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Hinfahren, da sein, bis zuletzt

Kathrin Schiffner arbeitet ehrenamtlich beim ambulanten Hospizdienst. Der feiert heute mit ihr und anderen Gästen seinen 15. Geburtstag.

Von Gesine Schröter

Es war wie ein Ritual: Das Warten an der Zittauer Bushaltestelle, das Einsteigen in die Linie 27, die sie nach Herrnhut bringt. Eine knappe halbe Stunde hatte Kathrin Schiffner dann immer Zeit zum Nachdenken über Frau H. „Auf diesen Fahrten konnte ich mich auf den Besuch bei ihr einstellen“, erinnert sich Frau Schiffner. Dann fragte sie sich zum Beispiel, wie der Zustand der älteren Dame an diesem Tag wohl sein möge: eher positiv oder negativ? Frau Schiffner spricht von Herzklopfen, aber auch von einer beruhigenden Fahrt, dank derer sie die sterbenskranke Frau schließlich begrüßen und mit ihr ein paar Stunden verbringen konnte. Mit Reden, Ausfahren, Basteln, Spielen. „Und auf der Busfahrt zurück konnte ich das Erlebte mit ihr immer gut verarbeiten“, sagt sie. Über ein Jahr lang hat Kathrin Schiffner die alte Dame regelmäßig besucht. Zunächst im stationären Hospiz Herrnhut, dann im Pflegeheim. Bis zum Schluss, bis Frau H. vor ungefähr einem Jahr starb, mit 88 Jahren. Frau Schiffner ist gerade einmal halb so alt, wohnt in Zittau und ist nur eine von zahlreichen Ehrenamtlichen, die Schwer- und Schwerstkranke, Sterbende und deren Angehörige im Altkreis Löbau-Zittau an ihrem Lebensende begleiten. Zu Hause, in Krankenhäusern und auf Palliativstationen, in Pflegeheimen oder eben im Herrnhuter Hospiz Siloah. Vorbereitet, vermittelt und koordiniert werden die Freiwilligen vom ambulanten Hospizdienst im Raum Löbau-Zittau, mit Sitz auf der Zittauer Lessingstraße. Das tut er seit 15 Jahren, weshalb es heute Nachmittag einem Festgottesdienst in der Zittauer Marienkirche und anschließend ein Frühlingsfest gibt. Zwar sind dazu eine Reihe bekannter Personen geladen. Wie Gundula Seyfried, die 1999 einen ambulanten Hospizdienst in Zittau gegründet hat und als langjährige Leiterin sowohl des ambulanten als auch des stationären Hospizdienst im Altkreis untrennbar mit diesem Thema verbunden ist. Wie auch ihr Nachfolger in Herrnhut, Hospizleiter René Rixrath Oder eine Reihe von Pfarrern aus Zittau, Löbau und Umgebung, konfessionsübergreifend. „Unsere wichtigsten Gäste sind jedoch unsere Ehrenamtlichen“, sagt Brigitte Böhlke, die heutige Leiterin des ambulanten Hospizdienstes, überzeugt. „Denn diese Menschen sind der Dienst.“

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84 Freiwillige sind es über die 15 Jahre geworden, großenteils weiblich, zwischen 23 und 81 Jahren alt. Viele von ihnen kommen aus Pflegeberufen, wo sie bereits mit Krankheit und dem Sterben in Berührung gekommen sind. Dort haben sie unter Umständen gesehen, dass oftmals nicht genug Zeit ist, um die Kranken zu begleiten. „Diesem Bedürfnis folgen sie in ihrer ehrenamtlichen Hospizarbeit“, erklärt Frau Böhlke die Beweggründe einiger Freiwilliger. Oder aber jemand hatte einen Todesfall in der eigenen Familie, im Bekanntenkreis, und empfand die Gegenwart eines anderen Menschen als wohltuend. Andere haben das Gefühl, etwas versäumt zu haben und wollen das Dasein für einen sterbenden Menschen, Angehörige und Trauernde nachholen. Das tun die Ehrenamtlichen, indem sie regelmäßig dorthin fahren, wo jemand unheilbar krank ist und einen anderen Menschen in seiner Nähe haben will. Dass es so etwas wie den Hospizdienst gibt, erfahren die Hilfebedürftigen zum Beispiel über den Pflegedienst, über einen Arzt oder die Kirche. Besteht Interesse an einer Begleitperson, knüpfen Frau Böhlke und ihre zwei hauptamtlichen Kolleginnen den ersten Kontakt und machen sich auf den Weg, um der Familie einen Erstbesuch abzustatten. Anschließend suchen sie eine passende Person unter ihren Freiwilligen aus und begleiten diese als auch die Betroffenen, vor allem zu Beginn. Bis sich das Vertrauensverhältnis vielleicht so intensiv entwickelt wie zwischen Kathrin Schiffner und Frau H. im Laufe ihres gemeinsamen Jahres. Wie schmerzhaft es ist, den vertrauten Menschen zu verabschieden, hat Frau Schiffner durch diese Geschichte erst wieder erfahren. „Aber trotz aller schlimmen Erkenntnisse macht man auch immer wieder so wunderbare Entdeckungen“, sagt sie. Ihre wichtigste Erkenntnis und der Grund, warum sie eine der heute gefeierten Freiwilligen ist, lautet: „Mit unserer Zuneigung können wir Wohlbefinden schaffen und damit Leben verlängern.“