SZ + Zittau
Merken

Hilfe für Parkinson-Kranke

In Ostsachsen entsteht ein neues Netzwerk. Daran haben auch die Patienten aus dem Raum Zittau-Löbau einen Anteil.

Von Theresa Hellwig & Jan Lange
 5 Min.
Teilen
Folgen
Tobias Heß (links) von der TU Chemnitz schnallt Bert Wynands Sensoren an, die seine Beweglichkeit erfassen können. Das soll in der Zukunft Aufschluss über den Krankheitsverlauf von Parkinson-Patienten geben.
Tobias Heß (links) von der TU Chemnitz schnallt Bert Wynands Sensoren an, die seine Beweglichkeit erfassen können. Das soll in der Zukunft Aufschluss über den Krankheitsverlauf von Parkinson-Patienten geben. © Gernot Menzel

Orangefarbene Plastikklötzchen, die an elastische Bänder geknüpft sind, leuchten an den Füßen, Knien, Armen und auch am Kopf von Bert Wynands. Bei jeder Bewegung, die der wissenschaftliche Mitarbeiter der Bewegungswissenschafts-Professur der TU Chemnitz macht, bewegt sich auf dem Bildschirm im Hintergrund ein Männchen auf dieselbe Weise, wie es Wynands tut. „Inertialsensoren“, erklärt Wynands. „Die können uns zeigen, wo ein Parkinson-Patient Probleme beim Bewegen hat“, schiebt er hinterher. Irgendwie futuresk mutet das an – ein bisschen, wie aus einem Computerspiel entsprungen. Aber was dahintersteckt, ist eine ernste Angelegenheit.

Das Projekt ist eines von mehreren des Parkinson-Netzwerkes Ostsachsen (Panos). Damit soll die ärztliche Versorgung für Parkinson-Patienten im ländlichen Raum von Ostsachsen verbessert werden – trotz des Ärztemangels. Der Mangel an Neurologen ist ein großes Problem. Sieben Nervenärzte, zu denen nicht nur Neurologen, sondern auch Psychiater gehören, gibt es aktuell - Stand 1. Januar 2020 - im Planungsbereich Löbau-Zittau, teilt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) mit. 

Das klingt nicht schlecht. Doch bei der Zahl sind die Ärzte des Fachkrankenhauses in Großschweidnitz mitgerechnet. "Das ist nur die Theorie", findet denn auch Elmar Günther von der Parkinson-Selbsthilfegruppe Südliche Oberlausitz, die den gesamten Süden des Landkreises Görlitz abdeckt. Die Praxis sehe anders aus. Seine eigene Neurologin in Zittau arbeitet nur noch halbtags und will aus Altersgründen in einigen Monaten aufhören. Wo er sich danach hinwenden soll, weiß Günther noch nicht. Denn auch im Löbauer Raum gibt es Nervenärzte, die schon im Rentenalter sind oder zumindest nahe dran und über kurz oder lang aufhören werden. "Bei uns in der Gruppe gibt es zwei oder drei Mitglieder, die müssen bis Cottbus oder Berlin fahren, weil sie von keinem Neurologen in der Nähe angenommen werden", sagt der 80-Jährige.

Viele Patienten mit Parkinson

Auch Dr. Kai Löwenbrück vom Dresdner Uniklinikum zeichnet ein düsteres Bild: „50 Prozent der Erkrankten kommen als Notfälle in die Klinik“, sagt er, und meint damit: zu viele. „So kann es nicht weitergehen“, sagt er, „Parkinson lässt sich gut behandeln, aber es gelingt uns nicht, das auf die Straße zu bringen.“ Das Netzwerk soll für die Erkrankten – etwa 15.000 sind es in Ostsachsen – die Lage verbessern. Bund und Freistaat scheinen große Hoffnung in das Vorhaben zu setzen: 6,78 Millionen Euro Fördermittel stellen sie gemeinsam für die nächsten zwei Jahre zur Verfügung.

