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Hitzekollaps beim Dresden-Marathon

2014 erlebt Paul Schmidt am eigenen Körper, warum ein Marathon so besonders ist. Inzwischen ist er Arzt an der Charité - und Experte für heiße Rennen.

Wie ein Handy-Akku auf null fühlt sich Paul Schmidt-Hellinger kurz vorm Ziel beim Dresden-Marathon 2014. Fünf Jahr zuvor gewann er den Herbst-Klassiker.
Wie ein Handy-Akku auf null fühlt sich Paul Schmidt-Hellinger kurz vorm Ziel beim Dresden-Marathon 2014. Fünf Jahr zuvor gewann er den Herbst-Klassiker. © Holm Helis

Die Szenen sind dramatisch. Bei Kilometer 41 am italienischen Dörfchen zittert Paul Schmidt am ganzen Körper, sein Blick ist nicht von dieser Welt. Erst setzt er sich, legt sich kurz darauf nieder, und als er noch die Augen schließt, rufen die Sanitäter den Notdienst, er landet auf einer Trage im Krankenwagen. Normalerweise ist der Marathon an dieser Stelle beendet, doch nicht bei dem Dresdner. Als erfahrener Läufer und angehender Arzt schleppt er sich mit zwei, drei Prozent wieder aufgeladenem Akku ins Ziel, wo er noch einmal zusammenbricht und eine Stunde lang im Sani-Zelt behandelt wird.

2:41:47 Stunden, eine utopische Zeit für die meisten Hobbyläufer, hat Paul Schmidt damals für den Dresden-Marathon benötigt – davon allerdings fast eine Viertelstunde für den letzten Kilometer. „Ich hatte einen Hitzekollaps“, erzählt der 34-Jährige und bezeichnete die Situation kurz vorm Ziel „als völligen körperlichen und geistigen Erschöpfungszustand“. Vergleichen ließe es sich mit einem überhitzten Handy. Dass er am Ende sogar noch Vierter wurde, ist an jenem 19. Oktober 2014 eine Randnotiz.

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Es war ein warmer Herbsttag. „20 Grad und Sonne“, erinnert sich der Mediziner, der seit der Hochzeit jetzt den Doppelnamen Schmidt-Hellinger trägt. Ähnliche Temperaturen sind auch bei der 21. Auflage am Sonntag zu erwarten. Der Wahl-Berliner, der 2009 den Dresden-Marathon gewann und 2011 auf Platz zwei kam, wird an dem Wochenende in seiner Heimat sein. Doch er kann wegen Schambeinproblemen nicht starten, wird aber beim Laufmedizinischen Symposium am Vortag zusammen mit seinem Chef Bernd Wolfahrt, der deutsche Olympiaarzt und Leiter der Sportmedizin an der Charité, einen Vortrag zum Thema Sportuhren und ihren Sinn halten. 

"Als stünde ich in Flammen"

Schmidt-Hellinger kann noch viel mehr Fragen rund ums Laufen aus medizinischer Sicht beantworten. Er ist mittlerweile deutschlandweit Experte, wenn es um das Thema Hitzeforschung im Hochleistungsbereich geht. Zusammen mit Kollege Matthias Kieb, ebenso ein gebürtiger Dresdner, gehört er zum Kompetenzteam im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV).

Als Verbandsarzt während der Hitze-EM in Berlin, bei der WM zuletzt im Glutofen von Doha sowie in Vorbereitung auf Olympia in Tokio hat sich Schmidt-Hellinger seit vorigem Jahr auch wissenschaftlich mit diesem Thema beschäftigt und Vorträge gehalten, unter anderem vor den DLV-Bundestrainern in Kienbaum. Am liebsten gibt er sein Wissen weiter, das er mit eigenen Erfahrungen untermauern kann. Wie er zum Beispielunter der Karibiksonne 2017 und 2018 den Barbados-Marathon gewann. Er weiß also, wie es sich in der schwülen Hitze läuft.

Nach seinen Erlebnissen zuletzt als DLV-Arzt im Emirat bei 32 Grad und fast 80 Prozent Luftfeuchte selbst noch um Mitternacht und den erschreckenden Bildern von Marathonläuferinnen, die im Rollstuhl wegtransportiert wurden, ist das Thema für Tokio mindestens so wichtig wie das Training selbst. Bei den Sommerspielen in Japan soll es noch schwüler werden als in Doha, dort erprobte jetzt das Organisationskomitee mit viel Aufwand Möglichkeiten, Wettkampfstätten kühler zu machen. Zuletzt experimentierte man sogar mit Schneekanonen. Noch wichtiger aber ist die langfristige Vorbereitung der Athleten.

© Grafik: SZ

„Ohne Hitzeanpassung gewinnt man in Tokio keine Medaille und ist nicht konkurrenzfähig“, erklärt Schmidt-Hellinger, der mit seinen Kollegen viele Maßnahmen entwickelt hat. Für die deutschen Geher wurde beispielsweise ein „Wüsten-Camp“ eingerichtet. In einer Klimakammer am Olympiastützpunkt Potsdam trainierten die WM-Teilnehmer sieben Tage auf Laufband und Ergometer unter extremen Bedingungen. „Wir haben sie an den Rand eines Hitzschlags gebracht, natürlich kontrolliert“, erläutert der Mediziner das Prozedere.

Trotzdem kollabierte Nils Brembach im 20-km-Wettbewerb, erlebte den Moment, „als stünde ich in Flammen“. Bei einer Körperkerntemperatur deutlich über 40 Grad werde es lebensgefährlich, so Schmidt. Bei den anderen deutschen Gehern hatte die Anpassung gut funktioniert.

Erstmals wurde bei einer WM eine Hitzepille getestet – kein Medikament, sondern nur Elektronik. Sie misst die Kerntemperatur, sendet diese über eine Funkverbindung an ein Sportarmband, das der Läufer mit sich trägt. Allerdings beträgt die Reichweite zum Bluetooth-Monitor am Streckenrand nur 30 Zentimeter, was eine Dauerüberwachung unmöglich macht. Die Auswertung erfolgt daher meist im Nachgang.

Bei der Analyse aller Zeiten ist Schmidt-Hellinger aufgefallen, dass selbst die schnellsten Geher im Schnitt fünf Prozent langsamer waren als bei der letzten WM in London. Insgesamt spricht er von Leistungseinbußen zwischen zehn und 15 Prozent.

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Darüber müssen sich die Dresdner Läufer am Sonntag keine Gedanken machen – bei vorausgesagten 19 Grad. Trotzdem hat Paul Schmidt-Hellinger noch Tipps parat: „Kurz anziehen, zum Trinken nur Iso-Getränke oder Gel kombiniert mit Wasser. Und das reine Wasser besser mal über den Kopf kippen, wenn die Sonne sehr scheint.“

Laufmedizinisches Symposium, Samstag ab 10.30 Uhr Congress Center, 13.45 Uhr „Was weiß meine Sportuhr über mich?“ – mit Paul Schmidt-Hellinger. Der Eintritt ist frei.

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