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Herrnhuts kleiner Unterschied

Junge Frauen in der Stadt sind wichtig für die Zukunft. Herrnhut hat da gute Karten – wobei keiner sagen kann, warum.

© SZ Thomas Eichler

Von Anja Beutler

Vielleicht sind junge Frauen doch ein bisschen unerklärlich. Zumindest in Herrnhut und dem nun eingemeindeten Ortsteil Berthelsdorf. Und vielleicht auch nur für diese Statistik. Herrnhuts Bürgermeister Willem Riecke war jedenfalls ein bisschen sprachlos, als Anfang des Jahres Statistiken auftauchten, die seiner Stadt – und speziell eben den Berthelsdorfern – bescheinigten, dass es hier keinen Mangel an jungen Frauen zwischen 18 und 30 Jahren gebe. Während im Landkreis Görlitz auf 100 Männer in diesem Alter im Schnitt nur 86 Frauen dieser Geburtsjahrgänge zu finden sind, waren es in Berthelsdorf 102,6 und in Herrnhut immerhin noch 97,11.

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Was dahinter steckt, kann bis heute vor Ort keiner wirklich erklären. Bürgermeister Riecke (Herrnhuter Liste) war ein deutlicher Überhang an jungen Damen bislang noch nie wirklich aufgefallen. Freilich – auch im Rathaus ist er als Mann mit Hauptamtsleiter Andreas Hübel beinahe Hahn im Korb. Aber die meisten Mitarbeiterinnen gehören wohl nicht mehr in die Gruppe der unter 30-Jährigen. Eine Suche:

These 1: Bewohner von Mädchenheim und Katharinenhof verändern Statistik

Der Name ist verräterisch, doch die Spur geht ins Leere: Als Mädchenheim fungiert das Berthelsdorfer Haus Friedenshoffnung des Diakoniewerkes Oberlausitz schon längst nicht mehr. Hans-Peter Nestler, früherer Leiter des Heimes, erinnert sich noch gut an das Jahr 1983, als das Haus seinen Namen etwas mehr den Bewohnern anpasste. 1953 war in dem Gebäude, das zuvor verschiedenen Zwecken diente, ein Mädchenheim der Inneren Mission eingerichtet worden. Die Bewohnerinnen mit geistiger Behinderung sind jedoch in dem Haus geblieben – und alt geworden. „Der Name Mädchenwohnheim traf die Realität längst nicht mehr“, sagt Nestler. Die meisten, die hier noch immer ihr Zuhause haben, sind inzwischen Senioren, fallen für die besagte Statistik also nicht ins Gewicht.

Auch im Katharinenhof, so bestätigte die Diakonie auf Nachfrage, gebe es bei den rund 200 Betreuten keinen großen Frauenüberschuss. Zudem wohnten hier nicht nur junge Menschen. Auch die Wohngruppe der Herrnhuter Diakonie beim Zinzendorfschloss in Berthelsdorf fällt für die Statistik nicht ins Gewicht. Die Bewohner der diakonischen Einrichtungen sind also offenbar nicht der ausschlaggebende Punkt für das außergewöhnliche Abschneiden der Orte insgesamt.

These 2: Jugend mit einer Mission

reißt die Statistik hoch

Jugend ins Stadtbild gebracht haben die Mitstreiter von „Jugend mit einer Mission“. Als überkonfessionelle, christliche Organisation gegründet, unterhalten die Missionare in Herrnhut ein Schulungszentrum. Für einige Monate zieht es viele junge Männer, aber vor allem auch Frauen in die Zinzendorfstadt. Dass sie trotz ihres zum Teil kurzen Aufenthaltes in Herrnhut im Einwohneramt registriert werden, ist auf eine Vereinbarung von vor rund sechs Jahren zurückzuführen. Damals gab es heftige Diskussionen zwischen der Herrnhuter Brüdergemeine und den Neuankömmlingen um die geistigen Rechte am Markennamen Herrnhut. Zum Kompromiss gehörte damals auch, dass sich die jungen Leute zumindest vorübergehend in der Stadt amtlich meldeten. In der Tat – so bestätigen Mitarbeiter von Jugend mit einer Mission – sind stetig rund 50 Männer und 70 Frauen in Herrnhut gemeldet. Das Durchschnittsalter liege bei 25 Jahren, hieß es.

Für die Theorie, dass die Missionarinnen ihre statistische Wirkung tun, sprechen auch andere Zahlen: Obwohl in Herrnhut – inklusive Berthelsdorf – so viele junge Frauen leben, werden nicht spürbar mehr Kinder geboren. Das zeigt der Demografiemonitor Sachsen: Er bestätigt zwar, dass es hier mehr junge Frauen und Männer gibt als in den meisten umliegenden Gemeinden. Aber bei der Geburtenzahl pro 1 000 Einwohner ist auch Herrnhut insgesamt kein positiver Ausreißer: Hier stehen im schönsten Statistikdeutsch 4,3 Neugeborene sogar schlechter da als die 4,9 Babys in Bernstadt, die 5,3 in Oderwitz oder die gar 11,9 Neugeborenen auf 1 000 Einwohner in Rosenbach. Grund könnte sein, dass die jungen Frauen eben nicht in Herrnhut bleiben und hier ihre Familien gründen. Anders als beispielsweise in Oderwitz, wo immer wieder junge Familien nach Bauplätzen und Häusern fragen.

These 3: Viele Arbeitsplätze ziehen

vor allem Frauen an

Möglich ist aber auch, dass ein großes Angebot an frauentypischen Berufen in Herrnhut tatsächlich dazu führt, dass die jungen Damen vor Ort bleiben. So sind beispielsweise von den 309 Mitarbeitern der Herrnhuter Diakonie 246 weiblich, auch wenn nur 45 in dem relevanten Alter für die Statistik sind. Auch bei der ASB-Sozialstation sind die 45 Mitarbeiter zu hundert Prozent Frauen. Auch im Katharinenhof sind mehr junge Frauen beschäftigt als Männer. Und selbst bei Dürninger, der Herrnhuter Sterne GmbH und bei Euroimmun im Kreppel in Rennersdorf sind die Damen zwar nicht mehr alle zwischen 18 und 30 Jahren – aber dennoch stark vertreten. Ob die freilich alle in Berthelsdorf und Herrnhut wohnen, ist nicht überprüfbar. Möglich ist es aber schon.