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Hier sind alle Kinder gleich

Das Kinderhaus Sonnenschein in Bautzen wurde für sein Betreuungskonzept schon zweimal ausgezeichnet. Aber es will noch mehr.

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© Uwe Soeder

Madeleine Arndt

Bautzen. Durch den wolkenverhangenen Himmel steckt die Sonne ein paar Strahlen. Die Gelegenheit nutzen die Erzieherinnen, um mit ihren Schützlingen vor dem Mittag an die frische Luft zu gehen. Gerade herrscht großes Hallo auf dem Trampolin. Zwei- und dreijährige Steppkes schwingen vergnügt auf und ab. Andere erkunden die Hängebrücke am Kletterturm. Ein Rollstuhl und ein komplizierter Buggy verraten, dass das Kinderhaus Sonnenschein eine außergewöhnliche Kita ist. So außergewöhnlich, dass die Einrichtung an der Daimlerstraße 1 in diesem Jahr gleich zweimal ausgezeichnet wurde.

Denn die Kindertagesstätte der Oberlausitzer Lebens- und Familienhilfe macht sich in vorbildlicher Art und Weise für die Inklusion stark. Kindergarten- und Krippenkinder mit und ohne Behinderung werden hier, so weit es geht, gemeinsam betreut. Es gibt einen gemeinschaftlichen Morgenkreis, Feste und Veranstaltungen werden zusammen begangen. Für dieses Betreuungskonzept wurde der Einrichtung der mitteldeutsche und der sächsische Inklusionspreis verliehen.

„Wir haben in unserem Haus zwei rechtlich voneinander getrennte Kitas“, erklärt Sylvio Funke, Geschäftsführer der Oberlausitzer Lebens- und Familienhilfe. Zum einen ist das die heilpädagogische Kita mit 27 Plätzen für geistig und körperlich behinderte sowie stark verhaltensauffällige Kinder. Zum anderen gibt es die integrative Kita – ein Regelkindergarten, in dem pro Gruppe zwei bis drei behinderte Kinder integriert sind.

Ohne Ängste oder Vorurteile

Insgesamt stehen neben 71 sogenannten Regelplätzen hier 17 Plätze für Jungen und Mädchen mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung zur Verfügung. So lernen die Kinder von Anfang an, unbefangen miteinander umzugehen. Ängste und Vorurteile entstünden gar nicht erst. Die Gleichberechtigung und das Dazugehören zur Gesellschaft sind wichtige Schlagworte der Inklusion.

„In unserem Haus sind alle gleich“, betont Sylvio Funke. „Und trotzdem etwas Besonderes“, fügt Jurij Strbenk, seit einem Jahr Leiter beider Einrichtungen, hinzu. Denn jedes Kind habe besondere Bedürfnisse, egal ob mit oder ohne Handicap. Nach diesem Leitspruch wurde auch die Kita Sonnenschein sehr individuell eingerichtet. Es gibt beispielsweise ein Therapiebad, eine Infrarotkabine zum Wärmetanken, einen Matschraum, ein Entspannungszimmer und nicht zuletzt eine geräumige Sporthalle. Unter der Kuppel des Foyers erhebt sich ein großer Spielturm. Das Kinderhaus ist innen weitaus geräumiger, als es von außen den Anschein erweckt.

1997 wurde das Kinderhaus als erste integrative Kita im Landkreis Bautzen erbaut. „Das ist ein Meilenstein gewesen“, sagt Sylvio Funke. Nach und nach konnte man die Einrichtung erweitern. Der jüngste Anbau, in dem aktuell 22 Krippenkinder betreut werden, wurde Anfang 2015 eröffnet. „Wir haben im ganzen Haus Räumlichkeiten für Einzeltherapien und bieten Ergo-, Physio- und logopädische Therapie an“, erklärt Kitaleiter Strbenk. Eine langjährige enge Mitarbeiterin ist dabei die Ergotherapeutin Carola Mickan. „Ich komme schon seit 22 Jahren hierher“, sagt sie. Die Behandlungen seien effektiver, wenn sie vormittags im Kindergarten stattfinden können. Da seien die Kinder aufmerksamer, erklärt die Ergotherapeutin. „Wer nach 17 Uhr noch zur Therapie muss – da kommt doch nichts mehr dabei raus.“ Auch für die Eltern sei es eine Erleichterung, wenn einige Therapien schon vormittags stattfinden können, ergänzt Strbenk.

Frühstück wird gemeinsam zubereitet

Jeder Gruppenraum im Kinderhaus besitzt eine Küchenzeile. „Dort bereiten die Kinder gemeinsam mit den Erziehern das Frühstück zu“, erklärt Jurij Strbenk. „Wir legen viel Wert auf Selbstständigkeit.“ 21 Erzieherinnen und Erzieher arbeiten im Haus, die meisten von ihnen haben Zusatzqualifikationen als Kinderkrankenschwester, Heilpädagoge oder Ergotherapeut. „Im Endeffekt sind es unsere Mitarbeiter, die sich dafür einsetzen, dass hier Inklusion gelebt wird“, sagt Sylvio Funke. Mit den beiden Auszeichnungen sei vor allem die Arbeit des Kollegiums gewürdigt worden.

Sylvio Funke würde die heilpädagogische und die integrative Einrichtung gern noch mehr miteinander verbinden. „Wir kämpfen darum, unsere Kitas als eine zu klassifizieren“, sagt er. Leider fehle dafür bisher die rechtliche Basis. So arbeitet die Oberlausitzer Lebens- und Familienhilfe seit Längerem an einer Konzeption für ein inklusives Kinderhaus. In dem könnte dann jedes Kind, egal mit welchem Förder-, Pflege- oder zusätzlichem Betreuungsbedarf, eine normale Kita-Gruppe besuchen.