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Hirsch-Abriss findet Zustimmung

Die Stadt würde die ehemalige Gaststätte am Markt gern abreißen. Im Ort kommt diese Idee gar nicht so schlecht an.

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Von Jan Lange

Fast jeder Hirschfelder kennt Helga Förster. Denn die 72-Jährige ist seit mittlerweile 50 Jahren fest im Handel des Ortes verankert. Gut 30 Jahre führte sie eine Drogerie, heute vermittelt sie ihren Kunden Reisen in alle Welt. Doch Helga Förster ist nicht nur eine Geschäftsfrau mit Leib und Seele, sie engagiert sich auch für ihren Ort.

Zuletzt hatte sie sich für den Erhalt der Hirschfelder Sparkassen-Filiale eingesetzt. Dass das Geldinstitut letztlich vor Ort bleibt und im Juli am neuen Standort Kirchstraße/Ecke Komturgasse eine Geschäftsstelle eröffnet, ist auch ein kleines Stück der aktiven Rentnerin zu verdanken. Am Montag beginnen die Vorbereitungen für den Abriss der alten Filiale am Markt. Vielleicht könnte bald noch ein weiteres Gebäude weichen: der ehemalige „Hirsch“. Den Gedanken äußerte jüngst die Stadtverwaltung. Helga Förster findet die Idee nicht so schlecht. Um einen Abriss kommt die Stadt aus ihrer Sicht kaum noch herum. „Ich glaube, dass die Messen gelesen sind“, sagt die Reisebüro-Chefin. „Keine Handelskette wird sich heute noch im Ortskern ansiedeln, es rechnet sich einfach nicht mehr“, steht für sie fest.

In den 90er Jahren sei dies anders gewesen. Damals gab es einen Investor, der einen Einkaufsmarkt mit Gaststätte bauen wollte. Doch die Investition kam nicht zustande. Zum einen verlangte der Besitzer des „Hirschs“ einen zu hohen Betrag, zum anderen wollte die Gemeinde die geplante Ausfahrt auf die B 99 nicht genehmigen. „Es sind einfach zu viele Fehler gemacht worden, die heute nicht mehr reparabel sind“, meint Frau Förster, die in den 90er Jahren auch im Gemeinderat aktiv war.

Manche dieser Entscheidungen haben auch die langjährige Geschäftsfrau betroffen. So konnte eine bundesweite Drogeriekette gleich zwei Filialen in Hirschfelde eröffnen. Ihre eigene Drogerie sei daran kaputt gegangen, sie musste sie Ende der 90er Jahre schließen. Auch ein großer Einkaufsmarkt wurde lieber auf der grünen Wiese errichtet als im Ortszentrum, ärgert sich Frau Förster. „Von den Verantwortlichen bekam man damals gesagt, dass das Wettbewerb ist“, erzählt die 72-Jährige. „Heute gibt es dazu Bedauern. Doch jetzt ist es schon fünf nach zwölf“, findet sie. Vielleicht könne man noch Hollywood anschreiben, meint Frau Förster ironisch. „Es sieht ja wie nach dem Krieg aus.“

Und Helga Förster weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie spricht. Denn ihr Reisebüro befindet sich im Gebäude der früheren „Freundschaft“, die wie der gegenüberliegende „Hirsch“ verfällt. 1991 verließ der Konsum die „Freundschaft“, die danach an einen türkischen Makler verpachtet wurde. „Er hatte viel vor, aber die Träume platzten sehr schnell, denn er fand keine Nutzer für das Objekt“, berichtet die Hirschfelderin. Heute befinden sich in dem Gebäude nur noch zwei Handelseinrichtungen – neben dem Reisebüro ein Bekleidungsgeschäft mit Postfiliale. Doch auch deren Umsätze werden weniger – angesichts stetig sinkender Bevölkerungszahlen. Vor allem wegen ihrer Stammkunden betreibt Helga Förster das Reisebüro noch mit über 70 und mit Leidenschaft.

Der Zustand des Gebäudes ist auch nicht hilfreich für mehr Umsätze. Der derzeitige Besitzer, ein Franzose, sei nicht daran interessiert, etwas an dem Haus zu machen. „Er nimmt nur die Miete“, sagt die 72-Jährige. Das Ausmaß an Unordnung und Vandalismus um das Gebäude ist nach ihren Worten enorm. Gleiches droht auch dem „Hirsch“, wenn er noch weitere Jahre vor sich hin verfällt.