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Hilfe, die Amis gehen!

Macht Donald Trump seine Drohung wahr, viele US-Soldaten abzuziehen, verlieren manche Städte nicht nur Einwohner – auch Arbeitsplätze und Identität.

Ein Holzschild vor der Ortseinfahrt nach Grafenwöhr kündigt an, was die Identität der Region ausmacht.
Ein Holzschild vor der Ortseinfahrt nach Grafenwöhr kündigt an, was die Identität der Region ausmacht. © Armin Weigel/dpa

Von Andreas Austilat

In der Elvis-Presley-Straße steht der Umzugswagen. Jemand zieht aus einem der beigefarbenen Fertighäuser aus. Es gibt sie auch im Farbton Minze, ansonsten gleichen die 830 Doppelhaushälften in Newtown, das eigentlich Netzaberg heißt, einander meist bis ins Detail. Die Siedlung wurde von 2006 bis 2008 für 200 Millionen Euro errichtet, die Straßen heißen nach dem King of Rock ’n’ Roll, nach den Präsidenten Dwight D. Eisenhower oder John F. Kennedy. Sie umkreisen einen eingezäunten Komplex mit Kirche, Läden und Grundschule. Es sieht aus wie in den Suburbs einer US-Stadt, ausschließlich Amerikaner leben hier.

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Umzugswagen gehören zum Alltag in Newtown und Umgebung, die US-amerikanischen Militärangehörigen und ihre deutschen Nachbarn in der Oberpfalz sind an Kommen und Gehen gewöhnt. Nach zwei bis drei Jahren ziehen die Soldaten meist weiter, an irgendeinen anderen Standort, für sie ziehen dann neue Bewohner ein. Doch das könnte sich ändern.

Seit US-Präsident Donald Trump und sein Verteidigungsministerium im Juli angekündigt haben, rund 12.000 der noch in Deutschland stationierten 36.000 US-Soldaten abziehen zu wollen, herrscht große Unsicherheit in der Oberpfalz. Rund die Hälfte der zur Disposition gestellten Truppen käme von hier.

Verlust der Wirtschaftskraft und der Identität

Die bayerische Gemeinde Grafenwöhr, vor deren Toren Netzaberg liegt, und ihre Nachbarstadt Vilseck befinden sich am Rand des modernsten und größten Truppenübungsplatzes in Europa, wie die US-Militärzeitung Stars and Stripes schreibt. Die beiden Orte beherbergen nicht nur ihre jeweils rund 6.500 Einwohner. Hinzu kommen noch mindestens 10.000 US-Soldaten, die in den Gemeinden der Region leben. Zusammen mit ihren Familienangehörigen sind das gut 30.000 zusätzliche Einwohner.

Sollte Trump also seine Drohung vom Truppenabzug wahr machen, würde die Region nicht nur viele Einwohner verlieren, sondern auch einen großen Teil ihrer Wirtschaftskraft und ihrer Identität. Es geht um 3.000 Arbeitsplätze, um 700 Millionen Euro, die rund um den Truppenübungsplatz jedes Jahr ausgegeben werden, um zwei Millionen Euro Infrastrukturzuschuss, die der Freistaat Bayern allein für Vilseck springen lässt. Ein Zuschuss, der allerdings abhängig ist von der Kopfzahl der amerikanischen Mitbürger. Schon diese zwei Millionen sind im 25-Millionen-Etat der Kleinstadt keine Kleinigkeit.

In der Elvis-Presley-Straße steigt gerade William aus seinem Auto. Der stämmige Afroamerikaner hat sechs Jahre in der Army gedient, länger lebt und arbeitet er inzwischen hier als Zivilangestellter der Armee. Seine Tochter Scotlyn, die er gerade zu einer Freundin bringt, hat 13 ihrer 14 Lebensjahre in der Oberpfalz verbracht. Sie ist in Vilseck auf eine deutsche Grundschule gegangen und besucht dort jetzt die American High School, Scotlyn spricht fließend Deutsch. Was also heißt es für die Familie, wenn die Amerikaner abziehen?

„Eine Katastrophe“

„Das würde mich vor eine harte Entscheidung stellen“, sagt William, denn eigentlich möchte er bleiben, „das Leben hier ist so relaxed.“ Er meint nicht, dass die Arbeit so leicht wäre, sondern wie gut hier alles funktioniere, wie sicher es sei, wie wenig Stress ihm der Alltag bereite.

