregierung verhandelt gerade mit den Energie-Unternehmen, wie der Ausstieg aus der Kohle stattfindet. Wir werden auch die Leag unterstützen, wenn sie tatsächlich Kurs Richtung Energiewende nimmt. Sie muss sagen, was bei ihr betriebswirtschaftlich geht und was nicht. Alles andere wäre absurd.

Haben Sie eigentlich eine Solaranlage auf dem Dach Ihres Vierseithofes bei Rochlitz?

Nein, noch nicht. Wir sind ja noch dabei, den alten Hof denkmalgerecht zu sanieren.

Sie besitzen auch ein Pferd und Schafe – wie viele eigentlich?

Wir haben Hühner, ein Pferd, einen Hund und Katzen, zeitweise gab es Kaninchen. Schafe haben wir im Moment nicht, es waren mal sieben. Doch die Dürre ist auch bei uns angekommen, das Heu wurde knapp. Wenn die Wiese wieder grün wird, werden wir auch wieder ein Schaf haben.

Sehen Sie sich als Landwirt?

Ich würde mich nicht als Landwirt bezeichnen, die Tiere sind ein Hobby.

Müssen sächsische Bauern jetzt Angst haben, dass ein grüner Minister ihnen neue Verbote bringt?

Es geht nicht um Verbote, sondern um das gemeinsame Gestalten und um einen vernünftigen Ordnungsrahmen. Lange Zeit hat die Gesellschaft erwartet, dass Landwirte viel und billig produzieren, damit nie wieder jemand hungern muss. Doch die Industrialisierung der Landwirtschaft hat auch Nebenwirkungen gebracht, zum Beispiel die Abhängigkeit von der Agrarchemie. Jetzt herrscht große Unsicherheit, alle sind unzufrieden. Bauern haben in Berlin demonstriert, obwohl dort derzeit nicht etwa eine Grüne Bundeslandwirtschaftsministerin ist. Wir müssen den Betrieben helfen, die notwendigen Umstellungsprozesse hinzukriegen. Wir wollen, dass in der Landwirtschaft mehr Geld verdient wird und mehr Arbeitsplätze entstehen. Regionale Wertschöpfungsketten sollen deutlich ausgebaut werden, vom Landwirt über Verarbeiter und Handel bis zum Verbraucher. Jeder ist notwendiges Glied der Kette.

Im Koalitionsvertrag steht, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln soll bis 2030 halbiert werden. Wie?

Der Einsatz von Chemikalien geht zurück, ob wir das nun hineinschreiben oder nicht. 2022 endet die EU-Zulassung von Glyphosat, dem am meisten ausgebrachten Totalherbizid. Auch bestimmte Neonikotinoide, die starke Auswirkungen auf Insekten haben, sind nicht mehr lange zugelassen. Dieser Ausstieg ist machbar, durch einen Mix verschiedener Maßnahmen.

Aber brauchen die Bauern dann nicht andere Pflanzenschutzmittel?

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Sie haben selbst ein Interesse daran, dass es genügend Insekten zur Bestäubung gibt. Chemikalien kosten die Bauern viel Geld. Wir müssen dazu kommen, Pflanzenschutzmittel viel präziser auszubringen. Auch daran arbeiten die Bauern bereits. Es muss viel mehr Flächen geben, auf denen gar keine Pflanzenschutzmittel verwendet werden. Das gelingt im Ökolandbau, der bundesweit und in Sachsen mal 20 Prozent der Fläche einnehmen soll. Aber: Ich komme nicht mit der fertigen Wegbeschreibung, sondern möchte Dinge mit den Akteuren gemeinsam entwickeln. Wir planen ein Kompetenzzentrum für nachhaltige Landwirtschaft und wollen dort das Versuchsgut Köllitsch integrieren. Und ich möchte mit den Akteuren Dinge ausprobieren, die Vorbild für andere sein könnten.

Das Gespräch führte Georg Moeritz

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