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Die Last des Kreuzes

Der zurückgetretene evangelische Landesbischof Carsten Rentzing verabschiedet sich mit deutlicher Kritik an seinen kircheninternen Gegnern.

Für sich allein habe er über seinen Rücktritt entschieden. Um Schaden von seiner Kirche abzuwenden, betonte Carsten Rentzing (M).
Für sich allein habe er über seinen Rücktritt entschieden. Um Schaden von seiner Kirche abzuwenden, betonte Carsten Rentzing (M). © Matthias Rietschel

Professor Martin Strohhäcker holt alles heraus, was die 60 Register der Jehmlich-Orgel in der Dresdner Martin-Luther-Kirche hergeben. Der Organist und Prorektor der Hochschule für Kirchenmusik spielt „Litanies“, das Stück dauert nur vier Minuten. Der Franzose Jehan Alain komponierte es 1937, als er sich in einer Lebenskrise befand. Die Musik beginnt sanft, steigert sich dramatisch, wird zum Ende hin fast ekstatisch. „Ein Gebet ist keine Klage, sondern ein Tornado, der alles, was sich ihm in den Weg stellt, hinwegfegt“, hatte der Komponist über sein Stück geschrieben.

War es Zufall, dass Alains Musik das Präludium wurde zur Abschiedsrede jenes Bischofs, dessen Rücktrittsentschluss in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens Folgen hatte, als sei ein Wirbelsturm über sie hinweggefegt?

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Wochenlang hatte Carsten Rentzing sich in der Öffentlichkeit nicht blicken lassen. Er hatte sich nur schriftlich erklärt und öffentliche Diskussionen über seine Vergangenheit, über seine denkwürdigen Texte, die er vor 30 Jahren verfasst hatte, vermieden. Doch nun wollte er sprechen. Nach einem Gottesdienst, mit dem am Freitag die Herbsttagung der 27. Synode eröffnet und mit dem Rentzing zugleich verabschiedet wurde.

Um Punkt 10.15 Uhr war seine Amtszeit vorfristig zu Ende gegangen. Zwölf Jahre hätte sie dauern sollen, doch es wurden nur drei Jahre und 17 Monate.

Rentzing war vor dem Altar niedergekniet, übergab sein Kreuz dem Hannoveraner Bischof Ralf Meister, der derzeit die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands leitet. „Du bist frei von allen Aufgaben und Pflichten“, sagt Meister. Er übergibt eine Urkunde „über die Beendigung des Kirchenbeamtenverhältnisses als Landesbischof zum 31. Oktober 2019.“ Dann legt er Rentzing die Hände auf, segnet ihn. „Gehe hin in Frieden.“ Dann: absolute Stille. Nur das leise Surren und Klicken der Fotografen-Kameras ist zu vernehmen. Eine Mittvierzigerin auf einer der hinteren Bänke ringt mit den Tränen. Insgesamt waren mehrere Hundert Gläubige in die Lutherkirche gekommen, die Platz hat für rund 1.400 Menschen.

Und fast alle bleiben sitzen, um Rentzings Abschiedsrede zu hören. In dunklem Anzug und weißem Hemd tritt der 52-Jährige ans Ambo. Den schwarzen Talar und das weiße Beffechen hat er nach dem Gottesdienst-Auszug in der Sakristei gelassen.

Seine erste Pfarrstelle hatte er 1999 in Annaberg-Buchholz angetreten, doch er geht nun viel weiter zurück in die Vergangenheit. Adagio. Bedächtig, aber mit fester Stimme, erzählt er, wie er als junger Westberliner in 1980er-Jahren den CDU-Wahlkampf von Helmut Kohl und Eberhard Diepgen unterstützte. Doch die Ostpolitik der Bundesregierung habe ihn enttäuscht, „wir gerieten in einen nationalen Überschwang“. In dieser Zeit seien jene Texte entstanden, die das Landeskirchenamt als „elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich“ einstufte, als „aus damaliger und heutiger Sicht unvertretbar“.

In den Texten für die kleine philosophische Publikation „Fragmente“ schrieb Rentzing unter anderem, die demokratische Staatsverfassung lege „auf die Freisetzung großer Persönlichkeiten keinen großen Wert. An die Stelle der einsamen Entscheidungen großer Männer setzt man vielfältige Beratungen und Mehrheitsentscheidungen, die letztlich die Nivellierung der Geister fördert“. Oder: Wer alte Werte anzweifle, dem sollte klar sein, „dass er auf den Widerstand derjenigen stoßen wird, die an ethnisch und religiös Tradiertem festhalten wollen – allen Anfeindungen und Verleumdungen zum Trotz!“ Oder: „Die neuzeitliche Frage nach den Menschenrechten ist unprotestantisch.“

Sachsens vor Kurzem noch oberster Protestant bezieht sich in seiner Rede ausdrücklich auf diese Texte. Rentzing ist im Andante angelangt: „Im Nachhinein hätte ich mir mehr Sorgfalt gewünscht“, sagt er, nun ein wenig schneller sprechend. Nichts von dem, was er damals geschrieben habe, werde er rechtfertigen. Aber er hätte sich gewünscht, dass die Texte nach der Tradition der Landeskirche „historisch-kritisch eingeordnet“ worden wären. Applaus.

