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Herrnhut will bunt und barrierefrei sein

Die Stadt ist einer von neun Orten in Deutschland, die alle Arten Barrieren abbauen wollen. Der Plan liegt jetzt auf dem Tisch.

© SZ Thomas Eichler

Von Anja Beutler

Volker Krolzik weiß, dass es Skeptiker gibt in Herrnhut. „Es gibt Leute, die sich fragen, ob Menschen mit Behinderung wirklich an allen Dingen im Alltag teilhaben müssen“, sagt der Vorstand der Herrnhuter Diakonie. Denn genau das ist das Ziel der Diakonie. In den vergangenen Monaten hat sie gemeinsam mit Stadt, Unternehmern, Ämtern, Vereinen und Medizinern die Ideen in einen Plan für ein barrierefreies Herrnhut gegossen. Skeptiker waren am Montagabend aber nicht zur Vorstellung des Konzeptes in den Versammlungssaal Arche gekommen. „Ich sehe das als gutes Zeichen“, sagt Diakon Krolzik. Dennoch merkt man, dass auch er bemüht ist, mögliche Einwände und Ängste gleich im Voraus zu entkräften. Mit Argumenten, die stärker sind. Bis 2018 will Herrnhut ganz praktisch umsetzen, was die UN-Menschenrechtskonvention eigentlich fordert. Dazu müsse man viele Barrieren abbauen – vom Bordstein bis zum Klischee im Kopf – betonte Krolzik. Konkret sechs Bereiche umfasst der Aktionsplan, die jeweils mit Zielen unterlegt sind:

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Wohnen und Wohnumfeld: Hier geht es im eigentlichen Sinne um Barrierefreiheit. So sollen die öffentlichen Einrichtungen wie die Ämter der Stadt oder auch die Herrnhuter Diakonie auch für Rollstuhlfahrer erreichbar sein – was auch Rollatornutzern oder Eltern mit Kinderwagen zugutekommt – beschreibt es Peter Tasche, der als Projektleiter den Aktionsplan vorstellte. Auch für barrierefreie Wohnungen oder Arztpraxen wären hier bauliche Veränderungen nötig und selbst Gaststätten wie der Hutbergkeller seien für Menschen mit körperlichem Handicap nicht erreichbar, schilderte ein Gast der Diskussionsrunde. Dass hier das nötige Geld für Umbauten eine entscheidende Rolle spielt, betonte Bürgermeister Willem Riecke (parteilos). Dennoch wolle man das Problem angehen, zumal es über spezielle Förderprogramme durchaus Möglichkeiten gebe.

Bildung ist in Herrnhut wichtig. Und das Thema Inklusion ist gerade mit Blick auf die Schulen nichts Neues. Allerdings griffen die bisherigen Diskussionen dazu zu kurz, schätzt Krolzik ein. Es gehe immer darum, Kinder mit Behinderung in die Regelschule integrieren. „Warum nicht einmal den anderen Weg gehen und eine Integrationsklasse an der Förderschule eröffnen?“, sagt er. Das sei ebenso ein Ziel wie der Ausbau der Kindergarten- und Schulkooperationen in der Stadt. Bereits jetzt arbeiten Zinzendorfgymnasium und Förderschule eng zusammen. Auch zu Kitas gebe es Kontakte. „Wir wollen gemeinsame Lernräume schaffen“, sagt Tasche. Auch die geplanten Neubauten für Gymasium und Förderschule sind darauf abgestimmt.

Arbeitswelt: Mit der Gründung einer Schülerfirma und einer Integrationsfirma – beide innerhalb der Herrnhuter Diakonie – sollen Menschen mit Behinderung eine Beschäftigung finden, die tatsächlich auch in der Arbeitswelt gebraucht wird und etwas leistet. Was das für eine Schülerfirma sein werde, stehe noch nicht fest, sagte Peter Tasche. Denkbar sei, ein Unternehmen für Autoreinigungen zu gründen. Gefragt sind darüber hinaus direkte Kooperationen der Werkstatt für Behinderte Menschen und regionalen Unternehmen der Region.

Gesundheit: Abgesehen von einem barrierefreien Zugang zu Arztpraxen ist hier auch eine einfachere, verständlichere Sprache das Ziel. „Das hilft jedem, denn Fachwörter beim Arzt sind nicht nur für Menschen mit Behinderung eine Hürde“, sagt Tasche. Nur dann kommt die Botschaft der Mediziner auch wirklich an.

Freizeit und Kirche: Welche Vereine und Freizeitangebote gibt es? Diese Frage soll eine Broschüre beantworten. Sie soll zeigen, wie bunt das Leben in der Stadt ist. Ein zweiter wichtiger Schritt werde es sein, Feste und Veranstaltungen gezielt auch für Menschen mit Behinderung zu öffnen: So soll 2015 der Fußball-Diakonie-Cup gemeinsam mit dem Herrnhuter Sportverein auch mehr für Sportler mit Handicap bieten. Generell, so betonte Peter Tasche, sei es Ziel, die Menschen mit Behinderung mehr einzubeziehen, sie ihren Fähigkeiten gemäß auch mittun zu lassen – gern auch bei der Gottesdienstgestaltung oder aber durchaus auch bei der Pflege der Stadt oder als Helfer beim Rollstuhlschieben. „Viele sind mit Freude dabei“, sagt Tasche.

Bewusstseinsbildung: Das ist die Sache mit dem Kopf, sagt Diakon Krolzik. Auch, wenn in Herrnhut die Menschen durch die Präsenz von Behinderten schon weiter seien als anderswo, gelte es dennoch, Klischees, Vorurteile und Berührungsängste gezielt abzubauen. Aber das werde nicht von heute auf morgen und auch nicht bis 2018 abgeschlossen sein, weiß Krolzik.