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Herrenmode in Pulsnitz ist bis Ende Mai weg

Die frühere Textilfabrik steht in der Stadt seit über 20 Jahren leer. Jetzt wird ein Park aus dem Gelände.

Von Reiner Hanke

Aus leeren Fensterhöhlen quillt eine graue Staubwolke Richtung Grüne Straße in Pulsnitz.Ein Abrissbagger der Entsorgungsgesellschaft Guttau reißt wieder ein Stück Dach des früheren Produktionsgebäudes der Firma E.W. Müller nieder. Ziegel poltern auf einen Schuttberg. Eine ältere Pulsnitzerin steht vor dem Gebäude. Sie kann sich noch gut daran erinnern, als hier die Nähmaschinen ratterten und deutet hinüber: „Die Näherei, Bügelei und der Zuschnitt waren dort drin.“ Der Trakt dahinter wurde schon komplett niedergerissen. Dort gab es Aufenthaltsräume und weitere Nähsäle. Von einem Nebengebäude stehen nur noch wenige Mauern. An der Wand hängt noch die präzise Anleitung zur Ersten Hilfe.

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In den 1970er-Jahren enteignet

Ein kleineres Haus an der Grünen Straße ist schon ganz verschwunden. Hier wohnte etliche Jahre die Familie Prosch. Jens Prosch war der letzte Besitzer des Textilunternehmens. Aus gesundheitlichen Gründen kann er nicht mit zur alten Fabrik kommen. In den 1970er-Jahren wurde Prosch enteignet und die Fabrik verstaatlicht. Über Nacht wurde alles volkseigen. Jens Prosch kann es bis heute nur schwer fassen. Gegründet wurde die Textilfirma E.W. Müller 1853. Die Proschs übernahmen das Werk 1929 – der gelernte Färber Jens Prosch 1951 von seinem Vater Uwe. Er habe viel in das Unternehmen investiert, erinnert er sich. Ein Beispiel sei die Traglufthalle, die jetzt auch bald Futter für den Abrissbagger wird. Dort sei die Ware verpackt worden. 150 Leute arbeiteten früher in dem Werk.

Hier wurden zu DDR-Zeiten im VEB Herrenmode Dresden nicht nur Anzüge der Marke Präsent20 für den DDR-Markt genäht, sondern auch feiner Zwirn für die Kunden von Neckermann und Quelle in Westdeutschland. Nach der Enteignung war Jens Prosch noch Betriebsleiter bis Mitte der 1980er Jahre. Das Werk sei später geteilt worden. Prosch warf Ende der 1980er- Jahre die Brocken hin. Es sei für ihn nicht mehr zu ertragen gewesen, wie gut florierende Industrieanlagen heruntergewirtschaftet wurden. Jens Prosch: „Nach der Wende ist der Betrieb 1990 schnell geschlossen worden.“ Seitdem verfallen die Gebäude. Das und der Hickhack um die Gebäude nach der Wende nahmen den Pulsnitzer noch mehr mit. Es tue sehr weh, wenn jetzt mit dem Abriss die ganze Geschichte seiner früheren Fabrik wieder aufgewühlt wird.Bis Ende Mai soll der reine Abriss abgeschlossen sein, so Stadtsprecherin Evelin Rietschel. Bis dahin haben die Bauleute noch einiges zu tun. Denn die Gebäude müssen bis tief in die Keller hinunter abgetragen werden, damit hier die Parklandschaft vom benachbarten Gelände der ehemaligen Segeltuchfabrik weitergeführt werden kann. Abgerissen werden jetzt Gebäude aus Treuhandbesitz. Weitere Fabrikhallen in der Nachbarschaft, u.a. die ehemalige Färberei, bleiben stehen. Sie wechselten nach SZ-Informationen mehrfach den Besitzer. Der aktuelle Eigentümer ist Jens Prosch nicht bekannt.

Bäume für Neugeborene

Mit dem Abriss der Fabrikruinen ist die Umgestaltung des Geländes in Pulsnitz noch längst nicht abgeschlossen. Das Gesamtvorhaben mit Begrünung muss laut Stadt bis zum Jahresende über die Bühne sein. Die Kosten liegen bei 770000Euro, davon 560000 Euro an Fördermitteln. In diesem Zuge werde auch das „Rentnergässchen“ instand gesetzt, mit Beleuchtung. In der benachbarten Freizeitoase entsteht außerdem ein Erlebnisspielplatz für die Jugend zum Skaten. Im Winter könnte hier auch die Eisbahn aufgebaut werden, so Evelin Rietschel. An den Parkwegen, die nach und nach entstehen werden, sollen künftig noch viele Bäumchen für die Pulsnitzer Neugeborenen gepflanzt werden.

Derzeit müssen sich die Abrissbagger ihre Wege noch durch Schutt bahnen. Zumindest bei der Ex-Herrenmode. Vom Dach der Näherei sind an dem Tag inzwischen nur noch Fragmente übrig. Trümmer- und Bauholzberge türmen sich auf. Der Werkstresor aus massivem Stahl rostet daneben vor sich hin. Verbogene Stahlträger ragen in den Himmel. Es sind stumme Zeugen eines vergangenen Kapitels der Industriegeschichte. Deren Spuren mit dem Abriss aus dem Stadtbild verschwinden.