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Wenn der Kamerad aus der eigenen Feuerwehr stirbt

In der Nacht zum Montag kam ein Weinhübler Feuerwehrmann ums Leben. Was Notfallseelsorger Frank Hirschmann in solchen Fällen erlebt.

Polizeibeamte ermitteln am Görlitzer Unfallort am Sonntagabend.
Polizeibeamte ermitteln am Görlitzer Unfallort am Sonntagabend. © Lausitznews

Frank Hirschmann war gerade dabei, sich für die Nachtruhe fertig zu machen, als der Pieper Alarm gab. Der Pieper, der verbunden ist mit der Rettungsleitstelle. Der Pieper, der laut wird, wenn Frank Hirschmann als Notfallseelsorger gebraucht wird. Wie immer in solchen Fällen ruft er dann bei der Rettungsleitstelle an, holt sich erste Informationen ein, was passiert ist, wo sein Beistand gebraucht wird. Dieses Mal in Weinhübel. 

Frank Hirschmann ist seit 1996 Notfallseelsorger. Lässt ihn ein Fall nicht los, spricht er manchmal auch mit einem Kollegen darüber. Zehn Notfallseelsorger gehören zum Team im Kreis.
Frank Hirschmann ist seit 1996 Notfallseelsorger. Lässt ihn ein Fall nicht los, spricht er manchmal auch mit einem Kollegen darüber. Zehn Notfallseelsorger gehören zum Team im Kreis. © Nikolai Schmidt

25 Jahre - Hunderte Schicksalsschläge

Seit 1996 ist Hirschmann Notfallseelsorger, seit 2007 außerdem Polizeiseelsorger und seit 2009 Pfarrer der Hoffnungskirche in Königshufen. Hunderte Male war er dabei, wenn Rettungskräfte, Feuerwehrkameraden oder Polizisten einen sehr belastenden Einsatz hatten, wenn Angehörige erfahren, dass einem geliebten Menschen etwas Schlimmes passiert ist oder sogar ihr Leben verloren haben.  Betroffenheit kommt bei Hirschmann dennoch immer auf. 

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Sein Ziel am späten Sonntagabend: die Wache der Freiwilligen Feuerwehr Weinhübel. Auf dem Weg dorthin lag auch der Unfallort. Am späten Sonntagabend war ein 39-jähriger Görlitzer im Stadtteil Weinhübel in seinem Auto vor der Polizei geflüchtet. Es war letztlich eine Flucht in den Tod. An der Kreuzung von Zittauer und Leschwitzer Straße fuhr er frontal und ungebremst gegen eine Hauswand. Grund für den Kurzschluss: Beziehungsprobleme. 

Kameraden erkannten das Auto

Alarmiert wurde die Weinhübler Feuerwehr. Eines ihrer Mitglieder erkannte den verunglückten Wagen, das Auto seines Kameraden. Deshalb - das ist gängige Praxis in solchen Fällen -  übernahm den Einsatz eine andere Wehr, in dem Fall die Berufsfeuerwehr Görlitz. Frank Hirschmann wurde alarmiert, um den Weinhübler Kameraden beizustehen. Eine erste Krisenbetreuung der Angehörigen übernahmen Kollegen vom ihm. 

Sprachlos lässt das Unglück offenbar die Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr Weinhübel zurück. Auf der Facebookseite hat am frühen Montagmorgen einer von ihnen ein Bild gepostet. Eine brennende Kerze im Dunkeln. Keine Worte. Frank Hirschmann nickt. Über den Weinhübler Fall konkret möchte er nichts sagen,  er unterliegt der Schweigepflicht. Aus seiner Erfahrung aber: Die erste Reaktion ist meist Schock. "Gerade bei Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdienst verbringen die Mitglieder viel Zeit miteinander, bei Übungen, Fortbildungen, den Einsätzen, bei denen man sich sehr aufeinander verlassen können muss. Die Vertrauensbasis ist groß." 

