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Hier spukt’s

Wenn das Stadion leer bleibt: Wie Dynamo mit dem erneuten Geisterspiel umgeht und warum diesmal alles anders ist.

© Wolfgang Wittchen

Von Sven Geisler

Wer den Pfennig nicht ehrt

und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Appelle, immer wieder Appelle. An die Vernunft der Chaoten, vor allem aber an die guten, echten, tollen Fans. Sie verhallen, vielleicht nicht ungehört, aber wirkungslos. Diejenigen, die sich in mehr schwarzer als gelber Kluft stark fühlen, mit Leuchtraketen auf Menschen schießen oder – wie am Sonntag in Münster – einen Imbiss plündern und Zäune demolieren, lassen sich offenbar nicht verdrängen, schon gar nicht mit guten Worten.

Die Konsequenzen sind so vorhersehbar wie fatal. Bereits zum zweiten Mal binnen drei Jahren bleiben die Ränge bei einem Dynamo-Heimspiel leer, das Ost-Duell gegen Rot-Weiß Erfurt am Sonnabend wird ein Geisterspiel, das heißt: Außer den Mannschaften mit ihren Funktionsteams dürfen nur Polizei- und Sicherheitskräfte, Rettungsdienste, Stadionmitarbeiter und Medienvertreter dabei sein.

Anders als im März 2012, als die Dresdner gegen Ingolstadt ohne Zuschauer spielten, wird das Stadion auch nicht virtuell ausverkauft sein. Damals waren mehr als 40 000 sogenannte Geistertickets verkauft worden. Aus Protest gegen die als zu hart empfundene Strafe solidarisierten sich auch viele, die sich sonst weniger für Fußball begeistern, mit Dynamo.

Gegen Bewährung verstoßen

Diesmal ist die Stimmung anders, wird das Urteil des Sportgerichtes nicht als willkürlicher Akt des Deutschen Fußball-Bundes angezweifelt. Geschäftsführer Robert Schäfer verweist auf die Vorfälle, die darin eingeflossen sind. Für „schwerste Verstöße“ bei den Spielen in Aue und gegen Bielefeld zum Ende der vorigen Saison war Dynamo im Juli 2014 zu 20 000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Ein Teilausschluss der Zuschauer wurde angedroht und für zehn Monate zur Bewährung ausgesetzt.

Nach vergleichsweise kleineren Vorfällen in Halle und Duisburg, die mit weiteren 8 000 Euro abgegolten wurden, hatten einige Chaoten beim Ost-Duell in Rostock Ende November im Dynamo-Fanblock massiv Pyrotechnik gezündet, Leuchtraketen auf andere Zuschauer abgefeuert, bengalische Feuer geworfen. „Die Bewährung reißt, die Strafe für diese Vergehen kommt obendrauf“, sagt Schäfer. „Das wussten wir und hatten es vor der Saison kommuniziert.“ In dieser Konstellation sei das Geisterspiel ein gerechtes Urteil. „Wir als Verein müssen unsere Verantwortung übernehmen. Weil wir das tun, machen wir keine Trotzaktion nach dem Motto: Wir zeigen es euch! Wir akzeptieren die Strafe. So bitter sie ist.“

Der finanzielle Schaden für den Klub beträgt etwa 200 000 Euro, der erneute Imageverlust soll durch das Akzeptieren wenigstens abgemildert werden. „Natürlich ist das ein Rückschlag, weil es deutschlandweit heißt: Typisch Dynamo!“, meint Schäfer. „Aber wenn unsere Fans diese harte Strafe annehmen, ist das ein gutes Zeichen und als solches zu respektieren.“

Die Chaoten grenzt Schäfer als Kriminelle aus. „Diese Personen haben nicht nur dem Verein und den Fans allgemein, sondern auch konkret den Ultras geschadet.“ Die Choreografie dieser aktiven wie heterogenen Fangruppe zum Spiel in Rostock ging im Rauch der Pyrotechnik unter. Während Dynamo Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt und Regressansprüche angekündigt hat, sofern Täter identifiziert werden, verhängt der Verein keine Maßnahmen gegen die eigenen Fans wie etwa den freiwilligen Verzicht auf Ticketkontingente für Auswärtsspiele. Das will Schäfer als Zeichen an die Szene verstanden wissen. „Das war Mist! Regelt es unter euch!“ Sollte sich Vergleichbares wiederholen, werde der Verein reagieren. „Es sollte keiner glauben, dass wir handlungsunfähig sind“, sagt der Geschäftsführer. Mögliche Konsequenzen habe er schon angekündigt.

Konsequenzen hat das Geisterspiel aber nicht nur für den Klub und die Anhänger, die um ein Fußballerlebnis gebracht werden. Auf etwa 100 000 Euro beziffert Manager Hans-Jörg Otto den Verlust für den Stadionbetreiber. Außer dem Anteil an den
Ticketeinnahmen fehlen die Erlöse aus dem Catering. Die Kosten bleiben dagegen so gut wie gleich hoch. „Organisatorisch ist es ein ganz normales Ligaspiel, am Aufwand ändert sich wenig“, sagt Otto.

Vermarkter Sportfive konnte die meisten Sponsoren mit einem Ausgleichsangebot für Tickets zu anderen Heimspielen milde stimmen. „Die Verärgerung ist zwar groß, zumal es sich um ein interessantes Ost-Duell handelt“, sagt Abteilungsleiter Maik Hägner, „aber 98 Prozent wollen kein Geld zurück.“ Dynamos Partner stehen zum Verein. Doch Hägner betont: „Grundsätzlich hilft so ein Geisterspiel keinem, auch uns nicht bei der Suche nach Sponsoren, speziell auf bundesweiter Ebene.“

Dass der Spuk nach dem Geisterspiel vorbei ist, muss bezweifelt werden. Allen Appellen zum Trotz.

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