Ein Nachbar gibt sich als Offizier der US-Armee zu erkennen. Er lobt, dass in Deutschland noch nicht alles vom Kommerz bestimmt sei. Allein dass sonntags die Geschäfte geschlossen seien, gefalle ihm. Ja, auch er könnte sich an ein Leben in Bayern gewöhnen.

Trotzdem: Würde William vor die Wahl gestellt, er müsste sich wahrscheinlich für seinen Arbeitgeber entscheiden. Wo immer der ihn hinsendet. Seine Tochter Scotlyn freilich hat da ihre eigenen Ansichten. „Ich habe selber Geld“, meldet sich die 14-Jährige vom Rücksitz, sie denkt an eine Rückkehr nach Deutschland, sobald sie volljährig werde.

Die Aussicht auf ein paar Rückkehrer wie Scotlyn können die Gemeinden Grafenwöhr und Vilseck allerdings nicht darüber hinwegtrösten, was ihren Gemeinden droht. Beide Bürgermeister – Edgar Knobloch für Grafenwöhr und Hans-Martin Schertl für Vilseck – saßen vor ihren PC-Bildschirmen und waren live dabei, als der US-Verteidigungsminister den Abzug verkündete.

„Eine Katastrophe“, sagt Schertl. In seinem Dienstzimmer hängt die Partnerschaftsurkunde der 2nd Cavalry an der Wand, der einzigen derzeit in Deutschland stationierten kompletten Kampfbrigade. Und die der US-Verteidigungsminister ausdrücklich nannte, als er die Abzugspläne bekannt gab.

Auf 230 Quadratkilometer Fläche dehnt sich der Truppenübungsplatz bei Grafenwöhr aus.
Auf 230 Quadratkilometer Fläche dehnt sich der Truppenübungsplatz bei Grafenwöhr aus. © Armin Weigel/dpa

Schertls Grafenwöhrer Amtskollege widerspricht nicht. Edgar Knobloch, der selbst einmal Soldat und mit der Luftwaffe der Bundeswehr in El Paso in Texas stationiert war, weiß, dass eine Stadt wie seine normalerweise kein Dutzend Autohändler hat. Dass es vielleicht einen Gasthof gibt oder zwei, aber keine 30 gastronomischen Betriebe, keine Tex-Mex-Küche, keinen Koreaner, vor dem die Leute am Abend Schlange stehen, und auch keinen Kubaner mit karibischen Spezialitäten. Seine deutschen Mitbürger würden allenfalls einmal in der Woche essen gehen. „Die Amerikaner machen das in der gleichen Zeit vier- oder fünfmal.“

Es gibt vier Tattoo-Studios in Grafenwöhr, mehrere Nagelstudios, die für American Nails werben. Schräg gegenüber preist ein Attorney seinen juristischen Rat, das chinesische Restaurant hat selbstverständlich einen Delivery Service, die Autowerkstätten verkaufen Car Parts und versprechen Full Service, am Eingang zu einer Seitenstraße mahnt ein Verkehrsschild: Drive Slowly.

Nur in „Ed’s Bar“ rührt sich nichts, jetzt am Vormittag. Abends geht es hier offenbar hoch her. Fünf Dollar kostet es, ein Bierglas zu zerschmeißen, steht auf einem Schild am Eingang. Sich zu übergeben, so heißt es gleichfalls auf Englisch, schlägt mit 50 Dollar zu Buche.

Eine sehr alte Beziehung

Die Läden säumen die Alte Amberger Straße, eine der beiden Shoppingmeilen von Grafenwöhr. Doch diese hier endet abrupt vor „Gate 1“. Schilder mahnen, hier keine Fotos zu machen, ein Wachtposten in Warnweste kontrolliert die Ausweise. Für nicht autorisiertes Personal ist hier Schluss, wird die Straße zur Sackgasse. Denn hinter dem Zaun beginnt der Stützpunkt mit seinen Kasernen, Werkstätten, sogar eine Starbucks-Filiale gibt es drinnen und einen amerikanischen Supermarkt. Aber der ist teurer als die Läden draußen. Weshalb viele Amerikaner lieber bei Aldi oder Edeka einkaufen.

Grafenwöhr und das Militär, das ist eine sehr alte Beziehung. Vor mehr als 100 Jahren trainierte hier schon die königlich-bayerische Armee. Für Hitlers Wehrmacht wurde der Truppenübungsplatz dann auf die 230 Quadratkilometer Fläche ausgebaut, die er heute hat. 58 Dörfer mussten dafür weichen.

