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Hightech zieht in Tischlerei ein

Meister Peter Stenzel führt in fünfter Generation ein Unternehmen in Hartmannsdorf. Tradition fordert Veränderung.

Tischlermeister Peter Stenzel aus Hartmannsdorf, zeigt an seinem neuen CNC-Bearbeitungszentrum eine sogenannte Zinkung aus Eiche.
Tischlermeister Peter Stenzel aus Hartmannsdorf, zeigt an seinem neuen CNC-Bearbeitungszentrum eine sogenannte Zinkung aus Eiche. © Frank Baldauf

Während seiner Ausbildung übt jeder Tischler, eine Zinkenverbindung zu fertigen. Durch diese mehrfache Verzahnung keilförmiger Zapfen werden Holzteile sicher ohne Schrauben oder Kleben verbunden. Auch Tischlermeister Peter Stenzel lässt seinen Auszubildenden Philipp Eberth diese Technik von der Pike auf lernen und von Hand fertigen. Doch er selbst setzt im Alltag Hightech ein, damit wird es präziser. 

Seit kurzer Zeit steht in seiner Werkstatt die CNC-Bearbeitungsanlage „morbidelli“. Mit ein paar Klicks kann Stenzel durch die Computersteuerung das entsprechende Design festlegen. In der Anlage lassen sich Fräse, Bohrer und andere Werkzeuge 360 Grad schwenken und nahezu alle Befehle ausführen. Er hat damit bereits Erfahrung. 

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2014 kaufte Stenzel eine gebrauchte Vorgängeranlage. Doch die entsprach nun nicht mehr den Anforderungen, insbesondere die Software war nicht mehr aktuell. So hat er sich entschlossen, noch einmal kräftig zu investieren. Rund 150.000 Euro kostete die neue Anlage samt Software. „Ich konnte dafür eine 30-prozentige Förderung der Sächsischen Aufbaubank nutzen. Die SAB hat ein Programm für kleine Unternehmen im ländlichen Raum aufgelegt“, sagt Stenzel. Das helfe gerade jetzt sehr, obwohl dieses Förderprogramm schon vor Corona da war.

Riesige Maschine passt millimetergenau durch die Tür

Einfach bestellen und liefern lassen, das geht bei so einem Maschinenkomplex jedoch nicht. Die Planung dafür hat etwa ein Jahr gedauert. Für die 4,5 Tonnen schwere Anlage musste zunächst der Boden in der Werkstatt verstärkt werden. Auch das Aufstellen am 22. Januar erwies sich als logistische Herausforderung. Der Kran musste vom Nachbargrundstück seine Arbeit leisten. Die Tür ist nur wenig breiter als der Koloss, da waren Fingerspitzengefühl und Augenmaß gefordert.

Auf seiner Internetseite zeigt Stenzel Fotos von der Aktion. „Das war ein großer Schritt. Mit der neuen Technik sind wir in der Lage, auch 3-D-Bauteile zu erzeugen. Das eröffnet uns bei der Gestaltung von Möbeln und Türen völlig neue Möglichkeiten“, sagt er. Um die Technik besser zu beherrschen, besuchte er gemeinsam mit einem Meister und einem Junggesellen seiner Firma eine Schulung in der Nähe von Stuttgart.

Ohne moderne Softwareprogramme kann sich Stenzel seine Arbeit schon lange nicht mehr vorstellen. Er fotografiert beim Kunden gern die Örtlichkeit, zeichnet dann in die Fotos konkrete Maße ein, bevor er beispielsweise eine Küche konzipiert. Am Laptop lässt sich der Entwurf als CAD-Zeichnung von allen Seiten betrachten, so wird schnell deutlich, ob alles passt. Gespeicherte Objekte können beim Kundengespräch und der Planung zudem eine gute Anregung sein.

Zwar kann Stenzel nicht ganz aufs Papier verzichten, aber dicke Aktenordner gibt es in seinem Büro nicht mehr. Auch seine Mitarbeiter arbeiten hauptsächlich mit Laptops. Diese haben eine besondere Schutzhülle aus Holz – wie kann es anders auch sein?

Individuell gestaltete Küchen sind derzeit in der Tischlerei Stenzel besonders nachgefragt. Die Werkstatt steht voller Teile. „Stenzel ­­– Tischlerei. Raumplanung. Kreativer Umbau“, so wirbt der 39-Jährige für sein Unternehmen. Es befindet sich in einem hellen, 1878 gebauten Wohnhaus am Kirchweg in Hartmannsdorf. Dörfliche Idylle: Der Blick aus der Werkstatt fällt auf Zuchthühner mit imposanten schwarzen Köpfen und braunem Gefieder. Sie gehören dem Nachbarn.