Elmar Günther und seine Mitstreiter von der Selbsthilfegruppe setzen Hoffnungen auf das neue Netzwerk. Deshalb sind sie auch zahlreich nach Hoyerswerda gefahren, wo das Netzwerk vorgestellt und ein Fördermittelbescheid in Höhe von 1,8 Millionen Euro von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) übergeben wurde. Etwa 700 Parkinson-Patienten sind laut sächsischem Sozialministerium gekommen, mit Bussen sind die überwiegend älteren Erkrankten angereist.

Behandlungsablauf ist genau festgelegt

Dr. Kai Löwenbrück ist überzeugt: Ohne Parkinson-Netzwerk geht es nicht. Von „Effizienzreserven“ spricht er; oftmals laufe die Behandlung nicht effizient ab, weil die Zuständigkeiten nicht geklärt seien. Das neue Netzwerk will das ändern und hat den Behandlungsablauf genauer festgelegt. Etwa 15 sogenannte Parkinson-Lotsen sollen sich schon bald um die Erkrankten kümmern und ihnen dabei helfen, zur richtigen Zeit beim richtigen Arzt zu landen. Und auch die Digitalisierung soll für das Netzwerk eine große Rolle spielen. Künftig sollen die Patienten alle drei Monate Fragebögen ausfüllen, zunächst auf Papier gedruckt. Die sollen dann aber digitalisiert werden, sodass die Krankheit besser verstanden werden kann und alle Ärzte Zugriff auf die Daten ihrer Patienten haben. Das Stichwort: digitale Patientenakte. Die Ärzte wollen anhand der Antworten der Patienten aber auch erkennen, ob ein Arztbesuch in diesem Moment nötig ist – oder ob der Termin, der bislang alle drei Monate vorgesehen ist, noch eine Weile warten kann. Eine Art Ferndiagnose.

„Zum Teil ist es unnötig, viermal im Jahr zum Neurologen zu gehen“, findet Dr. med. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der KVS. „In Summe bedeutet das, es gibt weniger face-to-face-Kontakte“, also weniger persönliche Gespräche zwischen Patienten und Arzt. „Der Patient kommt eben dann, wenn er es braucht.“ Eine gute Aussicht in die Zukunft, dass sich die ärztliche Versorgungslage in der Region unabhängig von dem Netzwerk verbessern könnte, gibt er nicht. Die KVS ist eigentlich dafür zuständig, die ärztliche Versorgung sicherzustellen – auch im ländlichen Raum. „Mehr Ärzte sind nicht die Lösung, es muss ohne mehr Ärzte funktionieren“, sagt Heckemann jedoch. Das Problem: Die KV könne die Absolventen ja nicht zwingen, eine bestimmte Fachrichtung zu absolvieren – oder auch in eine bestimmte Region zu ziehen.

Projekt läuft im Herbst an

Stattdessen also das Netzwerk. Ab Herbst 2020 soll das Projekt anlaufen, aber auch für die fernere Zukunft gibt es schon viele Pläne. Dabei kommen zum Beispiel die Sensoren an Bert Wynands Gelenken zum Zuge. Die sollen Bewegungsprofile erstellen und zeigen, wenn sich der Zustand eines Patienten oder einer Patientin verschlechtert. Das bringe aber nur etwas, so erklärt es Löwenbrück, wenn es auch möglich ist, das Ganze auszuwerten. Und irgendwann – das ist zwar noch Zukunftsmusik – aber irgendwann können solche Diagnosegeräte vielleicht auch den Fragebogen ersetzen. Und noch mehr Zukunftsmusik: Wenn das ganze Projekt erfolgreich ist, dann soll das Konzept auch auf andere Krankheiten ausgeweitet werden.

Als Elmar Günther vor einigen Monaten das erste Mal von dem geplanten Parkinson-Netzwerk hörte, war er sofort überzeugt, dass das auch für die Region Zittau-Löbau gut sein kann. Er hatte sogar gehofft, dass ein Stützpunkt des Netzwerkes in Zittau entstehen könnte. Die Hoffnung hat sich jedoch inzwischen zerschlagen. Dennoch sei das Netzwerk ein wichtiger Schritt, findet er nach wie vor.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.