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Herrscher über den Pirnaer Orient

Nippt gern Tee, ist aber keine englische Lady. Der Arbeitsplatz ist feucht und heiß, liegt aber nicht in den Tropen. Und als letzter Tipp: Er sieht aus wie ein Knochenbrecher, ist aber eher das Gegenteil.

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Von Katja Schreiber

Nippt gern Tee, ist aber keine englische Lady. Der Arbeitsplatz ist feucht und heiß, liegt aber nicht in den Tropen. Und als letzter Tipp: Er sieht aus wie ein Knochenbrecher, ist aber eher das Gegenteil. – Wer ist also dieser Mithat Tuncel, und was hat er für einen Beruf?

Des Rätsels Lösung findet sich am anderen Ende des Sauna-Bereiches im Pirnaer Geibeltbad. Hinter der letzten Tür befindet sich nämlich das kleine Reich, über das er herrscht: Er ist Hamam-Meister im türkisch-orientalischen Bad. Seit zwei Monaten ist er selbstständig, dafür ist er von Berlin nach Pirna gezogen. Nun bietet er hier seine Spezialität an: Eine Ganzkörperseifenmassage, wie er sie schon vor zwölf Jahren in der Türkei gelernt hat. Dabei handelt es sich um eine Prozedur mit Ritual-Charakter, die vom fünfminütigen schwitzen über Peeling, Massage, das Abduschen bis hin zum Abtrocknen reicht.

Glaubt man ihm, dann ist die Massage für alles gut. Denn erst einmal macht sie die Haut mal richtig sauber und befreit von Pickeln und ähnlichem Gemurkse. Aber sogar gegen den Fettbauch soll sie helfen, weil das Blut besser zirkuliert. Klingt logisch. „Hinterher ist Körper so leicht, denkst Du, fliegst Du“, betont er so voller Überzeugung, dass es absolut glaubwürdig ist.

Am liebsten bleibt er gleich in seinem Metier: So gebe es in der Türkei viel weniger Hautkrankheiten. Ungesundes Essen und die Chemikalien in den Duschgels sind seiner Meinung nach Gift für die geliebte Haut. Und Cremes entziehen auch noch die Vitamine. Aber er versteht sich nicht nur auf „Oberflächliches“. Es gelingt ihm auch, Verspannungen zu lösen. So habe ein Pirnaer Ehepaar ihn sogar schon mal aus Dankbarkeit zum Essen eingeladen, weil die Frau nach seiner Behandlung endlich wieder ihren Kopf frei bewegen konnte.

Dem Türken gefällt es in Pirna. Seit 1995 ist er in Deutschland. Zuerst wohnte er drei Jahre in Chemnitz, dann in Berlin. Die Liebe hatte ihn nach Deutschland verschlagen, erzählt er. Nach vier Jahren war es zwar vorbei, aber er blieb.

J etzt war er schon seit zwei Jahren nicht mehr zu Hause bei seiner Familie. Weil er in dem Hamam, in dem er in Berlin gearbeitet hat, keinen Urlaub bekam. Er war dort sehr bekannt und habe einfach zu viele Stammkunden gehabt, sagt er. Bis der Chef vom Geibeltbad, Rico Eglin, anrief und sagte: „Ich brauche einen richtigen Hamam-Meister.“ Normale Massage könne schließlich jeder machen, erläutert Mithat.

Nun ist er sein eigener Herr. Und er ist zufrieden, 43 Stammkunden habe er schon. Er nimmt 12 Euro für eine halbe Stunde. Obwohl der Türke sehr kräftig aussieht, sagt er selbst: „Ohne Technik könnte ich nicht den ganzen Tag durch massieren. „Wenn ich in der Türkei bin, gehe ich mindestens zwei mal in der Woche in ein Hamam“, erzählt er und fügt ganz selbstbewusst hinzu: „Hier würde ich auch gehen, aber ich kenne keinen guten Hamam-Meister.“ Außer sich selbst, versteht sich. In Antalya habe er das in einem Fünf-Sterne-Hotel gelernt. Das war tagsüber, abends arbeitete er in der Küche.

Eine interessante Rolle hat auch seine Großmutter gespielt: „Oma war ein Profi, sie hatte heilige Hände“, erzählt er begeistert. Sie habe Knochenbrüche geheilt und die Akne seines Bruders weg bekommen: Mit „Hausmittelchen“ wie einer Rasierklinge und einer Maske aus Asche, Muttermilch und anderen Zutaten. „Nach ein paar Tagen sah die Haut aus wie ein Baby-Popo“, beteuert er, während er an seinem Tee mit Honig nippt.

In seiner Arbeitskluft sitzt er an einem Tisch im Saunabereich. Sie besteht aus einer Badehose. An persönlichen „Assecoires“ wird sein rechter Arm von einer Kobra verziert, und um seinen Hals baumelt eine Goldkette mit Riesenklunker. Privat kocht er gut und gern. „Aber für mich allein macht es nicht so viel Spaß“, sagt der Single. Außerdem treibt er gern Sport. Dass er wie ein Boxer aussieht, kommt deshalb privat ganz gut hin: Er hat 22 Jahre Kampfsport betrieben.