Zum 20. Tag des traditionellen Handwerks im vergangenen Jahr konnten sich Besucher in der historischen Werkstatt von Peter Stenzel selbst ausprobieren.
Zum 20. Tag des traditionellen Handwerks im vergangenen Jahr konnten sich Besucher in der historischen Werkstatt von Peter Stenzel selbst ausprobieren. © Egbert Kamprath

Im Haus gründete Robert Stenzel 1889 das Unternehmen als Stellmacherei für Wagenräder. Der vorherige Besitzer hatte nach einem Unfall aufgeben müssen. Sein Sohn Bruno und Enkel Walther führten die Werkstatt fort. Ihnen reichte der Platz des heutigen Büros aus. Bis in die 1960er-Jahre fertigten sie Wagenräder, dann setzte die LPG verstärkt Metallräder mit Gummireifen ein.

Die Stenzels suchten sich neue Aufgaben. Sie produzierten hauptsächlich Sesselgestelle für den Export, aber auch Rodelschlitten. „Mein Vater Horst Stenzel übernahm 1989 das Geschäft. Als nach der Wende der Markt für viele Handwerker wegbrach, begann er Inneneinrichtungen für private Kunden und für Restaurants zu fertigen“, erzählt Peter Stenzel. Der Vater errichtete auch den Anbau, in dem sich heute die lichtdurchflutete Werkstatt befindet. Insgesamt stehen 450 Quadratmeter Fläche zur Verfügung.

Vielleicht war es folgerichtig, dass Peter zunächst Tischler lernte und 2004 die Meisterprüfung ablegte. Doch das reichte ihm nicht aus. Er studierte von 2005 bis 2007 Form und Raumgestalter an der Fachakademie in Cham. 2009 gründete er seine Tischlerei. Sein Vater, heute 71 Jahre alt, hat sich zurückgezogen und schaut nur noch gelegentlich in die Werkstatt.

Sogar die Späne werden noch verarbeitet

Peter Stenzel beschäftigt einen weiteren Meister, zwei Gesellen und einen Lehrling. Kreativer Umbau und Einbauten sind beim heutigen Wohnen sehr gefragt, jede Nische wird ausgenutzt. Diesbezüglich arbeitet Peter Stenzel gern mit Jan Göhler aus dem benachbarten Burkersdorf zusammen. Auf Kundenwunsch liefert er Unterschränke für die Göhlertreppen.

Gern denkt er auch an den Auftrag, das liebevoll sanierte Schloss Prossen mit modernen, zeitlosen Möbeln im historischen Ambiente auszustatten. So lieferte er für die Appartements zwölf Küchen und diverse weitere Möbel. Sehr schlicht wirken hingegen die Betten mit rollbaren Schubkästen. Sie werden auf Wunsch der Kunden aus einem Brett der Zirbelkiefer gefertigt. Stenzel selbst schwört auf den gesunden Schlaf in diesem Holz.

Im vergangenen Jahr feierte die Tischlerei ihr 130-jähriges Bestehen. Doch Stenzel setzt mehr auf Ökologie als auf Nostalgie. So deckt er bereits seit 2011 den Strombedarf aus erneuerbarer Energie. Auf dem Dach des Hauses ist eine 12.000-Kilowatt-Solaranlage installiert. „Rechnerisch reicht das für unseren Bedarf. Für das Wochenende arbeiten wir derzeit an einer Speicherlösung, um auch den Überschuss selbst zu verbrauchen“, sagt er.

Aus den Spänen, die in der Tischlerei anfallen, werden Pellets gepresst, die die Stenzels zum Heizen nutzen.
Aus den Spänen, die in der Tischlerei anfallen, werden Pellets gepresst, die die Stenzels zum Heizen nutzen. © Frank Baldauf

Und wo gehobelt wird, fallen immer noch Späne, auch wenn die Tischlerei heute mit modernen Maschinen arbeitet. Doch weggeworfen da wird nichts. Die feinen Holzreste werden über ein Vakuumsaugsystem direkt von der Anlage in Behältern gesammelt. Über ein Loch im Fußboden fallen sie in eine Presse. Dort entstehen aus den Spänen Pellets, die die Tischlerei und die Bewohner des Hauses zum Heizen nutzen.

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