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Hier endet die Flucht

Bei einem Tag der offenen Tür in Rothenburg können Bürger Wohnungen für Asylsuchende anschauen. Das reizt viele.

Von Alexander Kempf

Michael Sternhoff ist gekommen, um Fremden zu helfen. „Wer weiß, was die mitgemacht haben“, sagt der Senior aus Rothenburg. In der Friedensstraße sollen bald zwei Familien aus Tschetschenien und Georgien einziehen. Es sind Flüchtlinge. Mehr weiß der 69-Jährige über die neuen Bewohner nicht. Trotzdem will er die Asylbewerber willkommen heißen und hat ihnen vier Bilderrahmen mitgebracht. Ein Dachbodenfund, erklärt Michael Sternhoff. Eines der Bilder zeigt die berühmten Sonnenblumen des niederländischen Malers Vincent van Gogh. Warum dieser Willkommensgruß? „Es gab Zeiten, da war es in Deutschland auch nicht angenehm zu leben“, erklärt der Senior. Vielleicht schenken die Bilder etwas Freude. Die Betten aus dem Bestand der Bundeswehr findet er jedenfalls nicht sehr einladend.

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Mario Zachmann ist gekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Der Rothenburger will wissen, wie viel Taschengeld die Asylbewerber in der Friedensstraße denn nun bekommen. Er hat scheinbar Angst, sie könnten mehr kriegen als deutsche Rentner. Das fände er nicht gerecht. „Die haben doch nie eingezahlt und kriegen gleich so viel wie einer, der abgerutscht ist“, sagt er mit bösem Blick. Außerdem habe er gehört, dass Sachspenden wie Röhrenfernseher für die Asylbewerberwohnungen angeblich nicht gut genug gewesen sind. Da habe er Glocken läuten hören. „Aus meiner Sicht sollten sie froh sein, wenn sie überhaupt einen Fernseher haben“, sagt Mario Zachmann.

Elke Glowna ist gekommen, um zu informieren. Die Ordnungsamtsleiterin des Landkreises Görlitz lächelt auch Mario Zachmann an. Wie viel Geld die Asylbewerber bekommen, regelt derzeit das Sozialgesetzbuch, erklärt sie ihm. Die Höhe hänge von verschiedenen Faktoren ab. Die vagen Vermutungen des Rothenburgers entkräftet sie prompt. Luxus sucht er in der Friedensstraße vergeblich. Je nach Zimmer wechseln Bodenbelag und Wandgestaltung. Auch die Schränke stammen von der Bundeswehr. Und die Fernseher? Elke Glowna nimmt den Kritiker an die Hand und sucht das gemeinsame Gespräch mit dem Ausstatter der Wohnungen. Hat jemand einen Fernseher abgelehnt, weil der nicht gut genug gewesen ist? Nein. Würde Mario Zachmann gerne in der Friedensstraße einziehen und das Quartier gegen sein eigenes Heim tauschen? „Nee“, sagt er und lächelt etwas verlegen. Es steht nicht ein Fernseher in den Wohnungen.

Heike Böhm ist gekommen, um für Toleranz zu werben. Offensichtlich ist das nötig. Kurz vor dem Tag der offenen Tür habe Rothenburgs Bürgermeisterin ein anonymes Schreiben erhalten. Botschaft? Auch deutsche Kinder in Rothenburg bräuchten Spielplätze. So etwas ärgert die Stadtchefin. „Das zeigt, dass sich die Leute in ihrem Heimatort nicht auskennen“, sagt sie. Denn nicht nur die Wohnungen hätten neue Spielgeräte erhalten. Auch die Stadt besitzt einen modernen Spielplatz. Über skeptische Stimmen wie Mario Zachmann kann sich die Bürgermeisterin nur wundern. „Deutschland hat einst Millionen Menschen ins Asyl getrieben“, entgegnet sie ihm. Die Flüchtlinge versteht sie als eine Bereicherung für die Stadt.

Klaus Horn ist gekommen, um Dinge zu erklären. Dabei sind individuelle Unterkünfte wie in Rothenburg eigentlich auch für den Geschäftsführer der Asylbetreuungs- und Beherbergungs GmbH aus Zittau noch Neuland, räumt er ein. Bisher hat das Unternehmen vornehmlich sächsische Asylbewerberheime ausgestattet. Warum das Mobiliar in Rothenburg so spartanisch ausfällt? Das lasse Platz für Individualität, erklärt der Unternehmer. Schließlich sei der Geschmack je nach Kultur unterschiedlich. „In Deutschland sitzen wir gerne an einem Tisch. Dort sitzen sie im Schneidersitz um die Pfanne.“ Mit dort meint Klaus Horn den Mittelmeerraum. Wenn Medien über unhaltbare Zustände in Asylbewerberheimen berichten, werde seine Zunft übrigens auch zu Unrecht kritisiert, beklagt der Unternehmer. Betten etwa würden viele Asylbewerber prompt aussortieren und Matratzen anschließend auf den Boden legen. Deswegen schwört das Unternehmen auch auf die Betten der Bundeswehr. Die seien schön hart und würden überdurchschnittlich gut angenommen, erklärt Klaus Horn. Die klobigen Bundeswehrschränke lobt er als „unkaputtbar“.

Marika Vetter ist gekommen, um sich vorzustellen. Die 32-Jährige aus Melaune hat erst Anfang Juni eine Stelle beim Martinshof angetreten. Sie wird sich in nächster Zeit um die Betreuung der Flüchtlinge in Rothenburg kümmern. Sie spricht von einem Traumjob. Die junge Frau hat erst vor wenigen Jahren das Lausitzer Bündnis gegen Rechts gegründet, nachdem sie in der Nachbarschaft hört, wie „Heil Hitler!“ gerufen wird. „Das ist kein schönes Wohnumfeld“, erzählt Marika Vetter und engagiert sich seitdem gegen Rassismus. Sie ist in ihrem Leben schon viel gereist, unter anderem durch Nordafrika. „Ich freue mich auf die Menschen, die jetzt ankommen“, sagt sie. Seit Mittwoch sind die zuvor leer stehenden Gebäude wieder belegt.

Warum die Flüchtlinge nach Rothenburg kommen, wissen sie allein. Auf dem Weg zu ihren Wohnungen gehen sie im Flur an einem zum Poster umfunktionierten Puzzle vorbei. Es zeigt das Schloss Neuschwanstein, ein beliebtes Symbolbild für Deutschland. Hinter den Wohnungstüren warten auf die zwei Großfamilien aber weder Protz noch Prunk. Auch wenn „exquisit“ an den Herden und Kühlschränken steht. Es ist nur der Name einer Billigmarke. „Wir ziehen jetzt um“, scherzt mancher Besucher am Tag der offenen Tür. Die alten Wohnungen lassen viele, die hier mal gewohnt haben, nostalgisch werden. Wirklich zurück will aber keiner. Die eigene Vergangenheit bietet nun anderen eine Zukunft. Wenn auch nur eine ungewisse.