Nie im Einsatz ansprechen

Sprachlosigkeit. "Es ist nicht fassbar. Erst wenn ich es fassen kann, kann ich es in Sprache kleiden." Das ist seine Aufgabe als Notfallseelsorger. Stille aushalten. Helfen, Schock in Trauer zu überführen. Eine klare Regel gibt es dabei, egal ob er als Notfall- oder Polizeiseelsorger gerufen wird:  Fährt Hirschmann zum Unfallort, dann nur, um sich ein genaueres Bild der Lage zu machen. "Niemals spreche ich Einsatzkräfte im Einsatz an", erklärt er. Denn in diesen Momenten gebe die Professionalität meist einen gewissen Schutz, eine gewisse Distanz. "Wenn ich dann eine Einsatzkraft seelsorgerisch anspreche, sorge ich für Betroffenheit." 

Auch für sich selbst überlegt er genau, ob er einen Unglücksort sehen will. "Das macht ja etwas mit einem. Bleibt dann genug Kraft, um später Beistand geben zu können? Es ist immer ein Balanceakt." Am Sonntag hat er Halt gemacht am Unfallort. Aber nicht alleine, sondern mit einer Kollegin. 

Erster Schritt: "Was ist passiert?"

Danach sind sie zur Weinhübler Wache gefahren. "Ich setze mich immer mit den direkt Betroffenen zusammen, also denen, die beim Einsatz dabei waren." Reden muss keiner mit Hirschmann. "Man denkt immer, man muss Stille füllen. Muss man nicht." Helfen könne das Reden aber. "Was man ausspricht, damit kann man besser umgehen", erklärt er. Sein erster Schritt oft: "Ich frage ganz einfach: Was ist passiert? Das können die meisten erzählen. Oder ich frage: Wer hat im Einsatz welche Rolle übernommen?" Von dem einen oder anderen komme dann vielleicht mehr. Was ihn bewegt. 

Demobilisierung heißt das Vorgehen. Dazu zählt zum Beispiel, das Ereignis aufzugreifen, um zu erklären, welche Reaktionen folgen können. Im Grunde eine Vorwarnung, welche Reaktionen "normal" sind in solch einem Fall, wie dem vom Sonntag. Von Träumen über Bilder im Kopf bis Schlaflosigkeit oder andere körperliche Auswirkungen. Ebenso, was Ausgleichsmöglichkeiten sind, also was man tun kann, falls solche Reaktionen tatsächlich kommen. Es ist eine Art Erste Hilfe für die Psyche. "Und dann steht natürlich auch die Frage, wie kann ich mit dem umgehen, was ich erlebt habe?" Der Punkt, in die Trauer hineinzuführen. "Aber dafür war am Sonntag einfach noch nicht die richtige Zeit." 

Die Tür macht Hirschmann langsam zu

Wie er selbst damit umgeht? "Es gibt für Seelsorger eine weitere Regel: Wenn man die Tür nach einem Einsatz schließt - dann ist sie zu", erzählt Frank Hirschmann. "Allerdings, oft lässt sich das nicht so einfach umsetzen." Trotz Hunderten Einsätzen, Betroffenheit sei immer dabei.  "Wenn ich abgestumpft wäre, müsste  ich sofort aufhören." Ohne Empathie gehe diese Arbeit nicht. "Jeder Einsatz für mich bedeutet für jemand anderen das eigene Schicksal. Für diese Personen enden plötzlich Lebensentwürfe", so Hirschmann. "Ich versuche mir aber immer klar zu machen: Dieses Schicksal gehört  nicht zu mir. Das ist wieder diese schwierige Balance zwischen Nähe und Distanz." Denn dauerbelastet könne er diese Arbeit auch nicht machen.

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Vor allem versuche er die Tür hinter sich langsam zu schließen. "Ich nehme mir Zeit. Ich könnte nach einem Einsatz nicht gleich zur Tagesordnung zurück." Oft setze er sich zu Hause einfach eine Weile hin. Er ist zwar Pfarrer, bei den Einsätzen spiele das meist aber keine oder nur eine geringe Rolle. Ihm persönlich dagegen helfe der Glaube. "Und wenn ich das Gefühl habe, ich muss jetzt nochmal raus und spazieren, dann mache ich das." Und wenn es mitten in der Nacht ist. 

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