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Herrnhuts kleine Göltzschtalbrücke

Der Viadukt über den Petersbach hat mit dem berühmten Bauwerk im Vogtland einige Gemeinsamkeiten.

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Der Viadukt über den Petersbach bei Herrnhut hat etliches mit der weltweit bekannten Göltzschtalbrücke im Vogtland gemeinsam.
Der Viadukt über den Petersbach bei Herrnhut hat etliches mit der weltweit bekannten Göltzschtalbrücke im Vogtland gemeinsam. © Heike Schwalbe

Von Heike Schwalbe & Bernd Dressler

Was hat die Göltzschtalbrücke zwischen Mylau und Netzschkau im Vogtland mit dem Herrnhuter Viadukt über den Petersbach zu tun? Dass beide Schienenstränge einen Talgrund überqueren, dürfte wohl die einzige Gemeinsamkeit sein. Im Größenvergleich stehen sich die größte vierstöckige Ziegelsteinbrücke der Welt und das nicht mal 30 Meter hohe fünfbögige Brückenbauwerk an der derzeit stillgelegten Bahnstrecke Zittau–Löbau ohnehin gegenüber wie Riese und Zwerg.

Und doch: Es gibt mehr Verbindendes, als man denkt. Herausgefunden hat das der 2004 verstorbene Zittauer Eisenbahnhistoriker Herbert Bauer, Reichsbahnoberrat i. R. In seinem Buch „Der Eisenbahnbau zwischen Löbau und Zittau“, erschienen 1998 im Lusatia-Verlag Bautzen, machte er seine Erkenntnisse öffentlich. Demnach entschied ein gewisser Geheimer Baurat Kunz, der mit die bautechnische Entscheidung zur Errichtung der Göltzschtalbrücke traf, auch über den Bau des Petersbachviaduktes. Folglich verwundert es nicht, dass die Grundsteinlegung der Göltzschtalbrücke nur einen Monat nach dem Start des Bauwerks über den Petersbach erfolgte. Damit wäre auch erklärt, warum die Pfeiler beider Brücken mit ihren Öffnungen in Längsrichtung große Ähnlichkeit haben.

Der erste Pfeiler des Herrnhuter Viaduktes wurde am 9. April 1846 gegründet. Die Steine dafür kamen aus einem nahegelegenen Steinbruch am Witwenberg. Die Arbeiter dort lebten gefährlich. So verunglückten am 20. August 1846 zwei von ihnen, „von denen der eine namens Richter von einem herabfallenden Steine so schwer verletzt wurde, daß er noch an demselben Tag verstarb“, wie ein Chronist berichtete. Zu Unfällen ist es auch unter den Maurern gekommen. Arbeiter bekam die Baugesellschaft offenbar nicht genug. Um den Viaduktbau zu forcieren, wurde mit Annoncen in den Lokalzeitungen regelmäßig um sie geworben. Beispielsweise suchte man im März 1847 per Inserat im „Sächsischen Postillon“ Löbau „eine große Anzahl tüchtiger Maurergesellen und Tagarbeiter zum sofortigen Antritt“.

Es dauerte bis 1848, ehe der Herrnhuter Viadukt mit einem Baukostenaufwand von 31.000 Talern fertiggestellt war. Bis zur Einweihung der Göltzschtalbrücke gingen übrigens noch drei weitere Jahre ins Land. Das Brückenbauwerk über den Petersbach – je nach Bodenbeschaffenheit 22 bis 27 Meter hoch – ist eines von vier großen Viadukten, die für die fast 34 Kilometer lange Gleistrasse von Zittau über Oderwitz und Herrnhut nach Löbau unabdingbar waren, ehe die Bahnstrecke in Normalspurbreite (1.435 mm) am 10. Juni 1848 eröffnet wurde. „Geschwister“ des Herrnhuter Viaduktes befinden sich unter anderem in Obercunnersdorf und im Höllengrund Großschweidnitz.

In seiner nunmehr über 170-jährigen Geschichte hat das Herrnhuter Brückenbauwerk viele Höhen und Tiefen erlebt. Hier rollten früher sogar die Züge von Berlin nach Wien. Um im Zweiten Weltkrieg den Vormarsch der Roten Armee aufzuhalten, wurden zahlreiche Brücken gesprengt, die Herrnhuter gehörte am 8. Mai 1945 dazu. Zwei Bögen wurden zerstört. Für die Züge von Zittau war deshalb hier Schluss. Nach erfolgter Reparatur konnten die Züge ab 1946 wieder nach Löbau durchfahren. Der Verkehr auf den Gleisen nahm in der Folgezeit weiter zu, da die Bahnen nach Görlitz auch auf dieser Trasse fuhren, denn auf direktem Weg durch das Neißetal wurden zunächst hohe Gebühren für die Bahn bei der Durchfahrt des polnischen Territoriums fällig. Während zu DDR-Zeiten noch Züge von Berlin bis Zittau unterwegs waren, kam vor rund 20 Jahren das vorläufige Ende. Bekanntlich wurde am 24. Mai 1998 der Personennahverkehr von Zittau nach Löbau eingestellt. Bis Anfang 2003 existierte allerdings von Löbau aus noch ein Güterverkehr zu einzelnen Betrieben.

In letzter Zeit machte der Herrnhuter Viadukt durch Brückenschwingen Furore, organisiert von verschiedenen Vereinen. Hierbei springen gut gesicherte Akteure gleich einem Bungee-Sprung von der Brücke, genießen etwa zwei Sekunden lang den freien Fall nach unten, um dann unter einem Brückenbogen auszupendeln. Eine neue Trendsportart oder nur Nervenkitzel? Für Wanderfreunde ist einer der Rundwege um Herrnhut recht interessant, der auch diesen Viadukt quert. Das Jahr 2008 sollte ebenfalls nicht vergessen werden, denn damals wurden einige Szenen zu dem Film „Mein Kampf“ an und auf dem Viadukt gedreht.

Wie wird es nun weitergehen mit der kleinen Herrnhuter Göltzschtalbrücke? Viele wünschen sich die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs auf dieser Trasse, andere hätten gern einen Radweg, auch ein Draisinenverkehr war im Gespräch. Wie auch immer: Dieses Meisterwerk der Eisenbahnbaukunst sollte würdig bewahrt werden.

Große Ähnlichkeit weist die Gestaltung der Brückenpfeiler wegen der Öffnungen in Längsrichtung auf.
Große Ähnlichkeit weist die Gestaltung der Brückenpfeiler wegen der Öffnungen in Längsrichtung auf. © Heike Schwalbe