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Herr Spahn, wohin soll ich mit meiner Tochter?

Das war ihr ein Telefonat mit dem Bundesgesundheitsminister wert: Manuela Lenuweit pflegt nun schon 17 Jahre ihre Tochter. Seit Corona rund um die Uhr.

Zusammen gegen Corona: Gesundheitsminister Jens Spahn im Gespräch mit pflegenden Angehörigen, hier beim Telefonat mit Manuela Lenuweit aus Meißen. Sie pflegt ihre Tochter Victoria seit 17 Jahren.
Zusammen gegen Corona: Gesundheitsminister Jens Spahn im Gespräch mit pflegenden Angehörigen, hier beim Telefonat mit Manuela Lenuweit aus Meißen. Sie pflegt ihre Tochter Victoria seit 17 Jahren. ©  Foto: Kristin Richter

Landkreis. Sie ist keine, die sich beklagt. Die viele Worte darüber verliert, über Dinge, die sowieso nicht zu ändern sind. Aber wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet, auf die Probleme von Menschen in ihrer Situation aufmerksam zu machen, dann wird sie gern mal deutlich.

Denn Manuela Lenuweit weiß selbst nur allzu gut, wovon sie spricht. Seit 17 Jahren kümmert sich die Meißnerin nun schon um ihre inzwischen fast erwachsene Tochter Victoria. Ein junges Mädchen, dessen Schicksal die Sächsische Zeitung seit 2010 begleitet und seitdem in größeren Abständen beschrieb, was die Familie jeden Tag für sich akzeptieren muss: Aufgrund eines erst 2019 diagnostizierten, sehr seltenen, Gendefekts - weltweit leiden weniger als einhundert Menschen daran - kann ihre Tochter weder stehen, gehen, sprechen, nicht allein trinken und essen und seit einer komplizierten Operation auch nicht mehr sitzen.

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Praktisch bedeutet das Betreuung rund um die Uhr. Und seit der Coronakrise tatsächlich ohne eine einzige Pause. "Bevor die Beschränkungen wirksam geworden sind, konnte Victoria wenigstens noch tagsüber die Förderschule in Meißen besuchen. In dieser Zeit hatte ich neben der Pflege meiner Schwiegermutter mal die Gelegenheit, für ein paar Besorgungen, den Haushalt zu erledigen oder einfach mal kurz durchzuatmen. Seit Mitte März ist das jedoch komplett vorbei", erzählt Manuela Lenuweit.

Denn auch, wenn sachsenweit inzwischen Schulen wieder um ein gewisses Maß an Normalbetrieb bemüht seien, die Lockerungen allseits ein Stück mehr Bewegungsfreiheit ermöglichten - für sie und viele andere Betroffenen sei davon noch nichts zu spüren.

"Wir können Victoria einerseits nicht vermitteln, dass sie beispielsweise einen Mund-Nasenschutz auflassen soll. Der Besuch einer Schule ist deshalb ebenso schwierig, wie mit ihr einkaufen zu gehen. Und andererseits fehlt die Unterstützung durch einen Pflegedienst, der uns wenigstens mal für ein paar Stunden unter die Arme greifen würde", bekennt Manuela Lenuweit.

Ein Dilemma, das die 55-Jährige jetzt öffentlich machte. Und zwar im Beisein jenes Mannes, der sich von Berufs wegen mit derlei komplizierter Materie auskennen sollte. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte im Rahmen eines Livestreams zum Gespräch über das Pflegen von Angehörigen in Zeiten von Corona eingeladen und bekam wenigstens ein paar Minuten lang eine Vorstellung von dem, wo in Meißen gerade gewaltig der Schuh drückt.

Manuela Lenuweit nutzte, so wie vor ein paar Jahren auch schon bei ihrem Auftritt in einer Talkshow des MDR Fernsehens, die kurze Chance und machte - per Telefon zugeschaltet - darauf aufmerksam, dass es momentan unmöglich sei, eine von der Krankenkasse sogar bezahlte Unterstützung zu bekommen. Es gebe einfach keine Anbieter von Tages- und Nachtpflege für Kinder und Jugendliche. "Wohin soll ich mit meiner Tochter? Ich kann sie nicht vor eine Tagespflege stellen, in der Hoffnung, dass sie reingeholt wird", erklärte Manuela Lenuweit.

Denn gleich nun, ob schwer kranker Partner, demente Mutter oder pflegebedürftiges Kind. Die Angehörigen aller Bedürftigten meistern seit dem Frühjahr einen Alltag, der einer Mammutaufgabe gleichkommt. Pflege kenne eben keine Coronaferien.

Man habe deshalb einfach weitergemacht, sei für seine Lieben da gewesen - bis zur Erschöpfung. Und werde es wohl auch künftig tun müssen. Denn zwar signalisierte Jens Spahn vor laufender Kamera, dass er um die Engpässe gerade in ländlichen Regionen wie rund um Meißen wisse. Sofort ändern werde sich die Situation jedoch nicht.     

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