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Feuilleton

Heute werde ich sterben

Catherine Denueve zeigt auch in „Der Flohmarkt von Madame Claire“: Sie bleibt eine Frau für ganz besondere Kino-Erlebnisse.

Claire (Catherine Deneuve) ist überzeugt, dass sie diesen Tag nicht überleben wird.
Claire (Catherine Deneuve) ist überzeugt, dass sie diesen Tag nicht überleben wird. © Neue Visionen

Kennen Sie den Film „Die wunderbare Welt der Madame Amélie“? Nein? Logisch, den gibt’s auch gar nicht. Aber jede Wette: Wäre Amélie verheiratet und käme erst jetzt ins Kino, ihr Film hieße irgendwas mit Madame. Dafür sorgen nämlich die einheimischen Filmverleiher, wenn sie den eintrudelnden Kinokindern aus Frankreich deutsche Titel geben müssen oder wollen. Alles voller Madames und Monsieurs. Scheint super zu funktionieren. Oder würde sonst „Monsieur Claude“ auf „Monsieur Pierre“ auf Monsieur Pick“ auf „Monsieur Chocolat“ folgen? Und sich „Madame Michel“, „Madame Anne“, „Madame Christine“ und „Madame Aurora“ die Kinoklinke in die Hand geben? Kein Wunder also, wenn die Madames aller Madames, Catherine Deneuve, zwei Jahre nach „Madame empfiehlt sich“ uns nun schon wieder als Madame kommt, nämlich in „Der Flohmarkt von Madame Claire“. Der heißt eigentlich „Le dernier vide grenier de claire darling“, wobei man wiederum zugeben muss: „Der letzte leere Dachboden der Claire Darling“ wäre als Titel mehr so lala als oh lala.

Aber abschrecken lassen gilt nicht: Die wählerischen Finger der Deneuve haben ihre Sicherheit nicht verloren. Sie bleibt eine Garantin für richtig gutes Kino. Auch und gerade als Claire Darling. Madame hin oder Madame her.

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Eine Frau räumt ihr Leben auf

Die lebt nach dem schon Jahrzehnte zurückliegenden Tod des Sohnes und dem von ihr betriebenen Weggang des Gatten immer noch allein, aber von den Dorfbewohnern trotz Eigenbrötlertum respektiert in ihrem einst sehr noblen Provinzanwesen, raucht Kette, wirkt aber äußerlich gelassen, c‘est la vie, frau hat sich arrangiert. Mit einer äußerlich ebensolchen Gelassenheit nimmt Claire es hin, dass sie eines Morgens aufwacht in der felsenfesten Überzeugung, diesen Tag nicht zu überleben. Sie reagiert pragmatisch, engagiert ein paar Jugendliche, räumt mit ihnen sämtliche Antiquitäten aus dem Haus, stellt sie in den Garten, veranstaltet dort einen Flohmarkt und verschleudert selbst kostbarste Stücke zum Ramschpreis.

Das ruft eine entsetzte Freundin auf den Plan und schließlich auch Claires Tochter herbei, mit der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Da Claire tatsächlich nicht immer ganz bei sich ist, Namen verwechselt und sich in ihrem Kopf ganz offensichtlich Vergangenheit und Gegenwart ständig mischen, versuchen sie, die resolute Madame von ihrem Vorhaben abzubringen. Natürlich vergebens.

Der Weg aus der Komödie in die Tragödie

Wie Catherine Deneuve, deren Tochter Chiara Mastroianni als Claires Tochter Marie und Regisseurin Julie Bertucelli diese Geschichte erzählen, ist so klug, so einfühlsam und letztlich so umwerfend, dass man mitunter niederknien möchte. Schale um Schale legen Claire und Marie in ihren Erinnerungen, aber jede auf einer eigenen Ebene, die tragische Geschichte der Familie offen, sanft, sachte, sehr eindringlich, um nicht zu sagen: auf sehr feminine Weise. Es ist die Geschichte einer Familie, die alle Chancen auf ein glückliches Miteinander hatte, aber durch das Schicksal und durch sich selbst mehr und mehr auseinandergetrieben wurde. Und sich zwischen Schmerzen und vergeblichen Lieben aus den Augen und den Herzen verlor. Es mag naheliegend sein, ist aber ebenso sinnig und sinnlich, dass Julie Bertucelli die Aktion des Ausräumens gleichsam symbolisch inszeniert als äußeres Bild für den inneren Aufräumprozess ihrer Heldinnen.

Der bleibt nicht immer bis ins Detail nachvollziehbar, manch Handlungsfaden führt zu keinem erkennbaren Ende. Aber selbst das darf man als Erzählkunst verstehen, schließlich laufen auch einige Gedanken und Erinnerungen in Claires allmählich verschwimmendem Bewusstsein ins Irgendwo, ohne Antwort: c‘est la vie.

Die Bilder von Kamerafrau Irina Lutchansky finden die richtigen Farb- und Härtetöne zwischen Realität, Erinnerung, Einbildung und illustrieren den subtilen Weg von der anfänglichen Komödie hinein in die Tragödie, der das Lächeln jedoch nie ganz abhanden kommt. Selbst am Schluss nicht, als Catherine Deneuve in all ihrer Großartigkeit und Würde als Claire am Abend des Tages nach Flohmarkt und Dorffest allein zurück in ihr leeres Haus geht, die zigste Zigarette in den Mund steckt, vergeblich nach Feuer sucht ... und dieser Film ein Finale findet, das noch lange nach dem Verlassen des Kinos im Kopf herumechot.

„Der Flohmarkt von Madame Claire“ startet in Dresden (Kino in der Fabrik, Schauburg, Programmkino Ost) und in Görlitz