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Hightech am Euter

Der Niederseidewitzer Agrarbetrieb hat Millionen in neue Technik investiert. Wie geht das in Zeiten der Milchkrise?

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© Marko Förster

Von Carina Brestrich

Niederseidewitz. Drei rote Felder leuchten auf dem Display auf. Wenige Mausklicks später weiß Jörg Fleischer, Chef der Agrargenossenschaft Niederseidewitz bei Liebstadt, Bescheid: Die Kühe Nummer 366, 249 und 504 geben deutlich weniger Milch als in den vergangenen Tagen. Auf einem Transponder am Knöchel der Tiere sind die Daten der zurückliegenden Wochen gespeichert, blitzschnell liest ein Computer sie aus. Auf diese Weise kann Fleischer schon einen Augenblick später Entwarnung geben: Denn wie auf dem Display auch zu sehen ist, haben die drei schwarz-weiß gefleckten Damen erst kürzlich gekalbt. Da sind solche Schwankungen normal.

Bis aus Argentinien und Russland kommen Agrarexperten derzeit nach Niederseidewitz, um sich dort die neueste Melktechnik anzuschauen. Die Agrargenossenschaft hat vor Kurzem nicht nur einen neuen Stall für 600 ihrer 900 Kühe in Betrieb genommen, sondern sich auch eines der weltweit modernsten Melkkarussells zugelegt. Mehr als vier Millionen Euro hat das Unternehmen in das Gebäude und die Technik investiert – und das trotz Milchkrise.

Erst am Montag waren Regierungsvertreter, Bauern, Molkereien und Handel zu einem Milchgipfel zusammengekommen, um über Lösungen zu beraten. Um 40 bis 50 Prozent sind die Erzeugerpreise in Deutschland inzwischen gesunken. So bekommen die Landwirte von den Molkereien derzeit nur noch rund 20 Cent für einen Liter Milch. „Wir bräuchten aber mindestens 35 Cent, um wirtschaftlich zu arbeiten“ sagt Jörg Fleischer.

Investition war dringend nötig

Der Chef der Agrarproduktion blickt angesichts der anhaltenden Talfahrt der Milchpreise mit gemischten Gefühlen auf die neuen Errungenschaften seines Betriebes. „Aber wir hatten keine andere Wahl“, sagt er. Die Entscheidung zu dem neuen Stall samt Melkzentrum sei schon vor Jahren gefallen. „Damals waren die Milchpreise noch gut“, sagt er. Und die Investition dringend nötig: „Der Stall ist 40 Jahre alt“, erklärt der promovierte Agrarwissenschaftler. Und die Arbeitsbedingungen am alten Melkstand für die zwölf Melkerinnen waren nicht mehr zeitgemäß. Zitzen putzen, Milchprobe nehmen, Melkbecher anlegen, wieder abnehmen und desinfizieren – „die Mitarbeiterinnen mussten dies alles per Hand tun“, erzählt Fleischer.

So wie der Agrargenossenschaft Niederseidewitz geht es vielen Landwirtschaftsbetrieben im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Viele hätten Investitionen nötig: „Aber unter den aktuellen Umständen sehen sich die meisten gezwungen, ihre Pläne zu verschieben“, sagt Henryk Schultz, Vorsitzender des Regionalbauernverbandes. Nur wenige Betriebe dagegen könnten es sich leisten, trotz der derzeit geringen Milch-Einnahmen neue Technik anzuschaffen oder zu bauen. „Meist sind das Betriebe, die viel Ackerland haben und die nicht hauptsächlich von der Milchproduktion leben.“

Die Agrargenossenschaft Niederseidewitz versucht, optimistisch zu bleiben. „Die Investitionen in den Stall und in das neue Melkzentrum sind gedeckt, die derzeit niedrigen Zinsen und die lange Abschreibungszeit kommen uns entgegen“, sagt Jörg Fleischer. Problematischer sei dagegen der laufende Betrieb. „Wir müssen Löhne zahlen, wollen keinem unserer 60 Mitarbeiter kündigen “, sagt Fleischer. Der Chef hofft deshalb auf eine gute Ernte. Denn noch könne die Pflanzenproduktion zumindest teilweise helfen, die Verluste aus der Milchproduktion abzufedern.

Roboter hilft

Auf das neue Melkzentrum verzichten, will der Niederseidewitzer Betrieb trotz allem nicht mehr: In dem neuen Melkkarussell können 40 Kühe zeitgleich und vollautomatisch gemolken werden, ein Roboter nimmt die vielen Handgriffe ab, Sensoren erkennen sofort, wenn etwas mit der Kuh oder der Milch nicht stimmt: „Der Kraftaufwand für unsere Melkerinnen ist deutlich geringer, sie haben jetzt mehr eine kontrollierende Funktion“, sagt Jörg Fleischer. Auch die Kühe profitieren von den Neuerungen. Im neuen Stall haben sie nicht nur mehr Platz. Auch am Melkkarussell müssen die Tiere nicht mehr so lange warten. „Wir können die Mindestanforderungen an die Haltung jetzt sogar übererfüllen“, sagt Fleischer.

Die am Montag vom Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) versprochenen Soforthilfen von mehr als 100 Millionen Euro sieht Jörg Fleischer kritisch: „Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt er. Mehr Hoffnungen hat er in ein Schreiben, das die sächsische CDU und SPD an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) geschickt haben. Darin machen Politik und Bauern ganz konkrete Vorschläge (siehe unten).