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Hineingehorcht in die Äberlausitz

Ernst August Matthes gehört zu den ersten Mundartdichtern der Region. Bekannt wurde er unter einem anderen Namen.

© Archivfoto: SZ

Von Miriam Schönbach

Achtung, für diesen Text braucht es zuweilen „a Rad’l a dr Gurgl“. Das „Rulln“, zuweilen auch „Kwurrln“ genannt, fällt am leichtesten mit einem leicht amerikanischen Akzent. Und damit jeder es einmal selbst ausprobieren kann, gibt es gleich eine kleine Kostprobe auf „Äberlausitsch“: „Jeds Juhr, wenn’s kimmt su zun Arntefeste hie, do grimmt mehr dr Buckel und’s Kreuze tutt wih.“ Das sind die ersten Zeilen der Erzählung „Anne Strietzelfuhre“. Sie stammen aus der Feder von Ernst August Matthes. Besser bekannt ist er unter Bihms Koarle.

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Die Spurensuche nach dem Oberlausitzer Mundartdichter beginnt in Wehrsdorf. Dort wird Ernst August Matthes am 29. Oktober 1854 geboren. Seine Mutter Johanne Christiane Richter kommt aus einer Leinwandhändler-Familie. Über Jahrhunderte prägten Leineweber und Flachsspinner den Ort nördlich des Schluckenauer Zipfels. Das Handwerk beschert vielen einen kleinen Wohlstand. Besonders Matthes Großmutter muss über großes Verhandlungsgeschick verfügt haben. Ihre Geschäfte führen sie bis nach Leipzig. Der Großvater beschaffte Garne aus dem Böhmischen.

In Wehrsdorf allgegenwärtig

Ernst August Matthes kommt als uneheliches Kind auf die Welt, weiß Ortskundiger Peter Pietsch. Allerdings scheint Matthes Mutter wenig auf Konventionen zu geben. Schon kurz nach ihrer Hochzeit mit dem Bauernsohn Johann Christian Gottlieb Matthes reicht sie die Scheidung ein. Sein Sohn selbst kann in den Lebenserinnerungen nur Mutmaßungen über den Bruch anstellen. „Die Großmutter väterlicherseits lebte noch und scheint der böse Geist im Hause gewesen zu sein …“, schreibt er. Den Ehescheidungsprozess zahlt die Mutter wie eine Abfindung. Für das Verlassen ihres Manns muss sie außerdem 14 Tage ins Gefängnis nach Schirgiswalde.

Den kleinen Ernst August nimmt die Großmutter „doamme hiesumm“ unter ihre Fittiche. In Wehrsdorf ist das „Äberlausitsch“ seinerzeit noch allgegenwärtig. Seine Kindheit verbringt er mit Kinderspielen wie „Krätenprellen“. Der „Battlwächter“ ist als Tag- und Nachtwächter in der „Nubberschoaft“ unterwegs und der „Bandwaber“ steht am Webstuhl. Zur Pflege seiner todkranken „Grußemutter“ schiebt der junge Mann sogar sein Lehrerstudium am Landständischen Seminar in Bautzen um ein Jahr auf. Nach ihrem Tod 1869 – die Mutter ist schon drei Jahre früher verstorben – geht er für seine Ausbildung zum „Lihrer“ vom Dorf in die Stadt. In dieser Zeit interessiert sich Ernst August Matthes nur nebenbei für seine heimatliche Mundart. Mit dem Seminarabschluss in der Tasche geht er 1876 zuerst als Hilfslehrer nach Olbersdorf, anschließend nach Waltersdorf. Gleichzeitig beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert auf beiden Seiten der deutsch-böhmischen Grenze die besondere Pflege der heimischen Dialekte. Johannes Andreas von Wagner (1833 – 1912), genannt Johannes Renatus, wird einer der ersten Oberlausitzer-Mundart-Autoren. Bald sind die Vereinslokale voll, wenn aus seinen Bänden „Allerlee aus dar Äberlausitz“ vorgetragen wird.

Schicksalhafte Begegnung

Bei einem Unterhaltungsabend der „Zittauer Liedertafel“ – ab 1879 arbeitet Matthes an der Zittauer Stadtschule – rezitiert „Bihms Koarle“ zum ersten Mal die Texte von Renatus und stellt gleichzeitig fest, dass einige Mundart-Fehler in dessen Arbeiten sind. Fortan beschäftigt ihn das „Äberlausitsch“. Seine Ambitionen bleiben nicht im Verborgenen. Ein Journalist der „Zittauer Nachrichten“ wird auf ihn aufmerksam. Jener Johannes Müller hatte eine Novelle geschrieben, mit der er sich bei einem Preisausschreiben bewerben wollte. Als besonderes Kolorit darin wollte er gern eine Figur, die in Oberlausitzer Mundart spricht. Matthes erhält den Auftrag, den „Hoartelbauern“ zu betexten.

Diese Begegnung ist auf zweierlei Weise schicksalhaft. Zum einen bekommt Ernst August Matthes selbst Lust zu schreiben, zum anderen verpasst ihm Müller seinen „Decknamen“. „Als solcher wurde ... Bihms Koarle genommen, und so kam ich ohne mein Zutun zu meinem Pseudonym, das ich jetzt gar nicht mehr ablegen kann“, schreibt Matthes in seinen Erinnerungen. „Bihme bezieht sich dabei auf den Namen seiner Großmutter, eine geborene Böhme“, sagt Peter Pietsch.

Zu diesem Zeitpunkt ist August Matthes bereits gut 60 Jahre alt. Seine Spezialitäten werden mundartliche Anekdoten, zuweilen gereimt. Er wird zum Erzähler, der in seine Heimat hineinhorcht. Die Finger lässt er von Schauspielen und der Lyrik. In seinem Nachruf in der Zeitschrift für Heimatpflege, Heimatforschung und Verkehrswerbung heißt es am 17. Oktober 1937: „Es ist die Freude an der Darstellung der kleinen Verhältnisse, des bescheidenen, besonders des dörflichen Lebens, die in Matthes’s Geschichten besticht … So flutet überall das Oberlausitzer Leben, und manch altes Wort trägt uns zurück in die Zeit, aus der die unverwässerte Ur-Mundart herüberklingt …“

Seine Geschichten und Reime veröffentlicht Ernst August Matthes zwischen 1909 und 1927 in drei Büchern unter dem Titel „Kraut und Rüben“. Zudem macht er sich in dieser Zeit auch einen Namen als Volkskundler. In seiner Freizeit wandert er in seiner Heimat von Ort zu Ort und belauscht, wie die Menschen sprechen. Seine „Auslassungen über die Oberlausitzer Dialektgruppen“ sind ebenfalls in seinen „Fuhren“, so nannte er seine Veröffentlichungen, nachzulesen. Aus seinen Werken liest er selbst bis ins hohe Alter vor, mal heiter, mal ernst. Am 29. Januar 1937 stirbt Bihms Koarle in Zittau. In Wehrsdorf aber sollen in manch geducktem Umgebindehaus bis heute seine „Strietzelfuhre“ und andere Geschichten erzählt werden.