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Feuilleton

Hitlergrüße und Holocaust-Witze in der Schule

Was, wenn Schüler plötzlich Nazi-Sprüche klopfen? Ein Interview mit der Dresdner Extremismus-Forscherin Anja Besand aus gegebenem Anlass.

Das Bild aus dem Jahr 2011 zeigt eine mit Hakenkreuzen beschmierte Schule in Hannover. Auch in Sachsen gebe es rassistisches Gedankengut
Das Bild aus dem Jahr 2011 zeigt eine mit Hakenkreuzen beschmierte Schule in Hannover. Auch in Sachsen gebe es rassistisches Gedankengut © Jochen Lübke/dpa (Symbolfoto)

während eines Workshops über Extremismus kam es an der Oberschule Beierfeld unlängst zum Eklat: Einige Schüler äußerten sich rassistisch und antisemitisch. Auf Arbeitsblätter wurden SS-Runen geschmiert, ein Schüler schrieb „ich kack auf ihre Meinung“, ein anderer empfahl der Vortragenden: „Gehen sie in KZ und mach sie die Gaskammer an.“ Kultusminister und Schulleitung verurteilten den Vorfall, sprachen aber von Ausnahmen. Professor Anja Besand von der TU Dresden widerspricht dem. Mit ihrem Projekt „Starke Lehrer Starke Schüler“ berät das Team der Wissenschaftlerin Lehrerinnen und Lehrer dabei, wie sie mit rassistischem und menschenfeindlichem Gedankengut umgehen können. Denn das, so Besand im SZ-Interview, sei auch an Sachsens Schulen weit verbreitet – sogar unter Lehrern.

Frau Professor Besand, hat Sie der jetzt bekannt gewordene Vorfall an der Oberschule Beierfeld überrascht?

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Nein, leider nicht. Wir arbeiten ja bereits seit einigen Jahren mit Schulen zusammen und unterstützen sie dabei, Handlungssicherheit in der Auseinandersetzung mit antidemokratischen Tendenzen zu entwickeln. Daher wissen wir, dass es immer wieder zu solchen oder ähnlichen Zwischenfällen kommt. Ich würde gleichzeitig aber auch sagen, dass wir es hier mit einem ziemlich krassen Fall zu tun haben.

An wie vielen sächsischen Schulen gibt es rechtsextremistische und rassistische Einstellungen unter den Schülerinnen und Schülern?

Das ist schwer zu sagen und hängt auch davon ab, wie man das Problem tatsächlich definiert. Schulen, in denen Schülerinnen und Schüler im Unterricht empfehlen, die Gaskammern wieder aufzumachen – das ist sicherlich eher die Ausnahme. Aber menschenfeindliche und geschichtsrevisionistische Äußerungen, Hakenkreuzschmierereien allgemein, das gibt es oft.

Und wie groß, glauben Sie, ist der Anteil von Schülerinnen und Schülern, die solche Einstellungen hegen?

Man kann das nicht statistisch erheben. Stellen sie sich mal die Befragung vor: Was sollen wir da fragen, und wie ehrlich würde in einer solchen Studie geantwortet? Aber wir haben an der TU Dresden durch die Praktikumsberichte unserer Studierenden und das Projekt „Starke Lehrer Starke Schüler“ im Jahr Einblick in fast 100 Schulen. Darunter sind nur wenige, in denen es nie zu rassistischen und geschichtsrevisionistischen Zwischenfällen kommt.

In welcher Altersgruppe und an welcher Schulform sind solche Einstellungen am meisten verbreitet?

Wir kennen Fälle aus allen Schularten und Klassenstufen von der Grundschule bis in die beruflichen Schulen hinein. Insbesondere die grundschulischen Fälle sind schmerzlich, weil man es da angesichts des jungen Alters der Schüler am wenigsten erwartet. Der Tendenz nach haben wir die meisten Zwischenfälle in beruflichen Schulen. Aber das heißt nicht viel und liegt möglicherweise nur daran, dass wir uns in diesem Bereich am meisten engagieren und hier besonders gute Einblicke haben.

Anja Besand ist Sozial- und Erziehungswissenschaftlerin und an der TU Dresden Professorin für Didaktik der politischen Bildung. 
Anja Besand ist Sozial- und Erziehungswissenschaftlerin und an der TU Dresden Professorin für Didaktik der politischen Bildung.  © privat

Woher kommen und rühren rechtsextremistische und rassistische Einstellungen bei Schülerinnen und Schülern: Eher aus ihren Familien oder eher aus ihren eigenen sozialen Umfeldern?

Das lässt sich schwer sagen, denn das wird in solchen Situationen ja nicht offengelegt. Zudem unterscheiden sich die Situationen sehr stark. Ich halte es aber für viel zu einfach, die Verantwortung allein bei Familie und Bezugsgruppen zu sehen. Schülerinnen und Schüler sind Mitglieder dieser Gesellschaft und haben ein feines Gespür dafür, welches Gedankengut straflos ausgesprochen werden kann. Da hat sich in den letzten Jahren einiges verschoben. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn sich das auch in Schulen widerspiegelt.