Fenske, Fackelmarsch und Fechten

Übergang zum Moderato. Der Altbischof, der erst als Erwachsener zum Glauben gefunden hatte, sagt, schon seine damaligen Gedanken hätten nicht darauf abgezielt, das Etablierte zu zerstören, sondern zu verbessern. „Jeder nationale Geist, der sich selbst überhöht und andere Menschen, Nationen, Völker und Kulturen abwertet und verachtet, widerspricht dem Geist meines Herrn Jesus Christus.“

Vorn sitzen die Prominenten: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ist da, sein Stellvertreter Martin Dulig, Landtagspräsident Matthias Rößler, der katholische Bischof Heinrich Timmerevers, Sparkassen-Chef Joachim Hoof. Auch sie spricht Rentzing an, wenn er sagt: „Ich bitte um Vergebung für alles, was ich an Worten und Taten schuldig geblieben bin.“

Die Affäre um ihn hatte mit einer Änderung im Online-Lexikon Wikipedia begonnen. Am 5. Juni dieses Jahres führte dort ein Autor mit dem Pseudonym „Fluklix123“ im Artikel über Rentzing den Satz ein: „Während seines Studiums in Frankfurt wurde er Mitglied der Alten Prager Landsmannschaft Hercynia.“

Monatelang blieb das unbemerkt. Bis die Sächsische Zeitung während einer Recherche im September darüber stolperte. Sie stellte eine Anfrage beim Landeskirchenamt und wurde prompt zu einem Gespräch eingeladen. Darin bestätigte Rentzing seine lebenslange Mitgliedschaft in der Studentenverbindung. Er habe auch Mensuren geschlagen. Fechten sei sein „Bungee-Sprung in Jugendtagen“ gewesen.

Es sind die letzten Meter von Carsten Rentzing im Amt als Landesbischof. Am Freitag gab er in Dresden seine Amtskette zurück und sprach danach ohne Talar zu den Anwesenden.
Es sind die letzten Meter von Carsten Rentzing im Amt als Landesbischof. Am Freitag gab er in Dresden seine Amtskette zurück und sprach danach ohne Talar zu den Anwesenden. © Matthias Rietschel

Rentzing gab offen zu, am Pfingstkongress der Dachorganisation Coburger Convent und dessen traditionellem Fackelzug teilgenommen zu haben. „Uns einte nicht nur die Freude an Tradition, sondern auch der Einsatz für unsere freiheitliche Grundordnung und die Abwehr aller Extremismen.“ Er bestätigte zudem, im Dezember 2013 in der Bibliothek für Konservatismus in Berlin referiert zu haben. Diese Institution ist ein intellektuelles Zentrum für Erzkonservative bis hin zu Nationalisten. Bibliotheksleiter Wolfgang Fenske studierte mit Rentzing Theologie, schrieb ebenfalls für „Fragmente“ und war seinerzeit auch zur Amtseinführung eingeladen.

Nun schon fast im Presto versucht Rentzing, das zu relativieren. „In meiner Hosentasche befand sich keine Mao-Bibel, ich habe nicht dem afrikanischen Diktator Idi Amin gehuldigt und schon gar nicht einem Menschenschlächter wie Pol Pot, so wie es ein amtierender Ministerpräsident der Bundesrepublik Deutschland in seiner Jugend getan hat. Ich habe auch keinen Polizisten auf der Straße verprügelt wie ein ehemaliger Außenminister der Bundesrepublik.“ Der Altbischof spielt damit auf die militante Vergangenheit von Ex-Außenminister Joschka Fischer an sowie auf Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann, der von 1973 bis 1975 dem kommunistischen Bund Westdeutschland angehört hatte.

Dennoch waren Fenske, Fackelmarsch und Fechten für einige Pfarrer und Kirchenmitarbeiter aus der Region Leipzig, die in sozialen Netzwerken teils sogar Antifa-Logos nutzen, Gründe genug, eine Online-Petition zu starten. Darin forderten sie, Rentzing möge sich deutlich „von allen nationalen, antidemokratischen und menschenfeindlichen Ideologien“ distanzieren.

