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Historische Noten in digitalem Sound

Das Sorbische Folkloreensemble Schleife macht altes Liedgut jedermann zugänglich. Von Nutzen ist das auch für die Jugend.

Wolfgang Kotissek mit einem Auszug aus dem „Krahlschen Geigenspielbuch“.
Wolfgang Kotissek mit einem Auszug aus dem „Krahlschen Geigenspielbuch“. © Foto: Joachim Rehle

Schleife. Vorne gibt man Noten ein und hinten kommt Musik raus. Wolfgang Kotissek lacht. „Man kann es sich so vorstellen. Aber ganz so einfach ist es nicht“, sagt er. Die Rede ist von der Digitalisierung historischer Notenquellen – ein Projekt des Sorbischen Folkloreensembles Schleife, welches aus dem Mit-mach-Fonds des Freistaats Sachsen gefördert wird. Die Idee dazu gibt es schon länger und mit dem Geld des Freistaats jetzt die Chance, sie umzusetzen.

Die im Volk entstandenen Lieder werden seit Jahrhunderten im Schleifer Kirchspiel gesungen. Jetzt soll aus bisher nicht erfasstem historischen Notenmaterial der Sorben der Muskauer Heide eine Sammlung entstehen. Ähnlich dem „Kolesko“-Liederbuch. In digitaler Form. So könnte das etwa 60 Stücke umfassende Repertoire des Folkloreensembles erweitert werden. Zwei Kästen im Musikzimmer des Schleifer Kulturzentrums (SKC) enthalten bereits 25 digital aufbereitete Stücke wie Hochzeitsmärsche oder die Bauernpolka mit Einzelstimmen für Instrumente. So soll jetzt auch historisches Liedmaterial des 19. und 20. Jahrhunderts aufbereitet werden.

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Von vielen Vereinen werden die alten Lieder bei Auftritten meist in bearbeiteter Form dargeboten. Zu privaten Anlässen werden sie ebenfalls gerne gemeinsam gesungen. „Mit der Digitalisierung könnte die Originalfassung allgemein zugänglich gemacht werden“, erklärt Wolfgang Kotissek, Vorstandsmitglied und von 1979 bis 2017 Chef des Schleifer Folkloreensembles. Dazu sollen Originalquellen erschlossen werden: wie handgeschriebene Noten, die bisher noch nicht erfasst waren, oder auch Fragmente von Stücken, bei denen Instrumentenstimmen fehlen. Wolfgang Kotissek verweist auf die Maćica Serbska, wo in den Aufzeichnungen der Volksforscher Adolf Černy, Ludvik Kuba und Jan Arnošt Smoler Hinweise auf Schleifer Musik seit 1883 zu finden sind. Für die Veröffentlichung im „Krahlschen Geigenspielbuch“ hatte man Notenblätter fotografiert. Auch die sollen digital erfasst werden. Ebenso Kompositionen von Alfons Janze, die als handschriftliche Notenblätter vorliegen. Einbezogen werden Feldforschungen aus den 1950er und 60er Jahren zu der Art, wie damals gesungen wurde. Außerdem recherchiere man beispielsweise nach den Melodien zu einem „Wendischen Konzert mit Trachtenfest“ des Schleifer Liederkreises vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein Programm mit den sorbischen und deutschen Texten liegt vor.

Die Erfassung der Noten liegt auf den Schultern von Stephanie Bierholdt und Wolfgang Kotissek. „Man muss Noten lesen und schreiben und mit der erforderlichen Software am Computer umgehen können“, sagt er. Das sei nicht jedermanns Sache. Pro Seite brauche er eine halbe Stunde. „Bei acht Instrumenten mit jeweils fünf Seiten dauert es seine Zeit, bis ein Stück erfasst ist“, beschreibt er die mühevolle Arbeit. Danach sehe er bloß noch Punkte. Er gehe dann in den Garten, „damit sich die Augen erholen können“.

Auf „einen enormen Arbeitsaufwand“ verweist auch Stephanie Bierholdt, die 2017 die Leitung des Folkloreensembles übernahm. Dennoch sei es „einfach toll“, wenn man ein Endergebnis habe. So könne man bei Liedern, von denen es nur die Hauptstimme gibt, Mehrstimmigkeit erzeugen oder ein Stück harmonischer machen. Wie lange sie für die Erfassung eines Liedes brauche, hänge davon ab, wie gut die historische Quelle sei. „Häufig sind die Notenblätter sehr vergilbt, das strengt die Augen an“, sagt sie. Und natürlich müsse hinterher ganz genau kontrolliert werden.

Die Noten werden einzeln in Notenzeilen eingegeben, dazu gleich die Liedtexte. Danach stünden die Lieder als Einzelstücke für die jeweilige Stimmlage oder das einzelne Instrument sowie als komplette Partituren zur Verfügung. „Die Mühe wird damit belohnt, dass man mit dem Liedgut arbeiten kann“, sagt Wolfgang Kotissek. Die Notenaufzeichnungen und zugehörigen sorbischen (und deutschen) Texte werden mit Beschreibung der Quelle auf Datenträgern und in gedruckter Form archiviert. Sie sind dann für Vereine und weitere Interessenten nutzbar. „Wir streben damit auch die Nutzung durch die Schule innerhalb des Sorbisch- und Musikunterrichts an“, heißt es in der Begründung des Projekts. Das musikalische Erbe im Schleifer Kirchspiel kann so lebendig bleiben und an die Jugend weitergegeben werden. Noch stehe man ganz am Anfang. Bis 2020 soll aber der Hauptteil der Arbeit geschafft sein.

In einem zweiten Projekt werden Lieder für das Folkloreensemble aufbereitet und deutsche Texte eingebunden. Mit dem Ziel, den Sängern und Musikern vollständige Notenmappen mit Liedtexten zur Verfügung zu stellen. Das erleichtert die Zusammenstellung der Programme für Auftritte.

Die beiden Vorhaben werden als Kleinprojekte in der Kategorie „Lebendige Zweisprachigkeit“ mit jeweils 750 bis 1 000 Euro gefördert. Mit wie viel genau, wisse man noch nicht. Genutzt werden soll das Geld unter anderem zur Anschaffung von Notenmappen. Der Antrag der Schleifer auf ein Großprojekt wurde hingegen abgelehnt. Bis zu 20 000 Euro hätte es dafür gegeben. Man wolle ein Musiktraditionszimmer einrichten und darin auch den Dudelsackspieler Karl Tillich würdigen, dem die Schleifer viel zu verdanken haben. Mit der Absage ist das Vorhaben aber nicht ad acta gelegt. Eine neue Ausschreibung des Bundes stellt Fördermittel in Aussicht. Sollte das nicht klappen, wolle man es 2020 noch einmal beim Mit-mach-Fonds probieren.

Inzwischen erfuhren die Schleifer, dass Karl Tillich verstorben ist. Umso größer ist ihr Wunsch, seine Verdienste um die Schleifer Musiktraditionen angemessen zu würdigen.

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