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Hilfs-Konvoi mit Wohlstands-Müll

Der Löbauer Trucker Michael Schoen setzt sich für arme Kinder in Litauen ein. Auch eine Zahnarztpraxis hat er geladen.

© Rafael Sampedro

Von Markus van Appeldorn

Löbau. Manchmal ist Michael Schoen fast ein bisschen entsetzt, wenn er sieht, was sich da in der Lagerhalle am Löbauer Bahnhof stapelt. Er steht vor 40 neuwertigen Krankenpflege-Betten. Anschaffungswert: Etliche tausend Euro. Doch hier in Deutschland haben sie nur noch Schrottwert. „Krankenkassen bezahlen die Anschaffung solcher Betten, damit Menschen ihre Angehörigen daheim pflegen können“, erzählt Michael Schoen. Und einmal ausgeliefert und gebraucht, gleich ob einen Tag lang oder fünf Jahre, werden solche Betten oft nicht für einen weiteren Einsatz verwendet. Wohlstandsmüll.

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Michael Schoen fährt einen Müllwagen bei der Entsorgungsgesellschaft Görlitz-Löbau-Zittau in Lawalde. Schon deswegen weiß er sehr genau zu unterscheiden, was Abfall ist und was man noch gebrauchen kann. Und er ist der Mann, der wertvolle Dinge vor dem Schrott bewahrt und Gutes damit tut – mit seinem Verein „Kinder brauchen unsere Hilfe“ (KibuH). Der Verein wurde von Truckern in Nordrhein-Westfalen gegründet. Seit 2006 fahren die großherzigen Trucker jedes Jahr in einem Lkw-Konvoi nach Litauen und versorgen dort Kinderheime, Krankenhäuser oder Schulen mit Hilfsgütern.

Nachdem Michael Schoen eine TV-Reportage über KibuH gesehen hatte, schloss er sich dem Verein an. Anfang des Jahres gründete er eine Außenstelle des Vereins in Löbau, machte einen Spendenaufruf und ging Klinken putzen. Bei Unternehmen, Behörden, im Freundeskreis. Möglichst viele Hilfsgüter wollte er einsammeln. Die Ostsächsischen Eisenbahnfreunde stellten ihm ihre Halle am Bahnhof kostenlos als Lager zur Verfügung. „Die Hilfe war überwältigend“, sagt Michael Schoen. Die Stadt Löbau etwa schenkte ihm etliche ausgemusterte aber tadellose Schulmöbel und Tafeln. „Die ehemalige Hauptschule in Löbau-Süd hatte 24 Computertische angeschafft. Als die Schule danach mit der Pestalozzi-Oberschule zusammengelegt wurde, landeten die Tische auf dem Speicher. Beinahe völlig unbenutzt“, erzählt Schoen. Und die 40 teuren Pflegebetten habe das Löbauer Sanitätshaus Busch gespendet. Ein für die Empfänger in Litauen unbezahlbarer Schatz. Auch viele Löbauer brachten brauchbare Dinge. Ein Löbauer bot sogar ein Auto an. „Der hat uns eine alte Mercedes-S-Klasse geschenkt“, sagt Vereinsvorstand Peter Dittmar. Das geht zwar nicht mit nach Litauen, aber: „Der Verkauf an einen Liebhaber, der den Oldtimer wieder in Top-Zustand versetzen will, hat 800 Euro in die Vereinskasse gebracht“, sagt Dittmar. Davon konnte der Verein etwa teilweise eine ausgemusterte Feuerwehr bezahlen, die auch mit auf die Reise ins Baltikum geht.

Dabei stellt der Verein auch sicher, dass die Hilfsgüter in Litauen auch tatsächlich gebraucht werden und nicht am Ende dort auf dem Müll landen. „Alles, was wir mitnehmen, ist mit den Empfängern dort abgesprochen“, sagt Vereinschef Peter Dittmar. Im Vorfeld des Konvois besucht eine Delegation des Vereins auch die jeweiligen Empfänger, prüft sie auf Seriosität und ermittelt, was gebraucht wird. Strenge Anforderungen stellt der Verein auch an gespendete Lebensmittel, etwa dringend benötigte Babynahrung. „Wir nehmen nur mit, was mindestens noch sechs Monate nach Ankunft in Litauen haltbar ist“, sagt der Vereinsvorstand. So gehen etwa 18 Paletten von den Herstellern gespendete Frucht-Smoothies und 17 Paletten Brotaufstriche mit an Bord der Sattelschlepper.

Mitte Mai haben Michael Schoen und seine Helfer angefangen, das bis zum Bersten volle Lager in Löbau zu räumen und vier Sattelzüge damit zu bepacken. „Das ist teilweise ein ganz schön kompliziertes Tetris-Spiel“, sagt er. 33 Paletten mit Waschmitteln sind dabei, Rollstühle und Rollatoren, eine professionelle Spülmaschine, 180 neue Doppelstockbetten. „Wir haben sogar eine komplette Zahnarztpraxis dabei. Von einem Arzt aus Bautzen, der in Ruhestand gegangen ist“, erzählt Michael Schoen. Und der ASB Löbau hat mehrere neuwertige Personenheber gespendet, mit denen man etwa behinderte Menschen aus der Badewanne oder dem Bett hebt.

Am Donnerstag, 31. Mai, hat sich der Konvoi in aller Herrgottsfrüh mit vier Trucks in Löbau auf den Weg gemacht. Bei der Autobahnpolizei kamen dann noch zwei weitere Sattelzüge aus dem nordrhein-westfälischen Hamm dazu. Über 100 Tonnen Hilfsgüter haben sie nach Litauen transportiert. Michael Schoen und die anderen Helfer opfern für diese Tour auch einen guten Teil ihres Jahresurlaubs. Am 10. Juni will Michael Schoen wieder zurück in Löbau sein. Aber nach dem Konvoi ist vor dem Konvoi. „Ich habe jetzt schon viele Sachen im Lager für das nächste Jahr.“