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Hier macht jeder Ferien, wann er will

Dresdens innovativste Schule geht an den Start. Hier ist einiges anders. 

Außen sieht man der Unischule noch nicht an, wie innovativ das Innen zugeht.
Außen sieht man der Unischule noch nicht an, wie innovativ das Innen zugeht. © René Meinig

Ein Schulversuch in öffentlicher Trägerschaft – das gab es in Deutschland bislang noch nicht. In Dresden soll so ein Versuch nun mit der am Montag neu eröffneten Universitätsschule möglichst gut gelingen. Das Schulhaus in einem großen Plattenbaugebiet im Süden der Stadt – gebaut zu DDR-Zeiten, teilsaniert mit grauer Fassade – lässt äußerlich allerdings noch nicht vermuten, was in den kommenden Jahren im Inneren passieren soll. Hier wollen die Wissenschaftler der TU Dresden die Schule der Zukunft erforschen, sie wollen herausfinden, wie moderner Unterricht nicht nur an sächsischen, sondern auch an anderen deutschen Schulen gestaltet werden kann. Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen zum Gemeinschaftsprojekt von der TU und der Landeshauptstadt.

Welche Schüler lernen an der Universitätsschule?

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Zum Start an diesem Montag waren insgesamt 220 Schüler für den Schulversuch angemeldet. Sie lernen in einer Grund- und in einer Oberschule. Bis 2024 sollen es insgesamt bis zu 800 Jungen und Mädchen sein. In diesem Schuljahr wurden alle Kinder, die sich an der Universitätsschule beworben haben, aufgenommen, sagt Oberschulleiterin Patricia Schwarz. Demnach musste keine Auswahl unter den Kindern getroffen werden. Das allerdings entspricht nicht unbedingt dem Konzept des Schulversuches, denn es sieht eine Schülerschaft vor, die möglichst ein Abbild der sächsischen Gesellschaft darstellt. Das betrifft etwa das Verhältnis von Jungen und Mädchen – derzeit seien es deutlich mehr Jungen, so Patricia Schwarz. Auch die Bildung der Eltern und die Herkunft sollen eine Rolle spielen. „Wir wünschen uns mehr Kinder aus nicht deutschen Familien“, sagt die Oberschulleiterin. Geplant war, dass der Anteil an Migrantenkindern gut 14 Prozent ausmacht. Schwarz hofft, dass sich künftig auch ausländische Eltern trauen, ihre Kinder für den Schulversuch anzumelden. Ein Schulgeld müssen die Familien an der kommunalen Einrichtung nicht bezahlen.

Was unterscheidet die Uni-Schule von anderen Bildungseinrichtungen?

Hier wird nicht in Klassen gelernt, es gibt keine Ferien, sondern Urlaub, den Eltern selbst festlegen. Pädagogisch gehe es darum, jene Fragen zu beantworten, die von den Schülern selbst gestellt werden, erklärt Patricia Schwarz. Warum fliegen Flugzeuge, warum schwimmen Schiffe? „Die Kinderfrage steht bei uns im Fokus. Wir wollen andersherum denken.“ Sie habe als Biologie- und Chemielehrerin bislang die Erfahrung gemacht, dass sie zwar Fachwissen vermittelte, dann aber große Schwierigkeiten hatte, den Schülern zu erklären, wie und wo dieses Wissen schließlich angewendet wird. Das Hauptaugenmerk liegt aber nicht nur auf dem individuellen, sondern auch auf dem digitalen Lernen. Jeder Schüler hat seinen eigenen Laptop, mit dem er arbeitet und auf dem er dokumentiert, wie er das tut. Diese Daten wiederum wollen die Forscher auswerten, um neue Unterrichtsmethoden zu entwickeln. Die Ergebnisse will Anke Langner, Leiterin des Institutes für Erziehungswissenschaften und Projektverantwortliche, später auch in die Lehrerausbildung einfließen lassen.

In dieser Schule gibt es keine festen Klassen und keine Ferien, sondern Urlaub. 
In dieser Schule gibt es keine festen Klassen und keine Ferien, sondern Urlaub.  © René Meinig

Wie lernen Erstklässler an der Uni-Schule Lesen, Schreiben, Rechnen?

Ganz konkret zeigt sich der Unterschied des Schulversuchs zu anderen Schulen bei den Sechs- und Siebenjährigen, die nun zunächst Grundlagen wie Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt bekommen. „Das geschieht nicht im Frontalunterricht, sondern in sogenannten Werkstätten. Es gibt zum Beispiel eine Buchstaben- und eine Malfolgenwerkstatt.“ Dem gehe allerdings voraus, dass die Schüler verstehen, warum sie lesen und schreiben können müssen. „Zuerst wollen wir die Neugier wecken“, sagt Patricia Schwarz.

Was kostet der Schulversuch und wer bezahlt das Gemeinschaftsprojekt?

Das Schulgebäude in der Cämmerswalder Straße 41 – bis 2009 von der 126. Oberschule und seitdem als Ausweichstandort für andere Schulen genutzt – wird der TU von der Stadt zur Verfügung gestellt. Wie viel Geld bislang in die Instandsetzung und Ausstattung der Räume geflossen ist, konnte Reinhard Koettnitz am Montag nicht sagen. Für die Mehrkosten, die durch die digitale Ausstattung wie Laptops und spezielle Software entstehen, konnte die TU Drittmittel in Höhe von 45 000 Euro einwerben, sodass die zusätzlichen Ausgaben nicht zulasten anderer Schulen gehen. Unterstützt wird das Projekt etwa von der Tüv Süd Stiftung und der Vodafone Stiftung.

Warum hat die Gründung der Uni-Schule vier Jahre gedauert?

Ein wesentlicher Grund war die lange Suche nach einem geeigneten Schulhaus. Zunächst hatte sich der Stadtrat dafür ausgesprochen, die Uni-Schule in der Johannstadt am Standort der 101. Oberschule anzusiedeln. Das scheiterte letztlich, weil der Platz für beide Schulen dort nicht ausreicht. Daraufhin hatte das Schulverwaltungsamt das Gebäude in Kleinpestitz vorgeschlagen. Im August vergangenen Jahres wurde die Gründung der Universitätsschule aufgrund zu weniger Anmeldungen auf dieses Schuljahr verschoben.

Der nächste Info-Abend zur Universitätsschule und zum Konzept des Projektes findet am 22. August ab 18 Uhr in der August-Bebel-Straße 20, Raum E 011, statt.

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