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Hitzeschlacht auf Großenhains Flugpiste

Beim Viertelmeilenrennen der Speednation wurde jede Menge heiße Luft angesaugt – Motorschäden galten fast schon als Pflicht.

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Von Manfred Müller

Großenhains Flugplatzfeuerwehr hatte am Wochenende alle Hände voll zu tun. Unermüdlich patrouillierte der alte russische SIL-Tankzug zwischen den Hangars. Größere Brände musste er zwar nicht löschen, dafür aber umso mehr Swimmingpools auffüllen. Viele Tuning-Gemeinden waren mit aufblasbaren Planschbecken angereist, um wenigstens ab und zu vor der Gluthitze abtauchen zu können. Auch sonst spielte das kostbare Nass beim typenoffenen Schraubertreffen eine gewaltige Rolle, denn ohne ständige Flüssigkeitszufuhr war es selbst unter Sonnenschirm und Zeltplane nicht auszuhalten.

Dennoch galt es für die meisten der aus ganz Deutschland angereisten Schrauber als Ehrensache, am Viertelmeilenrennen teilzunehmen. Je nach Motorklasse und Ausstattung braucht man für die exakt 402,33 Meter lange Strecke zwischen zehn und 15 Sekunden. Sofern der auf Maximalbeschleunigung getrimmte Motor nicht aussteigt. Man muss höllisch aufpassen, dass bei der Verbrennung nicht zu viel Luft eingeblasen wird, weil sonst der Motor abfackelt. Havarien gab es reichlich beim Großenhainer VW-Alarm. Manchmal stieg nur die elektronische Steuerung aus, oft aber auch Motor und Getriebe. Die Reifen halten bei besonders ehrgeizigen Viertelmeilen-Piloten sowieso nur einen Start aus. Das aber kann einen echten Tuning-Fan nicht erschüttern. Rekorde waren zwischen Freitag und Sonntag kaum zu erwarten, weil die heiße Luft den Motoren nicht besonders gut tat.

„Wir haben unseren Rekord dieses Jahr schon eingefahren“, erklärt Kai Taleiser von der Großenhainer Schrauber-Truppe „hinten rechts“. „Und zwar beim VW-Pfingsttreffen in Bautzen.“ Dort herrschten ideale Wetterbedingungen – angenehme Temperaturen und Rückenwind – so dass der aufgemotzte und abgespeckte Golf 2 die Strecke in 12,5 Sekunden durchraste. Und das ohne Turbo. Mit einem Turbo-Antrieb kann man noch höhere Geschwindigkeiten herausholen. Schrauberkollege Roberto Panicke hat es mit dem Golf 1 der Hinten-rechts-Werkstatt schon auf elf Sekunden gebracht. Bei solchen Beschleunigungen wird der Körper gegen die Rückenlehne gepresst wie bei einem Flugzeugstart. Aber der Turbo war am vergangenen Wochenende nicht mit von der Partie. „Abstimmungsprobleme“, bedauert Kai Taleiser. Der größte Effekt auf der Viertelmeile lässt sich ohnehin mit Gewichtsreduzierung herausholen. Deshalb wird aus dem Auto alles herausgesägt und abmontiert, was für ein Rennen nicht unbedingt erforderlich ist. Stahlblech wird durch Aluminium ersetzt, Plexiglas durch Folie. Jeder TÜV-Prüfer würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber der Reiz von Schraubertreffen besteht ja gerade in der Abwesenheit von Reglementierung. Beim Viertelmeilenrennen wurden am Wochenende lediglich Hubraumklassen festgelegt, und die technischen Extras mit einem einheitlichen Faktor belegt. Das setzte der Fantasie der Tuning-Gilde fast keine Grenzen.

Der Schrauberklub „hinten rechts“, zu dem Taleiser und Panicke gehören, ist nach einer Halle im Großenhainer Ausbau-Gelände benannt worden. Die lag rechts hinten, und die jungen Leute machten sich keinen großen Kopf um den Namen. Bis eine Boulevard-Zeitung auf die Idee verfiel, dahinter könnten sich doch nur Rechtsradikale verbergen. Es erschien ein entsprechender Artikel, der die Großenhainer in die Nazi-Ecke stellte. „Ich habe sofort eine Unterlassungsklage eingereicht“, erzählt Roberto Panicke. Es sei bei den Medien mittlerweile üblich, solche Dinge aufzubauschen. „Wenn bei einem Autotreffen mit 38 000 Besuchern zehn rechtradikale Vollpfosten auftauchen“, sagt er, „wird die ganze Veranstaltung zum Neonazi-Event erklärt. Dabei ist das einzig Radikale an den Großenhainern ihr Umgang mit den Autos. Eine Rubrik auf ihrer Website www.hinten-rechts.de ist dem „Materialmord“ vorbehalten – verbrannten Motoren, durchlöcherten Ölwannen und geschrotteten Getrieben. Ansonsten aber, sagt Roberto Panicke, seien die rund 50 beteiligten Tuning-Fans ganz normale Leute, einige von ihnen sogar Kfz-Meister. Dass sie bei den sieben, acht Autotreffen, die sie pro Jahr besuchen, mal richtig die Sau rausließen, sei nichts Ehrenrühriges. „Diesmal haben wir sogar unseren eigenen DJ mitgebracht“, ergänzt Kai Taleiser. „Wir Schrauber fahren voll auf Schlager ab – mit Marianne Rosenberg und Helene Fischer steppt hier Bär.“