Quasi über Nacht tauchten dann jene Texte auf, die Rentzing zum Verhängnis wurden. Für sich allein und ohne, dass andere ihn dazu gedrängt hätten, habe er sich daraufhin zum Rücktritt entschieden. „Um Schaden von meiner Kirche abzuwenden.“

Diese Rücktrittserklärung ließ schwelende Konflikte in der sächsischen Landeskirche offen ausbrechen. Strukturreform, Sparkurs, Homosexualität, Abtreibung oder der Umgang mit AfD und Pegida sind Streitthemen, die die Gemeinschaft der evangelischen Christen seit Jahren belasten. Rentzings Amtsvorgänger, die Altbischöfe Jochen Bohl und Volker Kreß, die – wie er – ebenfalls mit nur einer Stimme Mehrheit in ihre Ämter gewählt worden waren, schrieben: „Es schmerzt, dass die Polarisierung der Gesellschaft in der Kirche angekommen ist.

„Gehe hin in Frieden:“ Bischof Ralf Meister verabschiedet Bischof Carsten Rentzing.
„Gehe hin in Frieden:“ Bischof Ralf Meister verabschiedet Bischof Carsten Rentzing. © Matthias Rietschel

Unterstützer Rentzings organisierten ebenfalls eine Petition im Internet – auf einer Plattform, die von erzkonservativen Katholiken in Spanien gegründet worden war. Dort sammelten sie – Mehrfacheintragungen waren problemlos möglich – in nur zwei Wochen fast 20.000 Unterschriften. Für sie war die Debatte um Rentzing eine „Schmutzkampagne“. Er sei „der letzte verbliebene konservative Bischof“ in der EKD und für „einen vernünftigen Umgang und eine sachliche Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus“ eingetreten.

Diese Situation in der Landeskirche, die manche Führungskräfte als „Zerwürfnis“ empfinden, andere gar als „große Katastrophe“, mag Hannovers Landeskirchenbischof Meister im Hinterkopf gehabt haben, als er die 15 Stufen zur Kanzel hinaufsteigt. Die Predigt, die er hält, wäre sonst die von Rentzing gewesen, hätte der sich nicht „maximal in die Ecke gestellt“, wie ein Kirchenmitarbeiter sagt.

Die Gottesdienstbesucher, die nun hinaufschauen, haben nicht nur das steinerne Relief der Kreuztragung Christi im Blick; sie erleben auch einen Mann, der praktische Hinweise für das Miteinander gibt. „Petitionen über Personen sind gnadenloses Gift“, sagt er. Vereinzelter Applaus. Wer die Seligpreisung „Selig sind die, die Frieden stiften“ ernst nehme, der solle genau das bedenken, ehe er seinen nächsten Eintrag bei Facebook mache. Rentzing lässt sich nichts anmerken, hört mit gesenktem Kopf zu, starrt meist auf den Boden. Bis er selbst dran ist.

„Man hat den Angelhaken in meinem Leben gefunden“

In der Mitte seiner Rede geht er ins Presto über. Er beginnt, über den Schmerz zu sprechen, den seine Familie empfunden habe in den zurückliegenden Wochen. Mehr oder minder direkt folgt Kritik auf Kritik an seinen innerkirchlichen Gegnern. Von Anfang an habe „eine kleine Gruppe“ seine Wahl nicht akzeptiert und gegen ihn opponiert, sagt er. „Man war lange auf der Suche nach einem Angelhaken in meinem Leben, und man hat ihn gefunden.“

Der vierfache Vater, dessen Frau Pfarrerin im Kirchspiel Kreischa-Seifersdorf ist, zitiert aus Briefen seiner Töchter. Seine Älteste habe ihm geschrieben, ihre Welt sei in dem Moment zusammengebrochen, als sie im Online-Auftritt der Tagesschau hätte lesen müssen, ihr Vater sei rechtsextrem. Der verantwortliche WDR-Mann Arnd Henze, der im Übrigen auch evangelische Theologie studierte, hatte getitelt: „Evangelische Kirche: Bischof verschwieg rechtsextreme Texte.“ Dennoch bekommt Rentzing viel Applaus, als er erzählt, seine Tochter habe den Umgang mit ihm als „Verleumdung und Rufmord“ empfunden. Seine zweite Tochter zitiert der Altbischof mit den Worten: „Wenn ich unsere sächsische Landeskirche ansehe, dann werde ich traurig.“ Sie danke Gott, „dass er all jenen ihre Sünden vergeben wird, die sich an meinem Vater schuldig gemacht haben“.

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Als Rentzing fertig ist, bleibt er noch kurz am Ambo stehen. Die Menschen erheben sich, klatschen Beifall. Als einziger aus der ersten Reihe tritt Ministerpräsident Michael Kretschmer vor, spricht Rentzing zu und drückt lange dessen Hand. Einen neuen Bischof wird der Spitzenpolitiker erst nach dem nächsten Synodentreffen Ende Februar/Anfang März nächsten Jahres begrüßen können.

Der Altbischof entschwindet derweil durch einen Nebenausgang. Gleich zu Beginn seiner Rede hatte er angekündigt: „Nach dieser Ansprache werde ich mit niemandem von Ihnen sprechen können.“ Und auch die Orgel bleibt stumm.

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