Dann kamen die Amerikaner und mit ihnen so etwas wie Internationalität nach Grafenwöhr, erzählt Birgit Plössner, die Leiterin des örtlichen Museums. Denn so, wie die Amerikaner auf dem deutsch-amerikanischen Volksfest mit großer Begeisterung ihre Lederhosen ausführten, so verdienten die Grafenwöhrer nicht nur an ihnen, sie lernten auch den American way of life kennen.

Der einzige gesicherte Elvis-Auftritt in Deutschland

Der schickte bereits 1958 einen seiner bedeutendsten Vertreter. Elvis Presley leistete damals anderthalb Jahre seines Militärdienstes in Deutschland ab, in Grafenwöhr zog er ins Manöver. Und weil der King damals zwar erst 23 Jahre alt war, aber trotzdem bereits eine Berühmtheit, brachte man ihn mit Zustimmung seiner Vorgesetzten privat unter. Was so ungewöhnlich nicht ist. Auch heute wohnen sehr viele amerikanische Militärangehörige privat außerhalb der Kaserne.

Warum aber Elvis Presley ausgerechnet im Wintergarten eines Gebäudes einzog, das als „Micky-Bar“ einen eher zweifelhaften Ruf als Striplokal hatte, ist schwer nachvollziehbar. Nun, ihm gefiel es, er aß mit großer Begeisterung täglich ein Schnitzel, wie Augenzeugen berichten, und bedankte sich auf seine Weise: Für die Belegschaft und deren Angehörige, immerhin rund 40 Personen, gab er ein Konzert. Einzige Bedingung: Keine Film- und Fotoaufnahmen, das wäre ein Verstoß gegen seinen Plattenvertrag.

Der Auftritt ist verbürgt, auch, dass er „Hound Dog“ und „Heartbreak Hotel“ spielte, zwei seiner frühesten Hits. Damit sei das hier der einzige gesicherte Auftritt in Deutschland gewesen, sagt Birgit Plössner, ja sogar in Europa. Jedenfalls ist die lebensgroße Presley-Puppe in zeitgemäßer Uniform, stilsicher platziert in Original-Micky-Mobiliar und am Original-Kreutzbach-Flügel, an dem er damals spielte, heute das meistfotografierte Ausstellungsstück des Museums. Die echte Bar gibt es längst nicht mehr. Dort hat heute eine Mormonenkirche ihr Domizil. Es hat sich eben viel verändert seit 1958.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Und jede dieser Veränderungen spüren sie in Grafenwöhr. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zum Beispiel wurden die Sicherheitsregeln verschärft. Alltägliche Besuche deutscher Nachbarn sind seitdem für die meisten dort unmöglich. Und als vor ungefähr zwei Jahren die amerikanischen Soldaten angewiesen wurden, den Stützpunkt nicht mehr in Uniform zu verlassen, wenn sie privat unterwegs seien – auch das aus Sicherheitsgründen –, spürte man das in der örtlichen Gastronomie sofort. Bis dahin seien viele Soldaten nämlich auch mittags zum Essen gekommen. Jetzt, wenn sie sich extra umziehen müssen, reiche die Zeit nicht mehr, erzählt ein Wirt.

Grafenwöhrs Bürgermeister Knobloch mag sich denn auch nicht vorstellen, dass es wirklich zum Abzug kommt. Der Bau der Wohnsiedlung Netzaberg, die Modernisierung des Truppenübungsplatzes, das Krankenhaus, die Zahnklinik und die neue Elementary School, die in den letzten Jahren errichtet wurden oder gerade errichtet werden – all das habe Unsummen verschlungen, all das wäre kaum mehr zu nutzen. „So etwas widerspricht doch jeder Vernunft“, sagt Knobloch.

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Natürlich wäre denkbar, dass der Truppenübungsplatz weiter von Nato-Armeen genutzt würde, die auch jetzt schon zum Üben kämen. Doch dann hätten sie hier nur noch die Probleme, die ein Schießplatz mit sich bringt, den Lärm und die Verkehrsbelastung etwa. Der Mehrwert jedoch, den gerade die Anwesenheit der Soldatenfamilien bislang garantierte, der entfiele. Knobloch macht eine Pause, bevor er fortfährt: „Die Akzeptanz für solch ein Übungsgelände würde wohl rasch gegen null gehen.“

Und so hoffen er und sein Vilsecker Amtskollege, dass es anders kommt. Weil der Abzug so teuer ist, weil der amerikanische Kongress das nicht genehmigen würde, weil Donald Trump vielleicht die Wahl verliert.

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