Sind solche Einstellungen auch unter Lehrkräften anzutreffen?

Ich bin froh, dass Sie danach fragen. Denn tatsächlich sind Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf rassistische, geschichtsrevisionistische oder verschwörungstheoretische Äußerungen häufiger Opfer als Täter. Wir haben zunächst auch angenommen, dass es vor allem Schülerinnen und Schüler sind, die solches Gedankengut in die Schule hineintragen – aber das stimmt nicht. Entsprechende Zwischenfälle werden nicht nur durch Jugendliche, sondern auch durch Lehrkräfte, Eltern oder andere schulnahe Personen wie Hausmeister oder Verwaltungspersonal ausgelöst und bleiben gerade dann häufig unkommentiert. Schülerinnen und Schüler wünschen sich in diesem Zusammenhang aber klare Stellungnahmen, damit sie die Vorfälle einordnen können. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Dresdner Schülerin, die sich letztendlich entschlossen hat, ihre Mitschüler anzuzeigen?

Sie meinen den Fall jener Schülerin, die Klassenkameraden angezeigt hat, weil diese Hitlergrüße gezeigt und Holocaust-Witze gerissen haben?

Ja. So etwas ist höchst selten und passiert nur, wenn der Vorfall innerhalb der Schule – das heißt von der Schulleitung, Lehrern, Eltern und Schülern – nicht bearbeitet werden kann oder der Wille dazu nicht vorhanden ist. Und das ist sehr schade.

Aber warum ist das so? Warum reagieren viele Lehrkräfte in solchen Fällen ihrer Meinung nach so zurückhaltend?

Viele Lehrkräfte haben Angst, in der Schule weltanschaulich zu sichtbar zu werden, eine Haltung zu zeigen. Sie glauben, sie wären zu politischer Neutralität verpflichtet. Dabei stimmt das nicht. Im Paragraf 1 des sächsischen Schulgesetzes steht ganz klar, dass die Schule demokratische Werte vermittelt. Sie soll Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, vorurteilsfrei auf andere zuzugehen und Ursachen und Gefahren der Ideologie des Nationalsozialismus zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken.

Das dürfte gerade zurzeit kein leichter Job sein.

Sicher nicht. Man muss aber auch sagen, dass den Lehrerinnen und Lehrern zuweilen schlicht die Zeit fehlt, in der sie sich um diese Themen kümmern können. Sie wurden darauf in ihrer Ausbildung auch gar nicht vorbereitet. Das heißt: Wir brauchen in Sachsen dringend eine Reform der Lehramtsausbildung, mehr Zeit für politische Bildung und mehr fachunterrichtsfreie Zeit, in der die Klassenleiterinnen und Klassenleiter mit ihren Schülern auch mal über einen Konflikt oder Zwischenfall sprechen können. Angesichts der Probleme mit der Unterrichtsversorgung, also den vielen Stundenausfällen, könnte das im Moment sogar eine ziemlich gute Idee sein.

Was wollen Sie mit Ihrem Aus- und Weiterbildungsprojekt erreichen?

Wir arbeiten mit Lehrerinnen und Lehrern daran, praxisnahe und alltagstaugliche Handlungsstrategien zu entwickeln. Schließlich kann man nicht nach jeder Hakenkreuzschmiererei eine Schulversammlung einberufen. Das ist auch nicht nötig, aber es ist wichtig, nicht indifferent zu bleiben. Schulen, die sich in dieser Hinsicht eine Unterstützung erhoffen, können sich im Moment auch noch an das Landesamt für Schule und Bildung in Radebeul wenden und mitmachen bei unserem Projekt „Starke Lehrer Starke Schüler“.

Der Kultusminister und die Schulleitung haben die Beierfelder Ereignisse verurteilt, sie aber zugleich relativiert: Es seien ja nur drei von 25 Schülern betroffen. Was halten Sie davon? Fühlen Sie sich hinreichend verstanden und unterstützt?

Ich bin froh, dass das Kultusministerium politische und demokratische Bildung seit einiger Zeit sehr viel ernster nimmt, als das über Jahre der Fall war. Pauschalurteile helfen uns ja in der Tat nicht weiter. Es ist aber wichtig, das Problem klar zu benennen, und davor schrecken viele Schulen noch zurück. Sie haben Angst vor dem Image-Verlust. Wie wirkt das denn, wenn ich sage: Wir haben an dieser Schule ein Problem mit Rechtsextremismus? Dabei kann eine Schule viel gewinnen, wenn sie deutlich macht, dass sie sich gegen Fremden- und Menschenfeindlichkeit engagiert.

Ist unter sächsischen Schülern rechtsextremistisches Gedankengut stärker verbreitet als in anderen Ländern?

Ich würde es gerne andersherum sagen: In Sachsen zeigt sich Rechtsextremismus und Rassismus derzeit ungeschminkter und ungenierter als an anderen Orten. Das ist eine Chance. Denn erst wenn Probleme sichtbar werden, kann man sie auch gut bearbeiten. In Sachsen haben wir da die Nase vorne.

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