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Herrenhaus versinkt im Dornröschenschlaf

Der Eigentümer kümmert sich seit Jahren nicht um das Schloss Ober-Neundorf. Jetzt wird die Stadt aktiv.

Von Jenny Thümmler

Die Abfallbehälter passen ins Bild. Verschlissene Glascontainer rosten an der Straße, dahinter verfällt ein Herrenhaus auf einem verwilderten Grundstück. Das Schloss, wie es die Ober-Neundorfer nennen. Ein Schmuckstück nennen es Denkmalpfleger. Der Sgraffitoputz aus dem 16. Jahrhundert gilt in seiner Erhaltung als Einmaligkeit in Sachsen. Deswegen steht das Haus auf der Denkmalliste des Landes. Doch jeden Tag bröckelt es weiter.

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Für den wertvollen Sgraffitoputz kam an die Fassade eine schwarze Grund- mit einer weißen Deckschicht. Dann wurden Teile weggekratzt, Bilder oder Schrift entstanden.
Für den wertvollen Sgraffitoputz kam an die Fassade eine schwarze Grund- mit einer weißen Deckschicht. Dann wurden Teile weggekratzt, Bilder oder Schrift entstanden.
Seit Jahren bringen nur Spaziergänger Leben ans Schloss in Ober-Neundorf. Das Notdach bräuchte nach mehreren Jahren selbst eine Notsicherung.Fotos: Nikolai Schmidt
Seit Jahren bringen nur Spaziergänger Leben ans Schloss in Ober-Neundorf. Das Notdach bräuchte nach mehreren Jahren selbst eine Notsicherung.Fotos: Nikolai Schmidt

Kein Wunder, dass das Schloss immer wieder Thema im Dorf ist. Warum sich der Eigentümer nicht kümmert, fragen viele. Seit 2001 gehört das Gebäude Gisbert Dahmen-Wassenberg. Damals trat er mit dem Plan an, in dem Gebäude aus dem 13. Jahrhundert ein Kunstzentrum einzurichten. Geworden ist daraus nie etwas. Für Nachfragen ist er nicht erreichbar. Er wohnt in Kevelaer nahe der niederländischen Grenze, die Nummer im Telefonbuch funktioniert nicht. Genauso wenig die seines Architekturbüros. In sozialen Netzwerken im Internet ist er zwar zu finden, aber nicht aktiv und antwortet nicht auf Anfragen. Auch Ortsvorsteher Wolf Dieter Friesecke hat damit seine Not. Er kämpft seit Jahren gegen den Verfall des Hauses, kommt aber nicht weiter. Immerhin, die Stadtverwaltung scheint einen Weg gefunden zu haben, den Mann zu erreichen. Wie eine Sprecherin mitteilt, laufen bei der Unteren Denkmalbehörde Gespräche. Wegen des laufenden Verfahrens könne sie keine Details nennen. Auch nicht, wie viel städtisches Geld bereits in das Schloss geflossen ist. Die Stadt hatte nämlich schon vor Jahren Notsicherungsmaßnahmen bezahlt, die Eigentümer Dahmen-Wassenberg in kleinen Beträgen zurückerstattete. Ob komplett, ist unklar.

So bleibt auch im Dunkeln, was der Eigentümer mit dem Haus überhaupt vorhat. Früher hatte er mehrfach gesagt, mit seiner Familie einziehen zu wollen. Doch in den vielen Jahren des Leerstands sind die Schäden immer größer geworden. Einbrecher haben gewütet. Zum Beispiel, als sie im Herbst 2011 14 gusseiserne Ofentüren im Wert von 15 000 Euro gestohlen haben. Parkettböden und Kachelöfen unter herrlichen Stuckdecken sollen Schäden haben. An den Außenwänden sind meterlange breite Risse zu sehen. Die alten Dachziegel des Anbaus liegen im Garten. Überall Unkraut und Verfall. Nichts mehr zu sehen von der aktiven Zeit des Schlosses. Der Ober-Neundorfer Thomas Teichert erinnert sich noch gut an seine Kindergartenzeit in dem Gebäude. Später ging er als Jugendlicher in den Jugendklub. Jetzt liegen Fetzen der Dachpappe vom viele Jahre alten Notdach auf dem Boden. „Es ist richtig traurig, wie es dort aussieht.“ Die Plakette an der Haustür, die von einer Förderung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz berichtet, wirkt wie Hohn.

Immerhin gibt es für die gegenüberliegende Straßenseite Hoffnung. Die Gebäude dort gehören Michael Freiherr von Schacky, in dessen Besitz auch das Schloss in Wiesa ist. Er hat die Gebäude auf der nördlichen Seite des Hofewegs vor etwa vier Jahren im desolaten Zustand gekauft und saniert sie jetzt für Mietwohnungen. Ein Teil ist seit Jahren bewohnt, ein weiterer Teil soll im Sommer vermietet werden. Mehrere Dächer sind bereits repariert. Je mehr Mieter gefunden sind, desto mehr Geld kommt herein, das für weitere Sanierungsarbeiten verwendet werden kann. Michael von Schacky rechnet damit, in etwa zehn Jahren mit allem fertig zu sein. „Wir haben eine Vorliebe für alte Gebäude und restaurieren sie einfach gern“, sagt er. „Nur der Denkmalschutz macht es uns oft nicht leicht.“ Seitenweise Vorschriften und unzählige Regelungen ohne jegliche finanzielle Unterstützung würden Bauherren ausbremsen, sodass diese womöglich völlig die Lust verlieren.

Ob dies bei Gisbert Dahmen-Wassenberg der Fall ist, bleibt unklar. Vielleicht ist die Stadtverwaltung jetzt erfolgreich. Auch Michael von Schacky hofft, dass am Schloss bald etwas passiert. „Ich will meinen Mietern ja keine Aussicht auf Ruinen bieten.“