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Hilfe, ein Monster ist im Schrank!

Viele Ängste sind rational nicht zu erklären – und können oft nur mit ungewöhnlichen Mitteln bekämpft werden.

Licht vertreibt Monster. Das weiß jedes Kind.
Licht vertreibt Monster. Das weiß jedes Kind. © Design Pics/dpa-tmn

Von Eva Boller

War da nicht gerade ein Pochen im Schrank? Hat jemand unterm Bett gefaucht? Gerade noch war alles gut, und plötzlich will das Kind nicht mehr schlafen. Es hat Angst vor Monstern. Soll man nun erklären, dass es die gar nicht gibt? Oder schon mal das „Anti-Monster-Spray“ rausholen?

Der erste Impuls bei irrationalen Ängsten ist, seinem Kind erklären zu wollen, dass es keinen Grund für die Angst gibt. „Sicherlich ist das der kürzeste und schnellste Weg, sich als Erwachsener dem Thema zu nähern“, sagt Ingo Spitczok von Brisinski vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Aber es kann sein, dass sich das Kind dann nicht ernst genommen fühlt. „Ängste vor Monstern sind eben irrational, und irrationale Ängste kann man nicht immer mit rationalen Argumenten überwinden.“

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Daher solle man sich lieber auf die magische Gedankenwelt des Kindes einlassen und das Kind daran beteiligen, das Monster zu bekämpfen. Das bedeutet, Eltern und Kind überlegen gemeinsam, wie sie es am besten besiegen, vertreiben oder in ein gutes Monster umwandeln können. Wird die Furcht dabei in einen spielerischen Kontext gebracht, lässt sie sich besser kontrollieren. Das kann mit einem Schwert gelingen, dass man aus Pappe baut. Oder, wenn man dem Monster einen Namen gibt. Bei Angst vor der Dunkelheit könne ein simples Nachtlicht oft schon helfen, so Spitczok von Brisinski.

„Was das Kind als Ursache der Angst benennt, mag für andere nicht nachvollziehbar sein. Aber die Angst des Kindes ist reell“, sagt Prof. Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik. Das Wichtigste sei, dass man die Angst ernst nimmt und Kinder mit ihr nicht allein lässt. Körperliche Zuwendung und Nähe der Eltern sei das sicherste Mittel, damit Kinder Ängste abbauen könnten. Ganz schwierig sei es für sie, wenn sie für ihre Angst ausgelacht würden. Daher solle man lieber das Kind auf den Schoß nehmen und nachfragen, ob es mehr über dieses Monster erzählen kann: „Wie sieht es aus, und was genau macht dir da Angst?“

Das Beeindruckendste, was Prof. Fabienne Becker-Stoll in diesem Zusammenhang der unbegründeten Kinderangst erlebt hat, war ein Vater, der gemeinsam mit seinem Sohn die Angst vor einem alten schwarzen Schrank im Kinderzimmer bekämpfte. „Der Junge war vielleicht acht Jahre alt. Der Vater hat mit ihm den Schrank komplett ausgeräumt, ihn auseinandergeschraubt, zerlegt und dann gemeinsam mit seinem Sohn wieder aufgebaut. Danach war es vorbei mit der Angst vor dem Monster im Schrank.“

Verschiedene Phasen der Angst

Prof. Hanna Christiansen, Leiterin der Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg, erklärt, dass die Angst vor Monstern in einem bestimmten Entwicklungsalter für Kinder ganz normal sei. Es könne helfen, wenn sie die Dinge aufmalen, die ihnen Angst einjagen. Abends könne man dann Monsterfallen aufbauen und etwa einen Stapel schwerer Bücher auf die Zeichnungen legen und die Monster somit einsperren: „Dadurch konfrontieren sich die Kinder selbst mit ihren Ängsten, indem sie diese malen, sich damit auseinandersetzen, ihnen ein Gesicht geben und sie dann aktiv einsperren.“ In der Regel seien diese Ängste vor Monstern ja nur kurze Phasen im Entwicklungsverlauf, die dann auch wieder vorbeigingen. Bedenklich werde es erst, wenn sich die Ängste hielten und ausweiteten.

Klassischerweise haben Kinder zunächst Angst vor fremden Menschen und Gegenständen, vor lauten Geräuschen und Höhen, so Christiansen. Bis vier Jahre kämen dann Ängste vor Tieren, der Dunkelheit und dem Alleinsein hinzu. Im Vorschulalter sei die Furcht vor Fantasiegestalten wie Monstern, Geistern und Hexen verbreitet, genauso wie Ängste vor Gewitter, Trennung der Eltern und davor, nachts alleine zu sein. Ab dem Schulalter dominierten Ängste vor der Schule, Versagen, Bewertungen, Verletzungen, Krankheit, Tod, medizinischen Eingriffen, Katastrophen, Entführungen, Umweltereignissen und Kriegen.

Manchmal, so Christiansen, führen allerdings auch das Verhalten und die eigenen Ängste und Phobien der Eltern dazu, dass Kinder Angststörungen durch Modelllernen entwickelten: „Auf dem Spielplatz gibt es häufig Eltern, die unter ihrem Kind mit ausgestreckten Armen stehen und ihm damit signalisieren, dass sie ihm nichts zutrauen, und dass bestimmt gleich etwas schief geht.“

Dabei haben Ängste eine Berechtigung und sind notwendig zum Überleben. Besonders intelligente Kinder seien häufig vorsichtiger, da sie bereits früh mögliche Gefahren erkennen könnten. Wenn Ängste jedoch größer werden, bei den Kindern ein Leidensdruck herrscht und sie durch ihre Ängste im täglichen Leben eingeschränkt sind, sollten sich Eltern professionelle Hilfe bei Beratungsstellen und Therapeuten suchen. Denn Angststörungen sind mit bis zu zehn Prozent im Kindes- und Jugendalter die häufigste psychische Belastungsstörung, die aber in den meisten Fällen gut und schnell therapierbar ist. (dpa)

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